Die erste Platte für die Zukunft
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 172

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Miles Whittaker, die eine Hälfte des bereits jetzt legendären Duos Demdike Stare, ist ein praktizierender Philosoph elektronischer Musik und der beste DJ der Welt. Nun hat er sein erstes Solo-Album gemacht. Ein Hausbesuch.

Text: Thaddeus Herrmann

“Da vorne kommt mein Studio rein”, sagt Miles Whittaker und deutet in Richtung Osten. Auf welches Gebäude er zeigt, soll ich lieber nicht schreiben, bittet er, das sei alles noch nicht in trockenen Tüchern, der Hausherr wisse noch nichts von seinem Glück. Ein eigener Raum werde jedoch immer dringlicher: “Hier kann ich auf Dauer nicht wirklich produzieren.” Er zeigt auf die millimetergenau in das Plattenregal eingelassenen Gerätschaften. “Ein Großteil meines Equipments ist noch in England, auch mein geliebtes Mischpult.” Wir genießen die Aussicht. Hoch oben im 15. Stock, in einem vergessenen Teil Westberlins, es ist noch hell, der Fernsehturm wirkt ganz nah dran. Der Fahrstuhl brauchte lange hinauf, die Flure sind verwaist und vertragen einen Schwung frischer Farbe; unten checken die Kids vor dem Supermarkt, was heute Abend noch so gehen könnte.

Vor knapp anderthalb Jahren packte Whittaker seine Koffer in Nordengland ein und in Berlin wieder aus. Jedenfalls zum Teil, zu Hause ist er selten. Auch heute Abend säße er eigentlich schon wieder im Flugzeug, auf dem Weg nach Australien, wenn ihm die Gesundheit nicht einen Streich gespielt hätte. “Der Arzt war sehr diplomatisch. Er sagte, er würde die Reise nicht empfehlen. Zum ersten Mal habe ich mich an seinen Rat gehalten und die Gigs abgesagt.” Gebucht war Whittaker als Demdike Stare, dem Projekt, das er seit 2009 zusammen mit Sean Canty vorantreibt – und das für all diejenigen, die die mehr als übersichtliche Szene Manchesters rund um das Label Modern Love verfolgen, eine der größten und irritierendsten Sensationen seit der Schließung der Haçienda war. Ein radikaler Bruch mit geübten Sound-Ritualen, die Whittaker erst als Pendle Coven, dann als MLZ und Miles gemeinsam mit Andy Stott und Claro Intelecto als nordenglisches Dreigestirn des Dub Modern Love aufgeprägt hatte. Überfällig war diese Neuausrichtung schon lange. Und kreisten Whittakers Dancefloor-Tracks und die Demdike-Stare-Produktionen bislang in völlig unterschiedlichen Umlaufbahnen um den Planeten Techno, zieht “Faint Hearted”, die erste Solo-LP von Miles, jetzt wie ein riesiger Magnet sämtliche Sound-Partikel aus allen Richtungen an. Ein Urknall. Mit Betonung auf Knall, denn es geht um Sound, worum auch sonst.

“Ich bin jetzt soweit”
Über die Vergangenheit spricht Whittaker nicht gerne. Eigentlich auch nicht über die Gegenwart. Als Demdike Stare will er 2013 kein einziges Interview geben. Und das, obwohl gerade eine zehnteilige 12″-Serie gestartet ist: “Testpressing”. Nach dem aufwendigen Album-Projekt “Elemental” mit kompliziertem Klapp-Cover, buntem Vinyl und Endlosrillen kommt nun das genaue Gegenteil. White Labels, quick and dirty, auch musikalisch. “Das wird vielen Fans überhaupt nicht gefallen. Tatsächlich klingen die Stücke mehr nach Dancefloor”, sagt Whittaker und schaut kurz auf sein Telefon. Auf dem Bett atmet der Laptop weißes Licht.

2003 erschien seine erste EP, zu diesem Zeitpunkt produzierte er bereits seit 15 Jahren. “Ich kann mir diese Tracks heute nicht mehr anhören”, gibt er zu. “Ich war einfach noch nicht soweit. Natürlich ahmt man zu Beginn immer andere Künstler nach, wenn man sich selber an die Maschinen wagt, und das ist auch genau der richtige Ansatz. Du musst aber, davon bin ich fest überzeugt, versuchen, wie du selbst zu klingen, und eben nicht wie Derrick May. Ich habe Jahre im Studio verbracht und versucht, Tracks nachzubauen, alle Tricks und Sounds zu analysieren und sie dann selbst umzusetzen. Die Platten hier im Regal, das sind die, bei denen mir das nicht geglückt ist. Das sind die, die auch heute noch ihre Magie voll entfalten. Platten, die ihrer Zeit voraus waren und immer noch sind. Heute fühle ich mich langsam in der Lage, diese Inspiration für meine eigene Musik umzusetzen. Es gab immer wieder Künstler, denen so ein Sound gelang, aber man muss nach ihnen suchen, akribisch und mit Nachdruck. Ich meine das in keiner Weise hochnäsig oder böse, aber auf dem Dancefloor hat sich seit zwanzig Jahren nichts getan. Wir haben immer noch 1991.”
Das sagt der beste DJ der Welt. Miles Whittaker braucht fünf Minuten, um jede noch so an die Wand gefahrene Party am Schlafittchen zu packen und neu aufzustellen, masht Autechre mit Rhythm & Sound, Acid Tracks und Strings Of Life, erklärt der Welt HipHop im Breakdown und winkt mit Aphex Twin. Alles gleichzeitig. Liebe zur Musik buchstabiert man W-H-I-T-T-A-K-E-R. Das passt vielleicht nicht ins Bild, das man von Demdike Stare hat, blitzt aber selbst auf den Produktionen des Duos immer wieder durch. Und auf seinem Solo-Album erst recht.

