city of quarz autor.
Text: geert loovink aus De:Bug 04

City of Quarz – Innenstadt und Internet

Ein Interview mit Mike Davis

von Geert Lovink
geert@xs4all.nl

Mike Davis ist Südkalifornier, anders als die meisten, die über dieses Land schreiben. Er wurde 1946 in Fontana geboren und wuchs in Bostonia auf, einem jetzt verlorengegangenen Dörfchen östlich von San Diego. Er war früher Fleischschneider und Truckdriver und lehrt nun urbane Theorie am ‘Southern California Institute Of Architecture’. Sein Durchbruch, wenn man das bei Theorien so nennen kann, gelang ihm durch das brillante “City Of Quarz. Excavating the Future in Los Angeles” (Verso 1990), in dem er die Geschichte von Los Angeles mit Leidenschaft, Wissen und einem genauen Blick für das Absurde, das Ungerechte und Gefährliche untersucht.

De:Bug: In deinem Buch, “City Of Quarz”, hast du Nachbarschaftsfestungen beschrieben, die nicht länger ein Teil des öffentlichen Raumes sind und warst einer der Ersten, die dieses Phänomen analysiert haben. Geht dieser Trend immer noch weiter?

MD: Ich habe früher versucht, darzulegen, daß die Militarisierung der Räume in amerikanischen Städten mit Bezug auf die persönliche Sicherheit gerechtfertigt wird. Auch heute lebt man in einer eingegrenzten Gesellschaft, hinter Wänden, beschützt von einem multinationalen Sicherheitsdienst mit privater Polizei und mit höchstraffiniertem elektronischen Zeug, bis hin zu Geheimräumen zum Schutz vor Terroristen, wie es zur Zeit in Beverly Hills sehr populär ist. Diese ganze Besessenheit nach Sicherheit dreht sich jedoch überhaupt nicht um die Sicherheit selbst. Es dreht sich um Prestige, eine Anmaßung, daß ein gewisser Lifestyle einem garantieren sollte, keine unerwünschten Begegnungen zu haben. Nicht nur nicht mit Leuten die gefährlich sind, sondern auch mit Leuten deren bloße physische Präsenz einen stört, Obdachlose, Arme, usw.
Diese Annahme, daß man sich eine Insel schaffen könnte, fern von all dem und die Absurdität, die das erreicht, enthüllt sich vielleicht am besten in einem Wohnprojekt, das ich neulich in Las Vegas gesehen habe.
Las Vegas war lange Zeit so etwas wie ein Remake von Los Angeles, aber es wurde ‘fast forward’ zu einer Art bösartiger Saat mit mehr als einer Millionen Einwohnern. Man hat einen neuen, abgegrenzten Vorstadtbezirk gebaut namens “Lake Las Vegas”, nebenbei bemerkt mitten in der Wüste. Es gibt dort absolut kein Wasser. Natürlich mußten sie einen großen See bauen, damit man Boote besitzen konnte. “Lake Las Vegas” ist eine abgesperrte und eingemauerte Gemeinde, die wiederum in ihrem Inneren eine weitere abgesperrte und eingemauerte Gemeinde hat, die noch prestigeträchtiger ist. Dieser Impuls ist mittlerweile sicherlich irreversibel. Aber das Interessante daran ist, daß natürlich all diese Protektionierung und Privatisierung des Lebens bei den Leuten, die dort wohnen, psychologische Krisen kreiert.
Der Markt beginnt im Moment das riesige Bedürfnis nach dem Erleben von Raum, von Menschenmengen anzuzapfen. Die Mittelklasse von Südkalifornien entdeckt plötzlich, jetzt da sie in ihren geschlossenen Gesellschaften und Medienräumen sitzt, daß es in der menschlichen Existenz auch etwas anderes gibt. Also wird für sie eine Art Ersatzform für den öffentlichen Raum geschaffen. Die entwickelnden Industrien werden einem heute erzählen, daß die Malls tot sind. Was sie ersetzt sind die historische Bezirke einer Stadt umgewandelt in Theme-Parks, mit einer grossen Konzentration an Medien und Entertainment, Kinotheatern und Geschäften, die gewöhnlich in Konzessionen nationaler Ketten sind. All dies ist geschützt von einer geschichteten unsichtbaren Trennung und der Sicherheit. In Los Angeles sind die besten Beispiele für so etwas die Third Street Promenade (Santa Monica) und Old Town Passadena.
Universal MCI haben eine Miniaturversion von Los Angeles in den Universal Studios mit dem schönen Namen City Walk gebaut. Touristen können in aller Sicherheit wichtige Ausschnitte und simulierte Teile von Hollywood oder DownTown durchwandern, ohne jemals in die Stadt selbst gehen zu müssen. Was all diesen Gebieten gemeinsam ist, sind die Leute, die aus diesen Gebieten ausgeschlossen werden. Alle haben ein erzwungenes dichtes Ausgehverbot. Es ist Gruppen von Jugendlichen verboten, dort herumzuhängen. Man kann nicht einfach an einem Brunnen sitzen und Gitarre spielen. Tatsächlich gibt es in der Stadt Santa Monica jetzt ein Gesetz, das besagt, daß für Teenager die einzige legale Aktivität nach 22 Uhr das Einkaufen ist.

