Mike Ladd ist nicht etwa nur MC oder Musiker, er ist Künstler, Poet, Punk, Master, MC und besitzt zudem ein funktionierendes Gehirn. Soeben hat er ein neues Album mit enorm avantgardistischem Rockfaktor gemacht. New York bleibt Teil von Amerika.
Text: Jan Simon aus De:Bug 84

Der Poesie-Master
Mike Ladd

Mike Ladd ist Produzent, MC und Sänger. In der New Yorker HipHop-Szene kennt ihn jeder, denn seit 1993 und seinen frühen Auftritten im Nuyorican Poets Café im East Village ist er deren fester Bestandteil. Seit 1997 veröffentlichte er bisher insgesamt vier Alben und nun erscheint mit dem “Nostalgialator“ erstmals ein Mike-Ladd-Longplayer auf !K7. Schon mit dem Titel seines ersten Albums “Easy Listening For Armageddon“ setzte er ein Statement in Sachen schwarzen und hintergründigen Humors. Auf den von ihm produzierten “Projekt“-Alben “The Infesticons – Gun Hill Road“ und dessen Nachfolger “The Majesticons – Beauty Party“ auf dem Ninja Tune Sublabel Big Dada arbeitete er mit der Avantgarde der New Yorker HipHop- und Poetry-Szene zusammen. Er wurde von Künstlern wie Saul Williams, Anti Pop Consortium, El-P (DefJux) oder Vast Aire (Cannibal Ox) unterstützt. Abgesehen von seinem musikalischen Horizont sind diese beiden Scheiben vor allem auch für Mike Ladds Vorliebe für einen konzeptionellen Ansatz repräsentativ. Auf beiden Platten, die Teil einer noch zu vollendenden Trilogie sind, geht es um den Kampf “Gut / Infesticons gegen Böse / Majesticons“.

Auch unabhängig von diesen schon auf Platte wahrzunehmenden Eigenschaften, die Mike Ladd vom Rest der Szene unterscheiden, ist er “anders“. Er wurde in Boston geboren und schloss an der dortigen Universität seinen “Master Of Poetry“ ab. Eine der ihn prägenden Erfahrungen machte er bereits während der Highschool-Zeit, als er gemeinsam mit einem Freund ein Jahr an einer Highschool in Indien verbrachte, die eigentlich für Kinder von Angehörigen der amerikanischen Botschaft eingerichtet war, aber auch von vielen Kindern der linken indischen Elite besucht wurde: “Es war faszinierend zu erleben, wie schwachsinnig sich Leute aus dem Westen in Indien und Tibet auf der Suche nach Spiritualität benehmen. Ich habe dort sehr schnell gelernt, dass Spiritualität keine touristische Erfahrung sein kann. Man hat da so viele Leute gesehen, die Inder und Tibeter beleidigten, weil sie deren Bräuche missbrauchten, ohne auf die Kultur und Normen dieser Gesellschaft zu achten.“ Sein Master versetzte ihn in die Lage, eine Dozentenstelle an der Long Island University anzunehmen – wo er vor allem über das Black Arts Movement der 60er lehrte – und Workshops an verschiedenen New Yorker Highschools zu machen.

