Beste Sounds aus dem Styrax-Lager
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 130


Millions Of Moments / Styrax

Soziale Netzwerke sind oft ein trügerischer Informationsquell: So ist auf der Myspace-Seite des “Millions of Moments”-Labels Kobe in Japan als Herkunftsort angegeben.

Insider haben das Geheimnis um die Provenienz der meist auf farbigem Vinyl daherkommenden Platten aber längst gelüftet: Dahinter stecken keine Japaner mit fundierten Kenntnissen der europäisch-amerikanischen Techno- und Housegeschichte, sondern der 35-jährige Berliner Steffen Laschinski. Der Spaß an der selbst gewählten Anonymität ist nicht die einzige Verbindung des gelernten Tischlers zur heiligen Achse des Techno-Klassizismus zwischen Kreuzberg und Detroit. Mit seinen beiden Labels Styrax Records und Styrax Leaves versorgt Laschinski die Liebhaber dubbig-verhallter Basic-Channel-Tradition und upliftender Chord-Epen aus der Motorcity seit Jahren zuverlässig mit neuem und altem Material.

Neben frühen Releases des Berliner Dreigestirns Don Williams, Shed und Sven Weisemann, die mittlerweile selbst einen kleinen Klassikerstatus genießen, sorgten immer wieder spektakuläre Wiederveröffentlichungen vergessener Perlen von Künstlern wie Laurent Garnier, Ian Pooley und dem Technosoul-Poeten John Beltran für Entzückung. Doch der Grat zwischen rühriger Oldschool-Attitüde und ewiggestrigem Geschmackskonservatismus ist schmal. “Vor zwei Jahren kam mir Styrax soundtechnisch festgefahren vor. Viele haben damals schon geflachst, ich hätte Styrax auch in ‘John-Beltran-Records’ umbenennen können, so viel habe ich von ihm rausgebracht. Außerdem bekam ich viele Anfragen für Stücke, die auf Styrax nicht gepasst hätten. Für diese Sachen brauchte ich eine neue Plattform“, verrät Laschinski. Die neue Plattform besteht seit 2007 und hört auf den Namen “Millions of Moments“. Ironischerweise stammt selbst der Name für den großen Befreiungsschlag vom drohenden Beltran-Overkill von einem Track von dessen 2006er-Album “Human Engine“.

Millions of Moments kennzeichnet ein äußerst offenes Konzept. Klassische Dubtechno-Studien eines Bvdub finden dort ebenso Platz wie der feinfühlige Deephouse des Italieners Lerosa oder die detroitigen Sägezahn-Chords von Ribn, dem jüngsten Projekt der Essener Manuel Tur und Langenberg. Die größte Aufmerksamkeit erregte 2008 aber ein Re-Issue, die Trüffelschwein Laschinski mit traumwandlerischer Sicherheit auch für Millions of Moments regelmäßig ausgräbt. Mit ultratiefgelegter Bassline und programmatischen Vocals war Craig Alexanders Chicago-Hymne “Soul Revival“ (im Original von 2002) das dringend benötigte Lehrstück für alle selbst ernannten Deephouse-Erneuerer. Trotzdem lautet die Devise eher sanfte Aufklärung als Besserwissertum mit erhobenem Zeigefinger. “Ich möchte nicht nur meckern, sondern den Leuten etwas Positives entgegenhalten. Der Erfolg von Sachen wie Soul Revival zeigt, dass nicht immer alles neu klingen muss.“

Bei aller wichtigen Nostalgie kommt auch der Nachwuchs nicht zu kurz: “Mit der limitierten MOM-Finit-Serie habe ich eine Plattform für Künstler etabliert, die bisher nur auf MP3 verfügbar waren, z.B. Arjen Schat alias Ohrwert.“ Auch für Millions of Moments stehen Innovation und Abwechslung ganz oben auf der Agenda: “Es wird Releases geben von Anton Zap, ein altes Deepchord-Stück, und auch mal eine HipHop-Nummer. Ich überrasche mich dabei gerne selbst ein bisschen.“ Vom Styrax-Ableger zur Wundertüte mit Qualitätsgarantie – der anfängliche Befreiungsschlag hat sich endgültig zum Label mit eigenständiger Handschrift entwickelt. Die Frage nach der Herkunft wird sich da bald erübrigen.

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Elektronische Lebensaspekte.