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Work In Progress
Würde sich Miles ein großes Banner ins Studio-Zimmer hängen, dann wäre das der Slogan. Es gibt keinen Status Quo in der elektronischen Musik und wenn doch, dann interessiert er ihn nicht. Whittaker ist ein Archivarius. Zuerst wird der Aufnahmeknopf gedrückt, dann fängt er an, Sounds zu entwickeln. “Und meistens produziert das Ausschalten dann die besten Momente. Wenn alle Geräte mehrere Stunden gearbeitet haben, drücke ich Stop und genau dieser kurze Moment, wenn das ganze Studio kollektiv ausatmet, zufrieden, erschöpft, erzeugt genau den Klang, den ich stundenlang gesucht habe. Den, den man nicht planen, nicht programmieren kann. Und ist dieser Sound aufgenommen, verkaufe ich ein Gerät meist wieder und lege mir etwas Neues zu. Ich bin kein Sammler. Maschinen, die ich verstanden habe, interessieren mich einfach nicht mehr. Sie können mich nicht mehr überraschen. Ich kenne ihre Stärken und Schwächen und vor allem auch die Fehler, die sie produzieren. Falsche Spannung am CV/Gate, Schmutz in der MIDI-Leitung, ein Kratzen des Filters. Diese Dinge sind meine Hauptinspiration. Gute Momente entstehen immer, wenn etwas schief geht.”

Diese Haltung dokumentiert Whittaker auch auf seinem Album. “Faint Hearted” klingt wie ein Geschichtsbuch aus der Zukunft, mit klaren Referenzen und doch komplett ohne Haltegriffe. Ein tiefgründig rumpelnder Karton, ausgeschlagen mit inside-out geklebter Raufaser-Tapete, randvoll mit kleinen Schlaglöchern, in denen man sich wundervoll verheddern kann. Harsch klingende Transportkapseln für Sounds und Pattern, die in nicht einmal einer Stunde die Erde erst in Schutt und Asche legen und die neue Saat gleich mitliefern. Ungeschliffen, nicht poliert, eher noch bewusst porös geschmirgelt. Man hört den Lötkolben, mit dem Whittaker den Schaltkreisen gerne zu Leibe rückt.

Endlich wieder Trouble auf dem Dancefloor
Noch vor ein paar Jahren hätte ein Album wie “Faint Hearted” kaum mehr als ein respektvolles Schulterzucken verursacht, heute jedoch fällt es in eine stetig größer werdende Nische für Menschen, die abgeschlossen haben mit den immer gleichen Konventionen des Dancefloors. Alles geht. Es wird tiefer gegraben, weiter in der Geschichte zurückgeforscht. “Es klingt vielleicht nach einer sehr vorhersehbaren Antwort, aber für mich sind das die ganz plastischen Folgen des Internets. Die Kids müssen nicht mehr das konsumieren, was ihnen ihr Plattenladen vorlegt. Sie haben wirklich die Möglichkeit, sich musikalisch selbst zu finden. Das ist der Grund, warum Noise-Musiker plötzlich Bassdrums unter ihre Tracks legen oder Doom-Metal-Fans die Platte von Andy Stott feiern. Es gibt ein neues Verständnis von Musik, ein neues Interesse für Vergangenes und Abseitiges. Dass das aktuell oftmals wie New Wave oder No Wave aus den frühen 80ern klingt, ist nur eine Phase. Die finde ich nicht sonderlich toll, aber das geht vorbei. Es ist doch auch völlig klar, warum das so passiert. Klassische Clubmusik ist nicht mehr edgy. Selbst meinem Vater macht eine gerade Bassdrum nichts mehr aus. Vor 20 Jahren ist er ausgerastet, wenn ich zu Hause Techno-Platten gemixt habe. Musik wird anders konsumiert, anders produziert, anders distribuiert. Damit verändert sich auch der Sound. Wird doch auch Zeit! Und natürlich ist diese Szene weder experimentell, noch revolutionär. Ich darf das sagen, ich bin 39 Jahre alt. Aber für die neue Generation von Produzenten ist es genau das. Ein Schritt auf dem Weg zum eigenen Sound. Ich hätte ohne HipHop auch nie Jazz entdeckt. Das gehört dazu, solche Releases sind wichtig. Wenn das einem nicht gefällt, muss man ja nicht zuhören.”
Das Weghören hat Whittaker von der Pike auf gelernt. Jahrelang arbeitete er in der Musikindustrie und verkaufte 12″s an Plattenläden. Irgendwann, sagt er, konnte er nicht mehr. Presswerke 1, Miles 0. Selbst zu Hause mochte er keine Musik mehr hören, geschweige denn produzieren. Alles klang gleich, alles überflüssig. Also kündigte er den Job als Vertriebler und erkämpfte sich Stück für Stück seine Liebe zur Musik zurück; ein langer, schwieriger, aber auch reinigender Prozess. 15.000 Platten habe er besessen, das sei einfach nur dämlich. Jetzt seien 5.000 Tonträger das absolutes Limit, sagt er, mehr als 4.000 sind es aktuell nicht. Und: “Immer wenn ich eine kaufe, muss eine andere raus. Seit drei Jahren mache ich das jetzt so. Aber: Jede hier im Regal ist ein Killer. Und das bleibt auch so. Ich habe die besten Acid-Platten, ich habe die besten Detroit-Techno-Platten. Finde ich. Das heißt nicht, dass ich mir keine neuen Tracks mehr anhöre oder die Nase rümpfe, wenn ein junger Producer in diese Richtung arbeitet. Im Gegenteil. Die sind enthusiastisch, wollen etwas erreichen. Das ist super. Nur kaufen werde ich ihre Platten mit großer Sicherheit nicht. Ich habe 20 Jahre Vorsprung.”

