Mathew Jonson & Nathan Jonson im Horst
Text: Michael Aniser aus De:Bug 143

Foto: Andreas Chudowski

Dass Mathew Jonson und sein Bruder Nathan aka Hrdvision beide elektronische Musik machen, geht auf das Synthie-Hobby ihres Vaters zurück. Trotzdem sind die Jonsons ein ungleiches Brüderpaar, das mit dem Projekt Midnight Operator Schnittstellen zwischen Minimal, Elektronika und Glitch House verortet.

Die Brüder Mathew und Nathan Jonson trifft man nicht oft gemeinsam, obwohl sie nun schon seit einem Weilchen in Berlin leben und inzwischen auch beide auf Mathews Label Wagon Repair releasen. Musikalisch gehen ihre Wege allerdings sehr weit auseinander. Mit ihrem nicht mehr ganz so neuen, aber frisch gerelaunchtem Projekt Midnight Operator versuchen sie ihre gegensätzlichen Welten zu verbinden. Midnight Operator ist am ehesten als eine Party an den Fluchtlinien zwischen Digital und Analog zu begreifen. Der Genrebending-Über-Act, der sich Sounds nicht mehr pseudoideologisch penibel aus der jeweiligen garagengepflegten Maschine heraus kitzelt, sondern Nerdtum als Party zu zelebrieren weiß. Und einfach mal alles mitnimmt, was geht.

An einem winterlichen Abend im April haben wir beide getroffen, um über Familiengeschichten und Arbeitsprozesse zu sprechen, zudem die Debütalben beider Brüder unlängst auf Wagon Repair erschienen sind. Zwei Uhr morgens im Horst Club, Kreuzberg. Die Party ist eher schlecht besucht, nur vereinzelt huschen Konsensbrillen und subironische Leggings zwischen den Säulen herum. Die Nacht steht ganz im Zeichen der Familie – später sollen noch die Tiefschwarz-Brüder auflegen. Die Barkeeper langweilen sich und Schlange gibt es auch keine. Perfekt. Jedenfalls für ein Interview.

Fuck You!
In jüngeren Jahren, Mitte der 90er, wollte sich Mathew Jonson nicht beim Publikum anbiedern, geschweige denn gefallen. Ausgestattet mit einer ordentlichen Abneigung gegen Konventionelles und der nötigen Vorbildung durch eine klassische Klavierausbildung, dürften seine Shows damals wohl ziemlich angestrengte, zwanghaft avantgardistische Prozessionen gewesen sein, die sich auf ihre Sperrigkeit auch noch etwas einbildeten. Erst später kam er dann darauf, dass die Leute in Clubs gehen, um dort doch tatsächlich zu feiern und zu tanzen. “Es geht auch gar nicht so sehr um den DJ, die Leute wollen einfach nur Spaß haben”, meint er heute etwas altersmilde und gesetzter.

Mathew Jonsons Vater war es, der die Maschinen nach Hause brachte. “Synthies standen bei uns im Wohnzimmer rum”, meint Mathew. Während bei den meisten anderen Kindern eine Modelleisenbahn als väterliches Klischeehobby herhalten muss, hatten die Jungs das Glück, zwischen Drumcomputern und modularer Synthese aufzuwachsen. Mathew war dann auch ganz schnell am Rumfrickeln und Möglichkeiten ausloten. Der jüngere Nathan hingegen beschränkte sich einzig auf ein MIDI-Keyboard, dem er versuchte, möglichst viele Sounds abzuringen. “Es war zwar möglich, Tracks zu mischen und komplexere Songstrukturen zu erzeugen, aber es gab keine Möglichkeit irgendwas rückgängig zu machen, das Teil war ziemlich gnadenlos.”

Wohl auch deshalb sind Nathans Tracks geprägt von diesen kleinen Melodien, die sich immer irgendwo zu brechen scheinen, als wären sie nur hier und jetzt, einmal möglich. Auf seinem Album “Where Did You Just Go?” lotet er diese Zeitschleifen aus und überführt sie in abstrakte Beats und freejazzige Collagen. Sein erstes Squarepusher-Album bekam er einst noch von seiner Mutter geschenkt. Was sie damit im noch formbaren Hirn Nathans auslösen würde, war wohl auch nicht abzusehen. Aber vor allem die Software, die er verwendet, erzeugt diese spezifischen Hrdvsion-Tracks zwischen jäher Auflösung und totaler Überfrachtung.