ARMES AMERIKA
Seiner neuen LP “Nostalgialator“ ging auf !K7 gerade noch die EP “Housewives At Play“ mit dem exklusiven, äußerst unterhaltsamen “Perversions“ auf der B-Seite voraus. Die LP selbst bedient sehr verschiedene musikalische Genres. Während “Wild Out Day“ beispielsweise eine Reminiszenz an Mikes Punkjugend darstellt, liefert “Sail Away Ladies“ auf sehr humorvolle Weise die Ladd’sche Version eines Johnny-Cash-Songs. Natürlich darf die für ihn standesgemäße Kritik an der Bush-Administration nicht fehlen. Am deutlichsten kommt sie in “Off To Mars“ zum Tragen, mit dem Mike Ladd die Pläne Bushs, nun den Mars zu erkunden, kommentiert: “Well I guess its time to launch – Can’t say I ‘m sad to see you off … All the war and pestilence – Now you’ve found new residence – I’m gonna stay here with the rest.”
Auf die aktuellen Verdienste George Bushs und Donald Rumsfelds angesprochen, äußert er: “Ich wusste, dass solche Dinge stattfinden würden, und denke, dass es ein Teil des Krieges ist, was es natürlich keineswegs irgendwie besser macht. Soweit ich die Geschichte verstehe – und ich habe eine Menge Militärgeschichte studiert – ist Moral ein sehr wichtiger Teil des Krieges. Das aber nur als Tool für Propaganda und als Werkzeug, um die eigenen Truppen zu inspirieren. Außerhalb dessen hat Moral keine materielle Funktion. Wenn es einmal grünes Licht für den Krieg gibt, dann ist grundsätzlich alles möglich, jedweder Konvention zum Trotz. Die Welt sollte sich irgendwann darauf einigen, dass eine Regierung, die sich auf einen Krieg festlegt – insbesondere wenn es um einen so genannten präventiven Krieg geht – auch die moralische Verantwortung dafür übernehmen muss. Wenn die United Nations Eier hätten, dann wäre Rumsfeld jetzt wegen Kriegsverbrechen dran, wenn nicht Bush.“

Über Bushs Wahlkampfkonkurrenten Kerry meint er: “Ich wünschte, ich könnte ihn besser leiden. Ich habe meine Sorgen, dass ein Demokrat wie Kerry in dieser Situation einen Konflikt haben wird. Er wird vor der Frage stehen, ob er ein Macho-Typ oder ein Friedensstifter sein will. Dennoch denke ich, dass alles besser ist, als die gegenwärtige Regierung. Selbst die Hälfte der Konservativen in den USA sieht ja, dass Bush einen grauenhaften Job macht. Schröder und Chirac kritisierten ihn ja aus einer Position der Kameradschaft, als kollegiale Imperialisten. Sie haben sich nicht aus einer Menschenrechtsperspektive gegen den Krieg gewandt. Wenn man aber noch nicht mal dann zuhört, macht man wirklich einen unglaublich schlechten Job. Selbst wenn man alle moralischen Erwägungen aus der Gleichung nimmt, kann man dieser Regierung immer noch vorwerfen, völlig arm zu sein.“

Uns bleibt bis zum Wahltag der Nostalgialator sowie die Auskunft Mike Ladds, dass er mit den Arbeiten am dritten Teil der Big-Dada-Trilogie gerade begonnen hat.

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Elektronische Lebensaspekte.

Mut zur Sperrigkeit. Vergiss die phette Funkiness, willkommen die phette Sprachgewalt. Der New Yorker Hip Hopper Mike Ladd ist zu sehr Spoken Words-Mann, um von seinen inhaltsschweren Texten durch zu slicke Beats abzulenken. Gewinn auch für die Musik.
Text: oke göttlich [oke@nonplace.de] aus De:Bug 36