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Verzerrte Erinnerungen
Vor dem Interview, erzählt Miles, hätte er endlich einen lange geplanten Mix fertiggestellt, “mit Tracks, deren Verfallsdatum schon sehr lange überschritten ist; produziert in der ersten Hälfte der 90er-Jahre. Olle Kamellen, aber wenn man sie so aneinandergereiht hört, merkt man, wie herzzerreißend das ist. Utopische Musik, idealistisch, unschuldig, naiv. Ja, man hört genau, dass die Tracks aus den Neunzigern sind, aber sie beschreiben für mich die wundervollsten Momente aus dieser Zeit. Momente, die es wert sind, in die Jetztzeit gerettet zu werden.”
Um diesen Ansatz kreist auch das Album. Kleine Versatzstücke aus der reichen Geschichte der elektronischen Musik. Die sind nicht einfach nur neu zusammengebaut, sondern fungieren als Ausgangspunkt oder Referenz, um Whittakers Ideen ein wenig plastischer zu machen. Dabei muss es sich nicht immer um Sounds handeln, das Konzept betrifft zum Beispiel auch die Wortwahl der Titel. “Loran Dreams” ist so ein Fall, das episch-flirrende Outro der Platte, randvoll mit 70er-Weltraum-Futurismus und plinkernden Arpeggios. Eine Liebeserklärung an einen Synthesizer aus Deutschland, den niemand auf dem Zettel hat. “Rüdiger Lorenz baute dieses Gerät und ich bin in der glücklichen Situation, dass ich seinen Sohn gut kenne. Den Synth hatte ich dennoch noch nicht in den Fingern.”

Wie sich das Album verkaufen und von den Fans aufgenommen werden wird, ist Whittaker – ganz der Künstler – zwar nicht egal, große Gedanken macht er sich aber nicht darüber. Ja, das habe sich alles sehr verändert, nein, Alben seien bestimmt nicht mehr so wichtig, aber, und er steht auf und stellt sich vor sein Plattenregal: “Das sind ungefähr 4.000 Tonträger. Mindestens 98 Prozent davon habe ich nur wegen eines Stücks gekauft. Wie viele wirklich gute Alben gibt es denn in der elektronischen Musik? Zehn? 15? Vielleicht 20. Mehr würden mir wirklich nicht einfallen. Ich erwarte gar nicht, dass man mein Album als geschlossenes Werk wahrnimmt. Mir macht das nichts aus, ich kaufe seit jeher genauso Platten. Ich suche nach guten Tracks.” … und legt eine alte Reload-Platte auf und fragt, ob mir jemals aufgefallen sei, dass das ein Breakbeat im 3/4-Takt ist. “Das macht doch heute niemand mehr. Warum eigentlich nicht? Und warum machen selbst Indie- Bands immer öfter 4/4? Das ist der Grund, warum immer mehr elektronische Musik wieder merkwürdig und unerwartet klingt. Im Moment ist das noch ein sehr unübersichtliches Kuddelmuddel, aber in ein paar Jahren wird sich das geregelt haben. Mit mehr extremen Tracks, mehr extremen Sounds. Das ist gut.” Mit “Fainted Hearted” ist die erste Platte für die Zukunft gesetzt.

 
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Miles, Faint Hearted, ist auf Modern Love/Boomkat erschienen.
Die 12″-Reihe “Testpressing” von Demdike Stare ist vor wenigen Wochen gestartet.

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Elektronische Lebensaspekte.