Wenn Vernetzung sich Anschlussmöglichkeiten offen halten will, dann geht es darum, das Netzwerk selber schön dumm zu machen und mit einem einfachen Protokoll auszustatten. Zu "minimalisieren" wie Robert Hood auf seiner ersten Axis EP "Minimal Nation" sagt. Wir sprachen Sync oder Midi. Am Anfang des Minimalismus elektronischer Musik steht nämlich vor allem die Vernetzung von Maschinen, das Miteinander-Sprechen, wenn man so will, aber vor allem das auf einfache Art
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 55

Der minimale Unterschied
Maximal Minimal

Die Geschichte elektronischer Musik war von Anfang an durchsetzt von vielen Geschichten des Minimalismus. Sagt man heute zu allem möglichen Minimal, dann nicht so sehr, weil alles auf einmal so minimal klingt. Elektronische Musik klang immer schon, egal wie laut, minimal. Und das nicht nur durch die offensichtliche Beschränkung auf 1. Technologie als zentrales Equipment und zentrale “Aussage” von Musik; 2. die ziemlich klare Absage an das in fast allen anderen Musikrichtungen zentrale Ausdrucksmoment von Stimme oder 3. die Konzentration auf die Randgebiete des hörbaren Spektrums, Bass und Hi-Hats. Minimalismus ist keine Reduktion von Vielem auf ein Ding, sondern eine Fokussierung auf neue Intensitäten und offene Netzwerke. Minimalismus ist immer auch maximal, Maxime und eine neue Vielseitigkeit.

Das Konzept elektronischer Musik
In den Anfängen stand elektronische Musik als infrastrukturelles und ästhetisches Phänomen erst mal ganz schön weit draußen. So weit, dass man damals gelegentlich sogar bereit war, das “Subkulturelle” (zu dieser Zeit noch ein ziemlicher “In”-Begriff) von elektronischer Musik in eine Mischung aus chemo-biologischem Hedonisten-Materialismus zu verwandeln. Obwohl nahezu jede Art von Begrenzung und Verzicht von außen immer erst mal als Minimalismus gelesen wird, entstand gleichzeitig auch eine Art von vielseitigem inneren Minimalismus. Ein Minimalismus, der irgendwo mit der Drummachine und der durchaus vernünftigen Einsicht von 808 Programmieren begann, dass 16tel nicht nur bei weitem genug zeitliche Differenzierung für einen Takt sind, sondern vor allem in der elektronischen Präzision einen ganz eigenen Groove, eine eigene Intensität haben. Schluss mit dem sinnlosen Feuern synaptischer Signale an ein Interface aus Haut, Knochen und Trommelfellen, das den Körper als semantisches Konglomerat Mensch in eine Musik “ausdrückt”, deren Freiheit erst die präelektronische Freiheit befreiter Körper war, dann zur Freiheit der Recodierung wurde und schließlich zu einem geschlossenen System. Einem System, dem langsam nicht nur die neuen Tanzschritte ausgingen, sondern auch die Möglichkeiten, aus dem Netzwerk Mensch auszusteigen, was eben Ende der 80er auch hieß, aus der globalen One-to-many-Kommunikation auszusteigen. Eine Band, viele Zuhörer oder Produzenten und Konsumenten. Soweit alles klar.

Das Netz
Wesentlich wichtiger aber noch als die eine Maschine, die man immer gerne an den Anfang von Minimalismus stellt, ist die Einsicht oder Praxis, die auch das, was man heute das Netz nennt, zu dem gemacht hat, was es heute als so endlos anschlussfähig erscheinen lässt: die einfachen Enden. Genau deshalb heißt das Internet in der amerikanischen Fachsprache auch “dumb network”. Wenn Vernetzung sich Anschlussmöglichkeiten offen halten will, dann geht es darum, das Netzwerk selber schön dumm zu machen und mit einem einfachen Protokoll auszustatten. Zu “minimalisieren” wie Robert Hood auf seiner ersten Axis EP “Minimal Nation” sagt. Wir sprachen Sync oder Midi. Am Anfang des Minimalismus elektronischer Musik steht nämlich vor allem die Vernetzung von Maschinen, das Miteinander-Sprechen, wenn man so will, aber vor allem das auf einfache Art Miteinander-Sprechen-Können. Menschen sind nämlich in ihrer Kommunikation zuweilen recht umständlich, als Netzwerk oft sogar recht unumgänglich. Intelligenz, das würde einem jeder der Urahnen des Internet bestätigen, gehört nach draußen, an die Enden des Netzwerks, die Außenstellen. Uns quasi, weshalb dieses ganze antihumanistische Geschwätz, das wir so betreiben, als elektronische Musikanten, ja auch so ungemein menschenfreundlich ist.