/hiphop Gegen das tiefe Loch der Inhaltsleere Mike Ladd Mike Ladd macht nicht den besten HipHop. Soviel vorweg. Aber gerade das ist sein Weg, abseits steifer HipHop-Veröffentlichungen der letzten, fetten Jahre für Aufsehen zu sorgen. Besonders beim “The Infesticons”-Album auf Big Dada, einem Ninja-Tune Sublabel, sind seine Sounds nicht fein genug arrangiert. Die überladene Schichtung verschiedenster Stilmittel ist zu wild, um direkt zu gefallen. Zu wenig hiphopspezifisch, um dem Wort ‘Funkyness’ im zeitgenössischen Opinion-Leader-Kauderwelsch zu entsprechen. Schuld an dieser unerhörten Vielseitigkeit ist nicht zuletzt die lange Liste der befreundeten Künstler, die der New Yorker auf seinen Alben auftreten lässt. Sie reicht von Bekannten wie El-P und Company Flow bis hin zur unkonventionellen Eastcoast-Szene um Sonic Sum, dem Spoken Word-Mann Saul Williams und dem Anti-Pop Consortium, die sich alle im momentan extrem aktiven Ozone-Label Umfeld tummeln. Genau hier ist das zweite aktuelle Soloalbum “Welcome to the Afterfuture” erschienen. Anders als bei dem “eilig zusammengezimmerten” Infesticons-Album, ist das Gesamtbild flüssiger und weniger überladen. Die manchmal höher gedrehten BPM-Zahlen und seine typischen Sci-Fi-Soundeskapaden reichen völlig aus, um ein aussergewöhnliches Album vorzulegen, das “Musik präsentiert, bei der Science-Fiction nicht mithalten kann, da Science-Fiction zeitlich zu nah am wirklichen Heute liegt”, wie Mike Ladd meint. tongues vs. songs Dabei ist Ladds Produktionsweise zu Lo-Fi für die Nerds des Genres, in dem die Bässe fett sein müssen und Texte möglichst platt, um Verkaufszahlen voran zu treiben. Diese Art von Musik macht Ladd eben nicht. Und gerade diese Unsitte der verweigerten Skills sind sein Reiz, “verlorengegangenen Hoffnungen wieder einen Spielplatz zu bauen.” Denn, vordergründig geht es hier um Inhalte. Mit seinem ausgeprägten Sinn für gute Lyrics, der durch zahlreiche Texte in Ausgaben wie “In defense of Mumia”, “Aloud: Voices from the Nuyorican” und seinen Auftritten bei den Nuyorican Poets Cafe Slam-Competitions erworben wurde, gelingt es ihm, neue-alte Zeiten aufleben zu lassen. Zeiten, in denen die Lyrics noch von Wert waren und die heute fast ausschliesslich von den (meist) guten Veröffentlichungen des Rawkus-Labels, fein selektierten Superrappin’-Alben und den zurecht hochgelobten Native Tongues um (zuletzt) Common vertreten werden. Mike Ladd selbst käme nie auf den Gedanken, sich neben diese musikalischen (aber kommerziell kleinen) Grössen zu stellen. Zu sehr mag er ihre Musik, um direkt anzuschliessen, dass das Album “einen Versuch darstellt, die Parameter des Souls zu verändern.” Dabei spielen seine Einflüsse von King Tubby, Jimi Hendrix, Curtis Mayfield, Rakim, den Bad Brains und Charles Stepney eine grosse Rolle. Dem fügt Ladd seine sonischen Grosstadterlebnisse hinzu, ohne sich im übereifrigen Nichts zu verlieren. Utopia ”Afterfuture” ist für ihn eine Zeit, “die noch frei gestaltbar ist, da sie noch niemand beschrieben hat.” Für genügend Platz ist in der “Afterfuture” also gesorgt. In dieser rundum grossartigen Zeit muss, für Ladd, “jede Platte deutliche Unterschiede zu bisher veröffentlichten aufweisen, um dem Diktat der toleranten Vielseitigkeit zu entsprechen.” Wer gegen dieses Prinzip verstösst, wird lebenslänglich mit der Pflicht zum ausschliesslichen Milch- und Honigkonsum bestraft. So wird Mike Ladds kreativer HipHop-Pool als wegweisende Basis für experimentierfreudigen, unkommerziellen HipHop nützlich sein. Weit weg von Platten, die heutzutage ihre Krassheit und Derbheit durch pubertäre Battle-Lyrics zu beweisen versuchen, macht Ladd als Amerikaner(!) (im Gegensatz zu seinen deutschen Kollegen) auf die untragbare Rolle der westlichen Alliierten während des Kosovo-Krieges aufmerksam, kickt Lyrics mit Sinn und tritt mit derben Styles battlewillige in das tiefe Loch der Inhaltsleere. Alles in der Hoffnung, zurück zum Spirit zu kehren.

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