Die Tendenz der letzten 10 oder 15 Jahre in Amerika ist, jenseits der traditionellen Vorstädte in diesen befestigten einschließbaren Lebensweisen zu leben, mit Privatschulen, privaten Annehmlichkeiten usw., die immer selbstgenügsamer werden und dieses andere Verlangen nach Raum hervorrufen. Aber was einem dann vorgesetzt wird, sind nicht reale urbane Räume mit Spontanität, Demokratie oder den Gefahren und Freuden realer Straßen. Die Stadt hat sich in kleine sichere Theme-Parks verwandelt. Man sieht Leute in diesen Strassen umherlaufen und verzweifelt versuchen sich vorzumachen, daß sie zurück in der Stadt sind. Es hat etwas Tragisches und Pathologisches.

De:Bug: Es gibt gleichzeitig zu diesem urbanen Prozess den Aufstieg des “Cyberspace”. Ein vollkommen neuer Diskurs hat sich in den letzten Jahren um das Zusammentreffen oder den Zusammenstoß der “realen” und “virtuellen” Stadt entwickelt. Wie erscheint dir der Gebrauch der Stadtmetapher im Internet?

MD: Das ist und sollte der große demokratische Kampf um die Art der neuen urbanen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts sein. In den Staaten gab es bislang fast überhaupt keine Debatte über die Art und die Zuteilung des Investments in optische Kabel. In einigen Fällen versprach die derzeitige führende Nutzung, daß sie innenstädtische Gebiete nicht diskriminieren würde. In den letzten Jahren wurde man dieser Politik total abtrünnig. Es wird immer sichtbarer, daß die traditionellen Handicaps der Innenstadtbereiche – der Mangel an Arbeitsplätzen, das Investment in die physische Landschaft, das Aushöhlen des Handwerks und der Niedergang der Schulen und Universitäten – jetzt auf elektronischer Ebene wiederholt wird. Aber der Knackpunkt ist, daß darüber nie – schon gar nicht als zentrales Thema – auf politischer Ebene geredet wurde. Die Leute kämpfen gegen Zensur und versuchen das Internet offen zu halten und offensichtlich ist das ein essentieller und notwendiger Kampf. Aber es gibt leider nicht die gleiche Art von Aufmerksamkeit für den Zustand der Innenstadtbereiche. Das virtuelle Ghetto des 21. Jahrhunderts wird ein Nachfolger heutiger Ghettos werden und man kann dies nicht von den Kindern der Innenstädte fernhalten. Wenn man nach South Central Los Angeles geht, wird man Leute in ihren Garagen sehen, die mit Equipment auf der Höhe der Zeit hantieren, nicht nur Internet. Es gibt auch einen gewissen Fortschritt was Kabelanschlüsse für das Fernsehen anbelangt. Aber bislang ist der essentielle grosse Kampf verloren. Es wird zwei vollkommen ungleiche Bereiche in der Gesellschaft geben. Den mit vollem und den mit limitiertem, episodischem Zugang zum Netz.

De:Bug: Nun geht die Debatte, zumindest in Europa, eher über das Design des öffentlichen Teiles des Internet. Ist es sinnvoll darüber als öffentlichen Bereich zu reden oder hältst du “Cyberspace” eher für eine Falle? Sollten wir nicht zuerst den Focus auf die Rekonstruktion realer Räume richten, die Stadt und ihre realen Gebäude und Menschen? Ein Philosoph neuer Medien, Michael Heim, hat einmal behauptet, daß jede Investition in Innenstädte ein Verlust wäre und eigentlich alle Mittel in die elektronische Infrastruktur fließen sollten.