Die ganze Minimal Nation
Doch zurück zur Minimal Nation. Robert Hood war natürlich mitnichten früh dran mit der Fokussierung auf die Kleinstbauteile des Grooves und dem Offenlegen des Netzwerks aus miteinander kommunizierenden Maschinen. Er brachte es nur einfach recht gut auf den Punkt. Ähnlich wie auch Daniel Bells frühe DBX Produktionen auf Accelerate und Plus 8 ging es Robert Hood damals um diese Art neuer Intensitäten zwischen der Linearität elektronischer Grooves und der Klarheit der einfachen Kommunikation der Schnittstellen innerhalb der Maschinen. Während er aber mehr auf das modulare Element der Sounds zielt und damit die 303 Welt von frühen Acidtracks in eine noch flüssigere Qualität der Modulationen übersetzt, die man hinterher in der grundlegenden “Concept” Reihe von Hawtin immer noch hören kann, zielte Bell mehr auf die Kanten des Grooves. Das führte zu einer fast kubistischen Form von Sounds, die z.B. Mike Ink nach diversen Profan Produktionen als “Studio 1” in einer Serie weiterführte, in der die Einzelligkeit der Bell Sounds weiter zu einer digitaleren Polyrhythmie entwickelt wurden. Im Anschluss, aber auch in Reduktion des layerartigen Konzepts von Basic Channel, bei dem es weder um Modulation noch um Kantigkeit ging, sondern der Linearität mit Effekten, Resonanzen u.ä. eine ständig gespiegelte gebrochene Art der Intensität entgegenzusetzen, deren “urgeneratives Moment” Dub wäre. In dieser ständigen interreferentiellen Auseinandersetzung mit den Schnittstellen, die Klang nach anderen Regeln bearbeiten und bearbeiten lassen (elektronische Grooves, Schnitte, innermaschinelle Kommunikation etc.) und in der Konzentration auf klare Regeln der Netzwerkstruktur, gewinnt nicht nur jeder Fehler, jeder Bug usw. eine herausragendere Position, was z.B. an Ovals “Systemisch” und seinen CD Klickern oder später Poles Filterknacksen, aber auch schon dem “akzidentiellen” Rauschen bei BC gerne falsch verstanden wurde, sondern eben auch die das ganze sichtbar machende Fokussierung auf algorithmische Besonderheiten. Ich glaube, wir haben alle.

Unter uns
Was? Temporale Schnitte, die Auseinandersetzung mit Zeit, Serialität und deren Brechungen, sowie Resonanzen und Intensitäten der Differenzierung, sowie algorithmisch-generative Reduktion der Protokolle zwischen den Maschinen und Schnittstellen. Da man dies auf die verschiedenste Weise tun kann und muss, und nicht nur die Schnittstellen, sondern auch die Protokolle sich ständig entwickeln, man also immer neue Sprachen lernen muss, wird Minimalismus wohl ständig unter uns bleiben, sich einerseits immer wieder entlang neuer Schnittstellen ausdifferenzieren, aber auch ständig wieder reduzieren, da man immer erst mal mit den einfachen Sätzen anfängt, deren Bedeutung vor allem Funktionen sind. Die Konzentrationen und Schwerpunkte der verschiedensten Minimalismen, die allein Minimalhouse (House, weil wir hier von einem Mysterium rings um die 127 BPM reden) auf sich vereinigt, besetzen die einzelnen Endpunkte dieses Systems. Sie besetzen sie je nach der Fokussierung auf Dub, Effekte, Kubistik, Harmonie, Sequenz, Linearität, Distinktion, Generativität, usw.; mit der Fokussierung auf Dinge, die noch längst keinen Namen haben. So erzeugen sie ständig Subgenres, für die ein jeweils einzelner Name eben grundsätzlich nicht mehr reichen kann. Weshalb wir dann doch bei Minimal bleiben, auch wenn der Plan war, viele, viele Subgenres zu basteln, auf die dann eh keiner hört, weil man Minimal nicht ohne sein Gegenteil hören kann und sich trotzdem nur eine verschrobene Dialektik daraus bauen lässt.

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Elektronische Lebensaspekte.