Das Brüsseler Duo Ming definiert Chanson auf ganz eigene Art: Französisch unter dem Atomium singen, die Geräte auf Entdeckungsfahrt schicken, nebenher Fassbinder und Rimbaud einsammeln und New Order aus dem Rückenmark covern.
Text: christian meyer | christian.meyer@lebensaspekte.de aus De:Bug 52

Elektronika

Simone und Garfunkel
Ming

Da stellte sich doch leichte Verwirrung ein, als ich kurz nach dem Interview mit dem belgischen Electro-Pop-Duo Ming eine Anzeige für das neue Album von Ming in einem Fachmagazin erblickte. Demnach heißt das überraschenderweise gerade erschienene Debut Album des anscheinend britischen Duos nicht “Intérieur/Extérieur”, sondern “Red'”. Des Rätsels Lösung: Es gibt zwei Mings. Und voraussichtlich bald auch den üblichen Namensstreit. Den werden hoffentlich die belgischen Ming für sich entscheiden können: Zum einen, weil sie zuerst da waren; und wer zuerst nennt, heißt schließlich auch zuerst! Zum anderen, weil man von diesen beiden äußerst sympathischen und sensiblen Menschen am liebsten alle Probleme dieser Welt fernhalten möchte. Ich treffe Frédérique (kurz Fred) und Nicolas am Rande des Electro Bunker Open-Airs in Köln am Rhein, genauer am Strand des Rheins. Die unterschiedlichen Schiffsmotorengeräusche brummen auf der MD ein munteres Liedchen und verschlucken die in lustigem Englisch zerbröselten O-Töne.

De:Bug: Ich verstehe leider fast kein Französisch. Wie geht ihr an eure Texte heran, wie schreibt ihr sie?

Nicolas: Einer unserer Texte ist von dem Dichter Arthur Rimbaud. Die Sprache, die wir benutzen, ist ähnlich poetisch. Es geht also nicht um Alltagsdinge, wir benutzen auch keine Alltagssprache. An manchen Texten arbeiten wir gemeinsam, an manchen alleine, das hängt davon ab, wer die Musik geschrieben hat. Manchmal sind die Texte sehr abstrakt, manchmal sehr materiell. Fred hat dazu ein Stück geschrieben – “Sentir et Analyser” – das von beidem, vom Fühlen und vom Analysieren, handelt.

Fred: Im französischen Chanson – in bestimmter Weise beziehen wir uns darauf, wenn auch nicht bewusst– gibt es etwas sehr Affektiertes. Für dieses Album habe ich versucht, nicht zu realistisch zu sein und einen neuen Weg in der Poesie zu gehen. Zwei oder drei Stücke sind aber trotzdem ‘exterieur’, also nicht metaphorisch, sondern sehr präzise, technische Beschreibungen von Dingen.

De:Bug: Passt dazu euer Fassbinder Zitat “Liebe ist kälter als der Tod”?

Nicolas: Das ist eine Hommage. Fassbinder hat kalte Texte und lustige Varieté-Musik gemacht. [Hat Nicolas das wirklich gesagt, oder versuchen mir hier die Interferenzen eines Schiffsmotors unterzujubeln, dass Fassbinder auch Musik gemacht hat?] Der Intérieur-Part tritt bei Rimbaud hervor: Er beschreibt einen Zeitgeist, der sehr aktuell erscheint. Das Leben in der Großstadt, die Situation der Jugend, die Opfer der Zeit gibt es immer noch – aber man unternimmt nichts dagegen.

De:Bug: Musikalisch versuche ich euch jetzt mal ganz platt mit anderen Brüsseler Bands in einen Topf zu schmeißen: Die New Wave Band “Honeymoon Killers” war, ähnlich wie ihr, melancholisch und lustig zugleich. Was von beidem ist für euch bedeutender?

Fred: Es ist einfach beides da.

