Streicher-Loops in Klassik-Soundscapes
Text: René Margraff aus De:Bug 109


Greg Haines ist wohl das erste Minimal-Classic-Wunder-Kid. Mit Cello- und Violinen-Loops sowie zurückhaltendem Software-Einsatz erschafft der Engländer minimale Klassik-Soundscapes. Sehr wenige Töne bestimmen eines der intensivsten Alben des Jahres, ideal für Fans von Max Richter oder Jóhann Jóhannsson.

Mit “Slumber Tides“ ist ihm eine große Überraschung gelungen. Nach gerade mal einem Sampler-Beitrag kommt diese Platte quasi aus dem Nichts. Erik Skodvin von Deaf Center hat dafür gesorgt, dass sie auf seinem Label Miasmah erscheint, einem weiteren Ex-Netlabel, das sich erfolgreich an Hardware traut.

Töne setzt Greg Haines in seinen zumeist langen Stücken sehr bedacht, langsam bauen sich die Harmonien auf, langsam erscheinen Stimmungen wie Gestalten aus dem Herbstnebel. Greg Haines kann eigentlich auch nicht anders. Sicherlich, Minimalismus ist für ihn eine bewusste Entscheidung, die aber auch dadurch bestärkt wird, dass ihm Virtuosität einfach nicht möglich ist: “Ich würde mich nicht als guten Cellisten bezeichnen, nicht mal als mittelmäßigen, um ehrlich zu sein. Ich habe Cello und Violine gelernt, nachdem ich beschlossen habe, diese Sounds in meiner Musik zu benutzen. Ich hatte mit zwölf Jahren mal ein wenig Unterricht, den ich aber schnell aufgab, um elektrische Gitarre zu lernen, wie das eben so ist in diesem Alter. Als ich mich dann vor ein paar Jahren wieder diesen klassischen Instrumenten zuwandte, hatte ich natürlich alles vergessen. Ich kaufte eine Violine und lieh mir ein Cello von einer Freundin (danke, Aimee!) und versuchte, die Sounds zu spielen, die ich mir vorstellte. Wenn klassische Cellisten meine Streichtechnik sehen würden, müssten sie wahrscheinlich heulen, aber für mich funktioniert es. Ich strenge mich an, Melodien nicht zu kompliziert zu machen oder zu dekorieren, daher sind sie auch eher einfach zu spielen.“

Die Entstehungswege der Stücke sind unterschiedlich, erlaubt ist alles, was ihnen dient, manche durchlaufen mehrere Phasen. Ein Großteil von “Slumber Tides“ entstand nach dem Prinzip der Musique-Concrète-Bewegung. Grundlegende Sounds bestimmen das Stück: “Ich habe mich bewusst für eine kleine Sound-Palette entschieden, meist begann ich mit einem halb improvisierten Motiv, das ich dann in verschiedenen Formen verwendete und weiter abstrahierte. “Snow Airport” besteht zum Beispiel zu 90% aus einem zehn Sekunden langen Cello-Sample, das ich manipuliert und zerlegt habe.“

In seinen Hörgewohnheiten ist Greg allerdings nicht festgefahren oder dogmatisch, für ihn ist Sufjan Stevens genauso wichtig wie Steve Reich oder Henryk Gorecki. Er hat auch noch ein weiteres Projekt, Statskcartsa, bei dem er sich mehr auf die Gitarre konzentriert und alles eher poppig ist. “Wenn es mir mit ‘Slumber Tides’ zu anstrengend wurde, habe ich oft ein Statskcartsa-Stück geschrieben. Es ist einfach nett, sich mit der Gitarre hinzusetzen und ein paar schöne Melodien und Arrangements zu schreiben, ohne viel nachzudenken. Es ist ein anderer musikalischer Ansatz, Ideen und Gefühle zu verarbeiten. Er ist weniger subtil, aber spontaner als meine Stücke unter meinem eigenen Namen. Einen Statskcartsa-Track kann ich unter Umständen an einem Abend fertig machen, während einige Stücke auf ‘Slumber Tides’ mehr als ein Jahr in Arbeit waren.“

Wie sieht es denn mit Einflüssen aus?
Greg Haines: Ich denke, dass ich von allen Musikarten, die ich höre, gleich stark beeinflusst werde. Für mich gibt es keine musikalische Hierachie. Wenn es um Klassik geht, dann ist es aber wohl Arvo Pärt. Seine ‘Tintinnabuli’-Technik war für mich immer der perfekte Mix aus konstruktiven Kompositionsmethoden und Gefühl. Wenn man mich je fragt, warum meine Musik so minimal ist, kann ich nur Pärt zitieren: ‘Ich habe entdeckt, dass es reicht, wenn eine einzelne Note schön gespielt ist.’ Ich bin zwar noch nicht so weit, mit einzelnen Noten zu komponieren, aber je mehr ich schreibe und meine Technik sich verfeinert, desto weniger Noten und Instrumente werde ich brauchen. Wenn ich jemanden mit meiner Musik so sehr berühre, wie Arvo Pärt es bei mir schafft, wäre ich ein sehr glücklicher Mensch.

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Elektronische Lebensaspekte.

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