Zwischen Detroit-House & Detroit-Elend
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 115


Detroit hat soziales Engagement bitter nötig. Runter von der Straße, ran an den Rechner und die Musiksoftware. Mick Huckaby bringt den Kids den Techno bei. Wenn dabei die eigenen Produktionen ein bisschen auf der Srecke bleiben, macht das nichts. Home is where the heart is. Und seine Tracks sind sowieso legendär.

Wenn man mit DJs oder Produzenten aus Detroit spricht, erzählen sie gerne, dass ihre ansonsten eher brachliegende Heimatstadt mit einem schier nie versiegenden Quell an Talenten gesegnet ist. Aber nicht nur das. Jeder, egal ob Mad Mike, Eddie Flashin Fowlkes oder Theo Parrish, kann einem leidenschaftlich Namen und dazu gehörige Biographien von Bekannten oder Bekannten von Bekanten erzählen, von denen außerhalb Detroits noch nie jemand gehört hat, die aber den Sound der Stadt teilweise maßgeblich mitgeprägt haben sollen.

Ex-Perfektionist
Typen, die in ihrer feinmotorischen Virtuosität auf Augenhöhe mit Jeff Mills oder Claude Young jeden Club in Schutt und Asche verwandeln konnten, aber aus unterschiedlichen, teilweise tragischen, teilweise dämlichen Gründen keinen Platz in den House- und Techno-Geschichtsbüchern für sich reservieren konnten. Local heroes haben es eben nicht immer leicht.

Mike Huckaby gehört zum Glück nicht zu dieser Kategorie. Auch wenn er von sich selber sagt, dass er, der schon Mitte der Achtziger in Detroit mit dem Auflegen anfing, leicht auch einer dieser No-Name-Helden hätte werden können: ”Früher war ich ein Perfektionist. Das war mein Problem. Ich habe das aber jetzt so gut es geht hinter mir gelassen. So lange man versucht, seinen Sound auf ein neues Level zu hieven, ist alles gut. Besser als nach Perfektion zu streben alle mal. Qualität geht für mich aber trotzdem nach wie vor vor Quantität.“

Detroit-House
Ein Blick auf seine Diskographie genügt, um sich zu vergewissern, dass ihn diese Maxime und erwähnter Perfektionismus in den letzten zehn Jahren fest im Griff hatte. Lediglich eine Hand voll Maxis gehen auf sein Konto. Seine erste, ”Deep Transportation Vol.1“ von 1995 auf Rick Wades Label Harmonie Park, wird in Deep-House-Kreisen mittlerweile als Klassiker gehandelt. Während Leute wie Kenny Dixon Jr. oder Theo Parrish, aus einem ähnlichen musikalischen Referenzsystem von Funk über Soul zu Disco schöpfend, zum Inbegriff von Detroit-House wurden, blieb Mike Huckaby ähnlich wie die Beatdown-Posse um Norm Talley und Delano Smith bis heute eher ein Geheimtipp, was nicht zuletzt an seinem minimalen Output lag.

”Sowohl als DJ als auch als Produzent lass ich mir vom Publikum nicht diktieren, was ich spiele oder produziere“, sagt er und ergänzt kurz darauf: ”In den letzten Monaten war ich aber wieder viel im Studio und habe mich dabei mächtig unter Druck gesetzt. Das ist manchmal hart, aber es stellen sich auch Resultate ein. Es wird bald auf jeden Fall wieder einiges von mir und auch meinem Label Synth zu hören geben.“

Educate!
Ein anderer Grund, warum Mike Huckabys DJ- und Produzentenkarriere sich in den letzten Jahren nicht voll entfaltet hat, ist seinem anderen Job geschuldet, den er seit vier Jahren mit wachsender Leidenschaft nachgeht. Er ist Lehrer an einer Detroiter Stiftung:

”Ich unterrichte Reaktor und andere Native-Instruments-Software in Detroit. Am Anfang war nur eine Reaktor-Demonstration geplant. Aber daraus entwickelte sich die Möglichkeit, ganze Kurse zu veranstalten. Das Projekt heißt Youthville und ist wahrscheinlich das Wichtigste, das in Detroit passiert ist seit dem Detroit Electronic Music Festival. Jugendliche zwischen neun und neunzehn Jahren können dort für 25 Dollar im Jahr alles über Musikproduktion lernen. wir sind technisch bestens ausgestattet! Auf meiner Einführungstour über das Gelände war ich so beeindruckt, dass ich nach der Hälfte gefragt habe, wann ich endlich anfangen könne“, erzählt er begeistert und weiß auch seine Erfahrung und seinen Status als Labelbetreiber und Musikschaffender pädagogisch zu nutzen:

”Viele meiner Studenten wissen, dass ich ein DJ und Produzent bin. Ich versuche das zu nutzen, um ihre Aufmerksamkeit für den Stoff des Kurses zu bündeln. Aber eigentlich lerne ich Reaktor von den Kids, die ich unterrichte. Nicht andersherum. Ich lerne wirklich mehr von ihnen, als ich jemals vorher gelernt habe. Es ist großartig.“
http://www.myspace.com/mikehuckaby

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Elektronische Lebensaspekte.

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