Nicolas: Für mich hat Musik immer etwas mit Melancholie zu tun. Aber auch wenn man so etwas Ernstes macht wie Musik, kann man nicht … ich bin nicht Stockhausen! Wir mögen es zu spielen. Musik ist so etwas wie ein Spiel. Zur selben Zeit ist es aber auch wieder so ernst – wir hängen tatsächlich immer zwischen diesen beiden Aspekten.

De:Bug: Man sagt, es gibt bei euch einen starken Kraftwerk-Einfluss. Ich allerdings denke dabei eher an Telex, die ja ebenfalls aus Brüssel kommen. Sie waren weniger streng, eher spaßig und sehr verspielt.

Nicolas: Dazu können wir nichts sagen. Telex ist uns zu nahe und soo belgisch! Sie kommen aus unserer Parallelstraße. Die Leute machen über diese Nähe schon Witze.

De:Bug: Ihr werdet also oft mit ihnen verglichen?

Nicolas: Zum Glück nicht. Wir sind auch tatsächlich mehr von Kraftwerk beeinflusst. Wenn wir Telex hören, müssen wir immer lachen. Sie machen ständig Witze. 1980 haben sie das Stück “Eurovision” auf dem Album “Neurovision” für den Grand Prix gemacht.

De:Bug: Euer erstes Album “Miso-Mix” ist rauer als die jetzige Platte. Sie klingt reifer, erwachsener. Nicolas erzählte mir vorhin, dass ihr neues Equipment habt. Ist das der Grund für den neuen Sound?

Nicolas: Die Musik wird einfach immer wichtiger für uns. Früher haben wir den Schwerpunkt darauf gesetzt, kleine, lustige Melodien mit dem Synthesizer zu spielen. Jetzt versuchen wir Musik zu machen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die uns die Maschinen bieten. Wir sind darin allerdings keine Spezialisten, wir befinden uns eher auf Entdeckungsfahrt. Wir experimentieren, weil wir nicht genau wissen, was dies ist und wie jenes funktioniert.

Fred: Der Prozess des Suchens ist wahrscheinlich auch interessanter als der Moment des Findens.

De:Bug: Fühlt ihr euch der Elektronik-Szene nahe, oder seht ihr euch eher als Popmusiker? Denkt ihr darüber überhaupt nach?

Fred: Wir reden tatsächlich sehr viel darüber. Es ist nicht so eindeutig. (lacht.)

Nicolas: Nein, im Moment ist das nicht sehr klar… Vor zwei Jahren wollten wir nur noch elektronische Musik machen, keine Chansons mehr, keine Texte, nur herumexperimentieren. Jetzt ist der Pop wieder zurückgekehrt.

De.Bug: Im Moment kann man ja auch kein Gespräch ohne 80er-Retro-Debatte führen. Auch ihr covert “Subculture” von New Order. Ist das eure Jugend?

Nicolas: Die Bassline ist so simpel. Ich habe irgendeine Bassline gespielt und merkte dann, dass sie von New Order stammt.

Fred: Es sollte eigentlich etwas anderes werden, aber plötzlich war es New Order. Für mich sind aber die 80er kein Jahrzehnt, bei dem man melancholisch werden kann. Es war einfach eine lächerliche Zeit.

Nicolas: Eine wirklich schlechte Zeit!

Fred: Wenn das so weiter geht mit diesem Retrophänomen, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Eine Modeerscheinung.

Nicolas: Wir machen uns lieber Gedanken über die Gegenwart und Zukunft als über die Vergangenheit. Wenn man viel über die Zukunft nachdenkt, merkt man, dass das die totale Katastrophe ist. Aber ich will jetzt nicht zu negativ werden. (Lacht.) Es ist ganz einfach, diese Bassline zu spielen: dumm dum dumm dum.. Und dieses 80er Zeug, das könnten wir…

Fred: …1000 Jahre lang machen! (Große Belustigung allerseits.)

Nicolas: Wir sind in den 80ern groß geworden und kennen deshalb die Musik genau, das ist alles.

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Elektronische Lebensaspekte.