Der Kölner Falko Brocksieper spielt Platten, produziert Platten und bringt sie raus. Und zwar durch die Label Sub-Static und Karloff. Er macht Minimalisten, Puristen und Dancefloor-Opportunisten gleichermaßen glücklich. Dabei immer offen: die geschmackliche Hintertür.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 78

Schalkzeit im Kölner Minimalismus-Sumpf
Falko Brocksieper

Wenn man im Untergeschoss der Kölner Wohnung von Mia und Falko Brocksieper steht, ist klar, warum die beiden Betreiber des Sub-Static Labels eine Liebe zu analogen Sounds und dreckigen Synthies vereint. Eine solche Anhäufung von Synthesizern habe ich bis jetzt noch nirgendwo gesehen. Ein großer Teil von Falkos Zeit fließt entsprechend auch in die Jagd nach immer neuem, altem, besonders begehrtem Equipment. Davon haben auch die beiden vorliegenden Releases profitiert.
Ein augenzwinkerndes Acid-Brett, plus oldschoolige Hommages an Detroit, auf Resopal und Treibstoff releast dann den eher Brocksieper typischeren Sound, aber auch diese EP hat einen gewissen Schalk in den Augen, der immer dann, wenn man nicht genau aufpasst dem Minimal Techno einen leichten Drall verpasst, so dass Puristen und Dancefloor-Opportunisten gleichzeitig grinsend anfangen mit der Hüfte zu wackeln, ohne den Zeigefinger erheben zu müssen.

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Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Resopal?

Falko Brocksieper:
Ich wollte einfach mal raus aus dem eigenen Sumpf, denn ich glaube, dass es von der Zielgruppe her keinen großen Unterschied macht, ob ich was auf Sub Static, Treibstoff oder Trapez release. Auf meinen Track für die “Jack to Future” Compilation auf Resopal bekam ich z.B. Emails von Leuten, in denen ich gefragt wurde, ob ich denn sonst schon mal was auf Platte herausgebracht hätte. Warum dann also nicht eine 12″ auf Resopal, die daran ohnehin schon Interesse hatten.

Studio Raver

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Man hat das Gefühl, dass bei den Resopal Tracks das Kind, der begeisterte Techno-Jüngling in dir zum Vorschein kommt. Schon bei eben dem Stück auf der “Jack to Future” Compilation hatte ich beim Hören den Eindruck, du musst bei der Produktion eine Unmenge Spaß gehabt und viel gelacht haben?

Falko Brocksieper:
Da meinst du sicher hauptsächlich die A-Seite von “Screamo Organo”. Ja, das stimmt. Ich stehe zwar grundsätzlich in einem ernsthaften Verhältnis zu Techno, mag es aber die klassischen Techno-Signale bei aller Wahrung ihrer Funktionalität mit ein wenig Humor zu betrachten und manchmal auch, deren Absurdität vorzuführen. So weit wie bei “Screamo Organo” war ich aber damit bisher nicht gegangen. Das hat sich einfach im Studio so ergeben und ich dachte mir: Warum eigentlich nicht?

Debug:
Die beiden Releases vermitteln das Gefühl, dass du im Studio zwei verschiedene Persönlichkeiten unter einen Hut bringen musst. Falko ist der abstrakte, nachdenkliche Typ, der minimalen Techno bastelt und, na klar, wo auch sonst, als in Köln mit Sub Static und Treibstoff verwurzelt ist, und der Herr Brocksieper ist derjenige, der ihm dabei auf der Nase herumtanzt, immer mal wieder von Ausflügen nach Chicago und Detroit brabbelt und dessen Lieblingsdroge Acid auf Massenraves ist. Gibt es einen Sound, etwas was dir immer besonders wichtig ist, der jedem deiner Releases – egal auf welchem Label – anhaftet?

