Wer in Newcastle Graffiti sprüht, landet zwangsläufig in einer Spacerock-Band und verpasst Techno. Steevio zog zum Glück rechtzeitig um und holt auf Mindtours alles nach.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 106

MInimal

Filter zu, Reduktion da
MIndtours

Wales ist einer der blinden Flecken in Großbritannien, von denen man immer nur phasenweise etwas hört. Rings um das Label Mindtours hat sich dort in den letzten Jahren eine Szene minimaler Housemusik aufgebaut, die einen sehr eigenen Sound entwickelt hat. Tom DeMac von Electronique Audio, Tom Ellis und Leif von Trimsound, Duckett und natürlich Steevio, auf dessen Label Mindtours alle zuerst releast haben.

Steevio gehört zu der raren Gattung britischer Produzenten, die schon Mitte der 80er unterwegs waren. Er war damals Graffiti-Artist in Newcastle, machte zusammen mit einem Freund einen Electroclub und fand so seinen Weg zum Produzieren. Zunächst Electro in diversen Konstellationen und einem Sound, der für ihn jetzt ein wenig so klingt wie Elektroclash. Die Entwicklung hin zu seiner Band Dead Flowers erschien damals ganz natürlich. Und plötzlich spielte er in einer Spacerock-Psych-Band. Das goldene Ravezeitalter, das ringsherum tobte, ging an ihm vorbei. Irgendwann begegnete ihm dann, weil er auf dem Free-Festival-Zirkus unterwegs war, Techno, Detroit und 1993 wurden alle Gitarren eingemottet. Die Space-Echos hat er behalten.

Mit den klassischen Methoden (eine Sammlung aus Roland-Maschinen) bastelte er auf seinem ersten Label Roost Records harte technoide Acidplatten, schließlich kam er aus dem Norden, und der Norden Englands war hart, und natürlich blieb bei ihm auch da ein gewisses Tribal-Element. Der Name Mindtours tauchte damals schon auf, als Livename für Steevio neben seinen Releases als 3000003.

Rings um die Jahrtausendwende machte Steevio dann seine nächste Wandlung. Die Szene der harten Techno- und Acidtracks hatte sich ausgelaugt und ihn zog es zu deeperen Sounds. Er zog um nach Wales, aufs Land, und begann zusammen mit Suzybee, deren VJ-Sets aus handgezeichneten und dann animierten Bildern die Basis für die visuelle Seite von Mindtours wurden, sein neues Label Mindtours 2000. Nach ein paar Veröffentlichungen entstand auch noch das Schwesterlabel Trimsound (ein Anagramm von Mindtours), damals für Tracks von Freunden wie Leif und Ellis, die für Mindtours einfach zu housig waren. Mittlerweile führen die beiden das Label alleine.

Mindtours entwickelte sich immer weiter von Techno weg, hin zu einem abstrakten, reduziert minimalen Sound, dem es vor allem um Polyrhythmik und Deepness geht. Mittlerweile ist das Label bei einem Sound angekommen, der Abstraktion und Funkyness, minimale Effekte und dichte Grooves so perfekt miteinander verbindet, dass man den Sound des Labels sofort erkennt.

“Ich würde es nicht mal als Minimal bezeichnen. Es geht eher um einen speziellen Vibe. Alles, was ich produziere, ist völlig analog. Keine Software, keine Samples. Das Tribal-Element in den Tracks ist eher abstrakt. Viele benutzen ja polyrhythmische Strukturen, meist aber geht es dabei eher darum, einen 4/4tel gegen einen 3/4 Takt laufen zu lassen. In meinen Tracks sind meist fünf oder sechs gegeneinander laufende Rhythmen, die aber so reduziert auf Elemente, die auch sehr im Hintergrund stehen können. Tracks fangen für mich immer mit sehr viel an, aber dann werden alle Filter geschlossen und in meinem Studio, das für mich funktioniert wie ein einziges großes Instrument, so lange auf den keinsten Punkt hin reduziert, bis dass sie noch zusammenhalten.”

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Elektronische Lebensaspekte.