MD: Offensichtlich und einfach als Demokraten, als Leute, die eine Art menschlicher Solidarität am Leben halten wollen, favorisieren wir die affirmative Aktion bei der Konstruktion der neuen Infrastrukturen. Andererseits, wenn man mit den Leuten spricht, die diese neuen Technologien entworfen haben, werden sie einem erklären, daß es reale Probleme bereits beim einfachen Befürworten von mehr Computern für ärmere Schulen gibt. Öffentliche Schulen werden ein riesiger potentieller privater Markt. Disney, Apple und andere Firmen stehen Schlange, um das virtuelle Klassenzimmer zu kreieren. Automatisierte Lehrtechnologien werden speziell auf Schulen, an denen es viel Ärger gibt, abgestimmt. Die Gefahr ist allerdings, daß man vielleicht die Rechner bekommt, aber am Ende keine Lehrer. Im Fall Amerika, wo die Privatisierung der öffentlichen Erziehung klar auf der Tagesordnung steht, geht es nicht nur um Technologien und die öffentlichen Räume der Zukunft, sondern darum, die demokratische öffentliche Erziehung, die zur Zeit eine bedrohte Spezies ist, wieder zu bergen.

De:Bug: Was ist der jetzige Status der “Ökologie der Angst”, wie du den psychischen Zustand der Durchschnittsleute beschrieben hast? Ist es die Angst vor dem illegalen Immigranten oder die vor dem Verlust des Arbeitsplatzes?

MD: Es ist in Amerika nahezu unmöglich geworden, über Arbeitsplätze zu reden. Wenn man über 0% Arbeitslosigkeit vor einer Zuhörerschaft reden wollte, würden sie ihre Köpfe schütteln und gehen. Vor 25 Jahren war das im nationalen Programm der Democratic Party, die war ein Flügel des amerikanischen Kapitalismus. Nun ist es absolut unmöglich, damit ernst genommen zu werden. Die Wurzeln dieses Problems und seine tatsächlichen Lösungen sind der Diskussion nicht mehr zugänglich. Andererseits hat sich der Governor von California mit dem Sprecher der Legislative, einem mexikanisch-amerikanischen Demokraten, zusammensetzt und ein vernünftiges, ruhiges Gespräch darüber geführt, ob sie 16-Jährige exekutieren können oder ob es erlaubt sei, 15-Jährige in die Gaskammer zu schicken, bzw. sie mit einer Todesspritze hinwegzubefördern. Kalifornien ist eine Gesellschaft geworden, in der so etwas vollkommen ernsthaft diskutiert werden kann. Aber über Jobs reden ist utopisch, ein Affront in gewisser Weise. Zwei Drogenspezialisten haben mir mal erzählt, daß die beste Therapie die Aufmerksamkeit ist, die man den Süchtigen widmet, die beste Behandlung für das Problem der Abhängigkeit ist eine sinnvolle soziale Rolle in der Gesellschaft zu vermitteln: Gib ihnen eine Arbeit.
Ich weiß, daß das altmodisch und reduktionistisch klingt.

De:Bug: Letzte Woche fand einer der größten Streiks der US-Geschichte, der von UPS, sein Ende. Haben die Resultate sie bestätigt?

MD: Wie jeder Streik war es ein kompliziertes Ereignis. Die Bürokratie der Firma hatte ein Ziel und die Arbeiter ein ganz anderes. Aber jetzt, nachdem alles vorbei ist, haben Meinungsumfragen gezeigt, daß zum ersten Mal seit 15 oder 20 Jahren eine überragende Mehrheit der Bevölkerung Partei für die Streikenden ergreift. Viele Millionen Amerikaner sind Teilzeitkräfte. Es ging in Wahrheit um die Fragmentierung der Arbeit. Im Bezug auf die öffentliche Haltung zur Arbeit war das ein Wendepunkt. So wie vor 17 Jahren, als Ronald Reagan die Luftverkehrskontrolleure aussperren ließ und seinen Kreuzzug gegen die Gewerkschaften begann. Was nun langsam aber sicher zurückkehrt, ist eine anderes Modell von Gewerkschaft. Nich die Art wie sie in den 50ern und 60ern existierte, sondern in den 30ern, in denen die Gewerkschaften überhaupt erst entstanden sind. Gewerkschaften als soziale Bewegungen, die die Wichtigkeit von Allianzen mit anderen Gruppen verstehen.

De:Bug: Ist es wahr, daß in LA so viele Desaster passiert sind, daß man darüber vollkommen vergißt, daß die Leute dort ein genau so normales Leben leben, wie überall woanders auch?

MD: Auch das ist eher kompliziert. Wenn du mich oder irgendeinen politischen Aktivisten von LA vor ein paar Jahren gefragt hättest, hätten wir uns beschwehrt, daß man, wenn man das Fernsehn anmacht, überall und immer wieder das Gleiche sieht. Egal ob man Beverly Hills Cops oder Bay Watch sieht, was es nicht zu sehen gibt, sind die härteren schwierigeren Realitäten der Strasse und die Wohnverhältnisse der Working Class.
Nun, dank Rupert Murdoch, wurde unser Wunsch schließlich Realität. Murdoch wurde dadurch zum grossen Herrscher der Medien, Reality-TV-Serien wie Americas Most Wanted und Cops werden weltweit ausgestrahlt.
Der Wunsch der L.A. Aktivisten, daß all ihre schwierige böse Realität abgebildet wird, ist wahr geworden. Und wir müssen uns überlegen, was das bedeutet. Es ist wie eine Art elektronischer Version der römischen Gladiatorenspiele, durch die das Leiden der Menschen und das Unglück der Innenstädte zu einem neuen Betrachter-Sport geworden ist, besonders für die Leute in den Innenstädten selbst, die diese Sendungen sehr viel sehen. Es existiert in einer “Brave New World”, in der hinter der bloßen Repräsentation und Dokumentation der schlechten Dinge keine noble, politische Absicht steht.

