Über das merkwürdigen Gebaren heutiger Grundschüler, die kaum dem Sandkasten entronnen sind, aber schon mächtig auf die Image-Pauke hauen. Fee Magdanz kennt die Szene als Erziehungsberechtige einer Tochter im kritischen Alter und ist nicht amüsiert.
Text: Fee Magdanz aus De:Bug 107

Special

Image Trainees
Die kleinen Monster tragen Prada (auf MySpace)

Die Pubertät ist noch Meilen entfernt und den Entschuldigungsbrief einer Jugendkultur haben sie auch noch nicht in der Tasche. Trotzdem wandeln unsere Kids, gerade erst aus ihren Bugaboos herausgewachsen, durch die Welt, als würden an jeder Ecke Paparazzi auf sie lauern. Ulkige Phänomene, die man bis dato eher bei Upper-Class-Kids oder heranwachsenden Celebrity-Gören à la Paris Hilton kannte und nicht gut heißen konnte, werden dieser Tage zur Alltagskultur unserer eigenen Kinder: Der Besuch bei der Pediküre oder dem Imageberater stehen, genau wie der mit Unterstützung eines Eventmanagers zum gesellschaftlichen Höhepunkt avancierte Kindergeburtstag, ganz oben auf ihrer Wunschliste. Das individuelle Selbstverständnis der Kinder hat sich verändert, ebenso wie ihre Affinität zu Markenprodukten und zur perfekten Selbstinszenierung. Die Player der globalen Konsumgüterindustrie dürften sich angesichts dieser Entwicklung wahrlich die Hände reiben und haben dementsprechend ihr Angebot im Segment der Produkte und Serviceleistungen für Heranwachsende und die Kleinen ab dem Kindergartenalter massiv ausgeweitet, nicht zuletzt, da die Umsatzprognosen für den noch jungen Markt bis heute mehr als optimistisch ausfallen. Selbst bekannte und in der mittleren Preiskategorie angesiedelte Kosmetikmarken wie beispielsweise Bébé führen plötzlich so etwas Absurdes wie Selbstbräuner für Teens im Sortiment.

Ursache und Wirkung: Familie2.0
Allerdings sind es nicht die Markenhersteller allein, die man hier zum Buhmann erklären kann, weil sie unsere Kinder vermeintlich verziehen. Kommunikation und Information, beides allgemeingültige, relevante Faktoren unserer Identitätsfindung, finden heute in der in Analogie zu Web2.0 frisch getauften Family2.0 fast ausschließlich über Mediennutzung statt. Wir Erwachsenen verschieben unseren privaten Raum zunehmend in den Netz-Raum. Unsere Identität mutiert immer mehr zum Image, das den Regeln medial präsenter Vorbilder folgt, und die Qualität und Aktualität dessen ist zugleich auch der potentielle Erfolgsquotient für die eigene Massenwirksamkeit und auch die in der innerfamiliären Struktur. Unsere Kinder wachsen also wie selbstverständlich mit der Existenz medialer Räume und den hier gängigen Image-Regeln im Alltag auf und sind zu guter Letzt sogar selbst noch ein nicht unerheblicher Bestandteil unseres eigenen Eltern-Profils: Meine MySpace-Seite, mein eigener Klingelton, mein Sohn, die MySpace-Seite meines Sohnes …

Willkommen MySpace-Familie
Das Phänomen der gepimpten Kids, die auf Celebrity-Spuren wandeln – in den USA fast schon Alltag, doch mittlerweile auch hierzulande im Kommen -, ist dabei wohl mehr ein Signifikant für das sich verschiebende Selbstverständnis ihrer Eltern und dessen Projektion auf den Nachwuchs. Wenn kleine Mädchen ganz selbstverständlich wie Erwachsene geschminkt zur Vorschule stolzieren, um hier nicht als uncool durchzufallen, mehr Stunden vor dem Spiegel und mit dem Austausch irgendwelcher Fashion-News verbringen als beim Spielen mit den Freunden, dann ist das in letzter Konsequenz ein Produkt und zugleich Spiegel der aktuellen Erwachsenenwelt. Was wir uns da heranzüchten mit unseren getuneten Minis, ist längst noch nicht abzusehen. Die soziologische Definition des Begriffes “Kindheit” jedenfalls bedarf bald mal einer ausgiebigen Aktualisierung.

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Elektronische Lebensaspekte.