Hauptsache kompliziert
“Ich benutze Reaktor, um meine Tracks zu produzieren, das heißt, ich habe die Möglichkeit alles zu tun, was mir gerade so einfällt. Wenn ich mir das Studio meines Bruders ansehe, dann scheint das auf den ersten Blick so, als würde es weit mehr Möglichkeiten bieten als ein simples MacBook. Aber Software lässt einem viel mehr Spielraum für verrückte Ideen. Meine Songs entstehen, wenn ich wieder etwas Neues entdecke, was ich mit Reaktor anstellen kann. Beim nächsten Song benutze ich dann schon wieder einen anderen Synth oder Effekt.”

Austauschbarkeit, die keine Beliebigkeit sondern Kalkül sein will, die die unzähligen Möglichkeiten nicht mehr als Hindernis oder Entwertung bestimmter vorgefasster, das vermeintlich Reine predigende Pop-Theoreme sehen will. Das ist der Sound von Hrdvsion und da ist es auch gerechtfertigt, dass er seine Tracks Songs nennt. In jüngeren Arbeiten klingen immer auch Mathews Sachen ein wenig mit und umgekehrt. Ob hier der Produktionsprozess zwingend einen formalen Rahmen bilden muss, ist auch nicht so klar. “Die Leute sollen einfach verwenden, was sie wollen. Alles, womit sie ihren Sound rausbringen können, ist gut. Aber auf keinen Fall sollten sie Dinge verwenden, nur weil sie einfach sind. Das frustriert mich extrem. Dieser ganze Konsumentenaspekt, und wie alle immer überzeugt werden, bestimmte Dinge zu verwenden, nur weil sie vieles einfacher machen. Die Dinge im Leben, die es wert sind getan zu werden, sollten niemals einfach sein”, meint Nathan.

Familienbande
Mathew Jonsons Sound ist ebenso vielfältig, doch die Arbitrarität findet sich hier eher in der Dekonstruktion des Genre-Konzepts als Ganzem, nicht etwa in den von Hrdvsion immer wieder aufgesuchten Leerstellen und Splittern einzelner Töne, Takte oder Melodien. Mathew arbeitet eher intuitiv als konzeptuell, eher Disco als Detroit. Und doch eint diese Herangehensweise an Musik und Komposition beide Brüder.

Es ist, als ob der Ältere das größte Stück Kuchen abbekommen hat und dem Jüngeren nur die Krümel bleiben. Was gar nicht so negativ sein muss, wie es sich zunächst anhört. Vielmehr ist das Rumkrümeln und Suchen eine Klammer, die das Schaffen der Brüder zusammenfasst, und unter den Tisch Gekehrtes wieder heraus kramt. Das darin verborgene Potential, das bei Mathews Produktionen oft auch störend und unpassend sein könnte, erlangt dadurch eine Aufwertung und neue Präsenz. In der Verbindung, oder Rückführung dieser Dinge entsteht so ein nach allen Seiten abgesicherter Klang, dessen Einmaligkeit einzig durch jene über Jahre entstandene Differenz erklärbar ist.

Bei Midnight Operator sind die Rollen dann auch klar verteilt: Mathew liefert die Basslines und das Melodische, während Nathan sich dem Zerhacken und den verqueren Beats widmet. Auf der Bühne sieht das dann auch genau so aus wie der ewige Kampf “Digital gegen Analog”. Ein MacBook wehrt sich gegen eine Armada Studio-Equipment. Oder umgekehrt? Die Tanzfläche füllt das auf jeden Fall. Sogar im fast leeren Horst Club sprüht die Energie sofort auf die Hipster über, einige bewegen sich sogar vorsichtig ein bisschen.

Deutlich mehr Spaß haben an diesem Abend aber Mathew und Nathan beim Equipment-Ping-Pong hinter dem Pult. Früh Morgens steht dann noch Hrdvsion an den Decks, um mit 80er-Trash-Abfuck meine Theorien wieder auszuhebeln. Midnight Operator haben einen Sound gefunden, der das beste aus zwei Welten kombiniert und dadurch einfach funktioniert. Oder in Nathans Worten: “I think it’s going to be loud and bad ass and make the booties shake!”

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Elektronische Lebensaspekte.

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