De:Bug: Wie siehst du die Probleme hier in Europa? Es gibt eine reale Massenarbeitslosigkeit hier.

MD: In den meisten der früheren Länder der ersten Welt sind die Themen sehr ähnlich. Eins der finsteren Dinge ist doch, wie ähnlich und nahezu ununterscheidbar unsere Behausungen geworden sind. Ich habe gerade die Innenstadtaktionsgruppe von Kassel getroffen und dabei ist mir durch die besondere Ironie die das hat aufgefallen, wie sehr die Sozialdemokraten, die ja die meiste Zeit des 19. Jahrhunderts mit dem Kampf für die freie Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht verbracht haben, heute beinahe gefesselt von “Law and Order” sind. Der Sauerstoff, den die Arbeiterbewegungen gebraucht haben, um zu existieren, war damals nicht regulierte freie Meinungsäuerung im wunderbaren Chaos des freien und demokratischen Gebrauchs der Straßen. Es war nicht unbedingt die freie Meinungsäußerung in einem offiziellen Programm des Fernsehens oder die Möglichkeit, sich in der Universität zu äußern.
Was man außerdem überall sieht, ist, daß alle Repressionen, die früher gegen Rassengruppierungen oder Minoritäten gefahren wurden, über kurz oder lang auf Jugendliche ausgedehnt werden. Jeder fortschrittliche Staat kriminalisiert seine Jugend. Selbst die reicheren Kids in L.A. erleben Polizeirepressionen. Sie dürfen die Nacht nicht mehr am Strand verbringen. Man baut ihnen die Lautsprecher aus dem Auto, wenn sie das Radio aufdrehen.
Das ist deshalb interessant, weil wir vielleicht dabei sind, die Bedingungen einer Jugendrevolte anzusammeln, von der wir in den letzten Jahren schon einige Anzeichen in Paris sehen konnten. Dieser Versuch, den Raum zu kontrollieren und zu verpolizeilichen, könnte zu einer Renaissance der Jugend als politische Kategorie führen.

De:Bug: Was sind deine Zukunftspläne? Wird es ein neues Buch geben?

MD: Ich beende gerade ein Buch über Desaster in Los Angeles, über Riots, Erdbeben, Feuer, Fluten und ebenso all die imaginierten Desaster, die L.A. in hunderten von Büchern und Filmen zerstört haben. Parallel dazu arbeite ich mit einer Gruppe von Leuten in Las Vegas, mit denen ich eine Buchdokumentation über die am schnellsten wachsende Stadt Amerikas mache. Normalerweise wird über Las Vegas vom Standpunkt von Leuten wie Hunter Thompson geschrieben, die nach Einnahme einer immensen Menge von Drogen anfangen in einer sehr männlichen, übertriebenen Weise über Städte zu reden. Andererseits hat man auch den postmodernen Standpunkt, der seine Aufmerksamkeit nur den Neonleuchtzeichen schenkt und nicht versteht, daß die ganzen Casinos auch Fabriken sind. Eine der Seltsamkeiten des späten imperialen Amerikas ist ja, daß Las Vegas die letzte Gewerkschaftsstadt Amerikas ist, in der tatsächlich die Mehrheit der Arbeiter in Gewerkschaften organisiert ist. Es ist eine Stadt in der sich die Kumpel und Kellnerinnen tatsächlich ein eigenes Haus leisten können, weil sie zu in einer starken Gewerkschaft gehören. Wir wollen in dem Buch über die sozialen Beziehungen der Reproduktion und des täglichen Lebens reden, die diese Neon-Halluzination in der Wüste kreiert. Und zuletzt arbeite ich noch an einem eher akademischen Buch über die Geschichte der Region während des Krieges.

Das Interview wurde im Rahmen von Hybrid Work Space auf der Documenta X in Kassel am 24. August 1997 geführt und editiert von Patrice Riemens, übersetzt von Sascha Kösch und Mercedes Bunz.
Speziellen Dank an Nettime -> http://www.desk.nl/~nettime/

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Elektronische Lebensaspekte.