Text: Sascha Kösch aus De:Bug 13

Wie das geht, von Grindcore zu Techno. Mick Harris Sascha Kösch bleed@de-bug.de Physis Als ich Mick Harris das erste Mal gesehen habe, war er ein Drummer. Er ist es noch. Aber das Drum Kit hat sich im Lauf dieses Jahrzehnts verändert. Es sind die Knöpfe des Mischpults geworden, die Regler der Effekte, die Verschiebungen im Sampler, die Arbeit an Projekten, Sounds. Die Energie, aber auch die Codes sind ähnlich geblieben. Und Schlagzeug spielt er immer noch, gelegentlich mit John Zorn und solchen Leuten. Er war Drummer der Grindcore Band “Napalm Death”, und es war eine der ersten Grindcorebands. Warum hätte man so etwas mögen sollen. Es war Rock, und der Rest der Besetzung von Napalm Death sind, wie er sagt, immer noch Rocker, und das kann höchst uninteressant sein. Aber es rockte, und das nicht, weil es, wie seine Tracks heutzutage auch, Improvisationen waren, sondern weil es dem Gehirn widersprach. Grindcore setzte sich vor einen, wie ein Fels, machte aus Punks und allen anderen, die sich Mitte/Ende der 80er in besetzten Häusern rumtrieben, weil es die einzigen Freiräume waren, eine ziemlich abstrakte Mischung aus Abgehen-wollen und losgelöster Begeisterung für Noise. Sie machten extrem kurze, extrem schnelle, extrem krachige Musik, die sich allem widersetzte, was es davor gab. Man konnte dazu weder tanzen, noch Headbangen (außer unter der Gefahr, später ein paar Monate mit Halskrause herumzulaufen). Die Energie, die man gerne auf den Körper reduziert, lag nicht nur da, sondern in der Möglichkeit, plötzlich Musik zu machen, die den Körper irgendwie zu einem Witz zu machen, ihn auf die Zuckungen hin zu steuern, auf Unwillkürliches, auf mechanische Randzonen. Grindcore war irgendwie auch Kunst, Musik als Kunst, Skaterterror zu dem nichts mehr swingen konnte, aber alles sich jenseits der Bewegung in Codes verwandelte, die von allen auch so verstanden werden konnten. Grindcore war, wie auch Acid und andere Dinge die zu dieser Zeit entstanden, das Ende der vielbemühten Authentizität zugunsten eines definierteren Umgangs mit Zeichen. Mick Harris mit seinen von oben bis unten tätowierten Armen mittendrin. Peel Für ihn kam dann die Zeit der Sedimentierung. Rings um ihn herum. Der letzte Ausweg von Punk erstickte unter der Last des Rockerbes (Stücke länger, Tracks lahmer, Bedeutung normaler), und nur John Peel mit seiner Radioshow öffnete damals via BBC einer ganzen riesigen Subkultur von Musikern und Antimusikern eine Welt von Absonderlichkeiten, die verschiedenste Bereiche miteinander verbinden konnte, und Musikstile zusammenbrachte, die es vorher nicht aus ihrer Miniszene herausgeschafft hätten. Peel öffnete ihm die Augen für Dub, für elektronische Musik, für Obskures aller Art, und wie vieles aus dieser Zeit waren Technologie und serielle Musik erst durch John Peel an die Stelle gerückt, an der sie durch neue Verbindungen und neue Radikalitäten weiterarbeiten konnten. Sagen wir es mal so: Was Electrifying Mojo für Detroit war, war John Peel für ganz England. Kein Wunder, daß man sie heute überall bei jeder musikalischen Bewegung vorne wiedertrifft, die Peel-Hörer. Und kein Wunder auch, daß musikalische Subkultur in England einen Stellenwert hat wie nirgendwo sonst. Peel war für mindestens ein Jahrzehnt das gute Gewissen des Zentralismus, und das wirkt. Scorn Es war so nach den ersten großen Technozeiten, daß sie plötzlich überall wieder auftauchten, die Helden von gestern, gerne etwas düsterer als alle anderen im glücklichen Land der Summer Of Love-Generation. Sie hatten eine Lektion gelernt, jenseits ihrer Hauptarbeitsstelle andere Wege gefunden, um nicht stillzustehen und waren irgendwie zu elektronischen Musikern konvertiert. Hatten diesen damals noch schwer erkennbaren Hauch von Antiexpressivität, Antihumanismus dorthin weitergetragen, wo plötzlich eh alles passierte. Eine logische Entwicklung eher als ein Am-Ball-bleiben. Leute von Godflesh, Napalm Death, Stupids und vielen namenlosen Bands waren plötzlich am Rande einer Technokunstszene, mitten in Drum and Bass, als Technoanimals, Klutes und andere anzutreffen, und sie hatten wieder etwas zu sagen. Mick Harris machte diverseste Kollaborationen, mit Laswell, Zorn und anderen, hatte plötzlich Breaks vor Augen, die ihm ermöglichten, wieder Teil von etwas zu sein und bewegte sich dort, wie viele, mit einem Rest von industrieller Nostalgie. Während um sie herum nun in den letzten Jahren des Jahrtausends ein gewisser Hang zum Morbiden, zu einem Retropathos und zur Apokalypse immer sichtbarer wird, sind aber jetzt genau diese Leute, deren Leben gepflastert war mit Knochen, Zerstückelungen und Großaufnahmen von Menschenteilen in schillernden Bildschirmstreifen, gewappnet und fast schon in Frühlingsstimmung. Sie haben Systeme und Diskurse hinter sich, die für sie nicht mehr hip sein können, und ihre Musik bekommt wie bei Berkovi z. B. auch eine Heiterkeit und Leichtigkeit, die nach einem Jahrzehnt von Darkness verschiedenster Schattierung zu neuen Kollaborationen führt. Während sein Label Possible Records in irgendwelchen undurchschaubaren Rechtsstreitigkeiten steckt, freut sich Mick Harris gerade auf seine LP mit Surgeon, den er zu diversen Liveauftritten jetzt schon trifft, und auch wenn sie jeder alleine daran in ihren Studios arbeiten, ein Teil Improvisation, ein Teil Körperarbeit und mediatisierte Unübersetzbarkeit bleibt, wenn auch auf der Seite, wo sie sich nicht dagegen sperren will, ein immer wieder zu doppelndes Zeichen zu sein. Gegen die Apokalypse, das Millennium und andere christliche Gesänge vom Ende. Jetzt da: Mick Harris – Total Station (Sub Rosa/CD) ZITAT: Sagen wir es mal so: Was Electrifying Mojo für Detroit war, war John Peel für ganz England.

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Elektronische Lebensaspekte.