Falko Brocksieper:
Ich bin schon viel länger DJ, als dass ich produziere, von daher sind meine musikalischen Vorlieben von Natur aus breit gefächert. Und in meiner Techno-Sozialisation haben z.B. Köln, Detroit, Chicago, und ja, sogar Frankfurt, eben auch eine große Rolle gespielt. Es war nie meine Idee oder mein Ziel, in einer ganz bestimmten Ecke zu stehen und im Endeffekt immer dasselbe zu machen. Mich interessiert eher, eine bestimmte Eigenart von Sound in die verschiedensten Spielarten einfließen zu lassen. Vieles von dem da draußen klingt mir persönlich im Moment zu synthetisch und leblos und ich bin irgendwie auf der Suche nach einem organischeren Sound, der trotzdem crisp ist und nicht matschig klingt.

Debug:
Woher kommt denn diese neu entdeckte Liebe zum Dancefloor-Approach? Auch Mia ist ja im Moment auf dem Weg, die minimalen Pfade zu verlassen und sich zwischen Berlin, Chicago und Pop jenseits von Köln eine neue Heimat zu suchen. Ein neuer Sound auch für Sub Static, oder nur ein Ausflug in andere Gefilde?

Falko Brocksieper:
Ein Ausflug beinhaltet ja auch immer eine Rückkehr, und ich glaube nicht, dass das die elektronische Musik weiter bringt. Irgendwo passiert immer was Neues, Frisches, Spannendes und so geht’s dann eben weiter, auch wenn vielerorts dann gern ein “sich untreu werden” kritisiert wird. Aber ich denke, man sollte für sich und sein Publikum immer ein gewisses Bestreben nach dem freshen Sound haben. Ob als Label, Produzent oder DJ. Was Sub Static betrifft, muss ich ja hier mal sagen, dass es aus unserer Perspektive nie ein klassisches Minimal-Label war. Ich würde eher behaupten, dass wir phasenweise ein verstärktes Interesse für minimalistische Ansätze hatten und auch haben. Aber die Ausflüge in andere Gefilde gab es von Anfang an bei jeder zweiten oder dritten Platte. Im Moment bringen wir mehr Sachen raus und produzieren, mehr Tracks, die wir selbst auch kompromisslos auflegen können und Sub Static etwas mehr als Dancefloor-taugliches Label profilieren. Das wird sich auch bei Mia’s Doppel-12″ zeigen, die im Januar/Februar ansteht. Um uns da aber nach wie vor eine geschmackliche Hintertür offen zu halten, haben wir vor einiger Zeit ja auch noch unser Sublabel Karloff gegründet.

Minimalismus ist tot

Debug:
Gibt es eine allgemeine, weg vom Minimalismus, Tendenz in Köln?

Falko Brocksieper:
Tendenz ist gut! Minimalismus ist wohl nirgendwo so tot wie in Köln. Aber man kann’s ja auch verstehen, denn seinen Minimal-Peak hatte Köln schon zu Studio-1-Zeiten. Und als dann daraufhin überall der “Sound of Cologne” ausgerufen wurde, wollte hier schon niemand mehr was davon wissen. Der Minimalismus als Grundidee hat heute eben nichts revolutionäres mehr, und muss somit auch nicht mehr als Forschungsfeld von Techno-Intellektuellen betrachtet werden. Aber der entscheidende Einfluss, den Minimal-Techno auf jegliche Club-Musik von Ark bis Kylie Minogue genommen hat, ist ja trotzdem nicht von der Hand zu weisen. Es wird jetzt eben einfach unkomplizierter damit hantiert. Dass purer Minimal-Techno heute langweilig ist, würde ich aber so nicht sagen. Auch dort hat sich viel entwickelt und es gibt einiges, was sehr cool und auch zukunftsweisend ist. Jay Haze oder Fym zum Beispiel. Dass das hierzulande eigentlich nur selten im Club funktioniert, liegt sicher nicht nur an der Musik. Eigentlich ist es ja traurig genug, dass man erst in Städte wie Bratislava reisen muss um festzustellen, dass auch 100% strikter, anspruchsvoller Minimaltechno eine Party rocken kann, wenn die Leute nur ein klein wenig unvoreingenommener sind.

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Elektronische Lebensaspekte.