Von Minne und Krieg
Text: Philipp L'Heritier aus De:Bug 176

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Von kaum weniger handle ihr Debütalbum, so meint Mimu im Interview. Die großen, ewigen und vielleicht letzten Themen fast jeder Kunst und Musik, ein vollmundig formuliertes und Bedeutsamkeit verheißendes Grundmotiv. Mimu sagt solche sicherlich ernst gemeinten und ernstzunehmenden Dinge, jedoch nicht ohne im selben Atemzug einen leisen, immerhin gefühlten Unterton des Schmunzelns mitzuliefern. Was die ursprünglich aus der steirischen Provinz stammende Musikerin und Rundumkünstlerin, die bevorzugt ohne weitere biografische Zusatzinformation einzig unter dem Namen Mimu firmiert (“Mimu so wie Bon Jovi”), auf ihrem ersten Solo-Longplayer namens “Elegies In Thoughtful Neon” da so an komischen Sounds, irren und irritierenden Klängen, im besten Sinne einlullenden und aufrüttelnden Gesängen und spröder Elektronik zusammengebaut hat, ist ohne Zweifel große Kunst. Es spricht aber auch immer Witz aus der Platte.

Angerichtet hat Mimu diese konzentrierte und genau gesetzte Klangordnung neben der Unterstützung von einigen Gästen gemeinsam mit dem in der Wiener Experimentalszene beheimateten Peter Kutin, der Elektronik, Gitarre, Hammondorgel und – besonders prägnant – aus allen Ecken der Welt ins Aufnahmegerät gespeiste Field Recordings zu “Elegies in Thoughtful Neon” beigesteuert hat: Aus der Ferne dringen Stimmen ans Ohr, Schuhe klappern über den Asphalt, Vogelschwärme ziehen auf, dann wieder meint man das Zirpen der Grillen im Morgengrauen zu vernehmen. Diese weirde Verwebung akustischer Instrumente – Mimu selbst ist vor allem am Klavier und der Violine, ein bisschen auch am Akkordeon zugange – mit elektronischem Brummen, Summen und Rauschen und Umgebungsgeräuschen hat meist einen strengen, beinahe schon akademischen Charakter, möchte man sagen. Gleichzeitig versprüht diese wie in Äther getauchte Musik auch immer Leichtigkeit und eine Idee von Pop. Über etwaige öde Grenzen zwischen E- und U-Musik muss man sich hier wieder einmal keine Gedanken machen. Das herausragende Merkmal der Platte ist Mimus Gesang: Sie haucht. Flüstert, spricht Poesie, singt mal kraftvoll, mal zerbrechlich und überlagert sich mit sich selbst zu vielstimmigen Chören. Auf Englisch und Deutsch singt Mimu in einer kunstvoll zusammenjonglierten Sprache von der Liebe, den Kämpfen, die sie so mit sich bringt, und ihrem Verlust. Sie singt aber auch von einem Mörder, der seine Freundin, schnippschnapp, zerstückelt. Oder davon, wie die Liebe zwischen dem Reh und dem Fuchs unerfüllt bleiben muss, und die beiden erst im Tode zueinanderfinden können: in der Fabrik, wo ihre Überreste zu einem Stück Seife gepresst werden.

Nicht selten wird hier in Wortspielen und im Ausdruck die Künstlichkeit, das Exzentrische aufs Ärgste überspitzt, bis hinein ins angenehm Affektierte gedehnt und die Musik fast schon als – liebvolle, natürlich – Macke ausstellt. Es entsteht Reibung, da und dort auch leises Unbehagen. In solchen Momenten wird erkennbar, dass Musik eben auch Kunst, konstruiert und gemacht ist. Und nicht bloß “authentisch” gefühlter Singer/Songwriter-Schlonz, der in einer trüben Stunde der Macherin einfach so aus dem Herzen geflossen ist. Mimu selbst hat kein Problem, ihr ganz und gar bemerkenswertes und wunderbares Debüt und die Dinge, um die es darauf geht und wie es um sie geht, ohne falsche Koketterie als “schräg” zu bezeichnen: “Irgendwas zwischen völlig abgefuckter Love und dem Tod. Das Erstlingswerk eben. Das erste, pubertäre Machwerk, irgendwie.”

Mimu, Elegies In Thoughtful Neon, ist auf Liska Records erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.