Der Schul-Referendar Peter F. Spiess ist richtig glücklich über Internet-Label: Endlich hat man die Hobby-DJs vom Hals, die nur Musik auf Vinyl registrieren, und kann sich voll auf die Vertonung seiner liebsten De-Chirico-Gemälde konzentrieren.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 78

Minimalismus zwischen Netlabel und Klanggemälde

Irgendwo zwischen Köln und Aachen an taubedeckten Rheinwiesen ist Peter F Spiess verortet. In Köln hat er studiert, produziert und sich verliebt. Von dort kommen immer wieder Inspirationen herangeweht. Dort, wo er jetzt wohnt, in Düren, ist er Referendar an einer Realschule, wenn er nicht gerade an düster minimalen Soundscapes für neue Releases bastelt. Bis jetzt ist bei Erwähnung seines Namens immer gleich der Zaubername des Labels Klangelektronik mitgeschwungen, damit ist nun Schluss. Peter F Spiess hat, wie so mancher seiner Kollegen, ein “neues” Medium entdeckt und releast nun – ob seiner Freundschaft zu Labelinhaber Jay Haze – auf dem Netaudio-Label textone.org. Dort kann man sich die sechs aktuellen Tracks seines Minialbums herunterladen, wenn denn der Server gnädig ist. Da textone auch als Plattform für Texte bis Diskussionen etc. rund um Netaudio dienen soll, lässt sich die Langeweile während der relativ langen Downloadzeit mit Informationen und Ideologien rund um das “anarchistische Bastardkind der Musikindustrie” vertreiben. Zwei der Tracks wollen nicht so wirklich – die technische Seite des Labels ist anscheinend noch nicht ganz ausgereift. Nach diversen Anläufen erklingen schließlich die ersten psychedelischen Flächen von “Amsterdam”.

Das Album überascht in seiner Konsequenz, obwohl eigentlich gar nichts Überraschendes daran ist. Die Musik klingt immer noch nach dem Peter F Spiess, wie wir ihn von den Klangelektronik-Releases kennen. Trotzdem haben die schon fast schockierend sauber produzierten Klänge einen anderen Drive, sie sind noch darker, abgeklärter, ruhiger, ernster. Der Produzent ist auch ein sehr ernsthafter Musiker, seine Musik ein Ausdruck seiner Persönlichkeit und die Möglichkeit, Kunst, die ihn inspiriert, vor allem metaphysische Malerei, in Klänge umzusetzen.

Debug:
Wie kam es zu dem Release auf textone.org.? Warum hast du dich für ein Netaudio-Label entschieden?

Peter Spiess:
Ich betrachte die Idee, die hinter Netlabels steckt, als eine sehr gute Sache. Diese Methode, Musik zu publizieren, bietet mehr künstlerische Freiheiten. Man muss nicht notwendig die Gesetze von Track A1 und B1 für den Club befolgen. Schon seit längerem schicke ich mit Jay Haze MP3s hin und her, wobei wir unsere Sachen gegenseitig anhören, um so einen künstlerischen Austausch zu erreichen. Irgendwann haben wir halt beschlossen, aus meinen Sachen ein textone.org-Release zu machen.

Debug:
Was bedeutet es für dich als Künstler, auf einem Netlabel zu releasen, kann sich das für dich überhaupt lohnen? Bei deiner Musik zieht das Argument, dass du mehr Auftritte bekommen kannst, weil dein Name sich einer breiteren Hörerschaft darbietet ja nicht wirklich, weil die Musik dieses Albums im Clubkontext wahrscheinlich nicht unbedingt funktioniert.

Peter Spiess:
Muss man denn mit allem gleich Geld verdienen? Ich mache die Musik vornehmlich für mich selbst und schneidere nichts für irgendein Label maß. Das Release hat auch etwas damit zu tun, dass in Amsterdam Leute eine gute Sache betreiben und an meine Musik glauben. Jay und Björn haben das Material auf ihrer dreiwöchigen Japantour auf seine Clubtauglichkeit geprüft und dabei war die Resonanz ausgesprochen positiv.

Debug:
Gibt es ein Mehr an Aufmerksamkeit für dieses Album, weil es ein Netaudio-Release ist, oder ist das Interesse der Öffentlichkeit dadurch eher geringer, oder – wie man hoffen sollte – ändert sich durch das Medium, auf dem deine Musik erschienen ist, gar nichts an der Herangehensweise der Öffentlichkeit?

Peter Spiess:
Auf diese Weise spricht man ein völlig anderes Publikum an. Vornehmlich Menschen, die sich für elektronische Musik begeistern, aber keine Hobby-DJs sind. Ich hoffe, dass sich dadurch etwas an der Herangehensweise der Öffentlichkeit ändert.

Debug:
Ist es trotz Netlabel noch notwendig, sich an so konventionelle Formate wie ein Album zu halten, mehrere Tracks auf einmal zu releasen? Warum?

Peter Spiess:
Nun ja, mit dem Begriff Mini-Album bewegt man sich innerhalb einer Terminologie, die Konventionen anmuten lässt, die es aber für das Release gar nicht gab. Ich hätte vielleicht einfach nur von einem Release gesprochen. Obwohl ja Anzahl und Länge der Stücke auch in den Mini-Album-Kontext passen. Warum die Sache dann nicht auch so nennen? Ich finde das relativ unwichtig; der Gesamtzusammenhang der Stücke sollte halt nicht durch mehrere Releases zerstört werden. Für mich bedeutet ein Label, Musik einer Hörerschaft anzubieten. Ob man das nun per Gratis-Download oder Vinyl-Release macht, das ist dabei eher zweitrangig. Außerdem hat sich beim Sprung von Vinyl zur CD auch nicht viel an der Terminologie geändert. Warum sollte man das nun ändern?

Debug:
Das Album ist für mich ein totales Winteralbum, sehr dark, schon fast depressiv. Sich gegen die Diktatur der Kälte und der Introvertiertheit auflehnende Sounds kommen immer wieder an die Oberfläche und werden dort zurückgedrängt von diesen teilweise schon fast aggressiven, leicht orchestralen Störgeräuschen. Wie ein nächtlicher Ausflug in eine unbekannte Welt, die einem nicht allzu wohlgesonnen ist …

Peter Spiess:
Hm, ist das wirklich so depressiv? Als so kalt empfinde ich das gar nicht, aber ich muss die Musik ja nur produzieren und nicht versuchen, Abstraktes wörtlich fassbar zu machen. Das Spannendste, was je jemand zu meiner Musik gesagt hat, war: “Der muss eine schwere Kindheit gehabt haben.” Was solche Leute wohl zu Kerry King und Jeff Hannemann (die Gitarristen von Slayer, Anm. d. Red.) sagen würden?

Debug:
Du verwendest hauptsächlich sehr kalte, feingeschliffene Sounds, auch die Flächen funtionieren eher wie klagende Hintergrundgeräusche, im Vergleich zu den Klangelektronik-Releases fehlen die spielerischen, freundlicheren Ebenen, warum hast du dich so vom Dancefloor wegorientiert?

Peter Spiess:
Ich habe mich nie zum Dancefloor hinorientiert. Aber so, wie du es beschreibst, war eigentlich schon immer meine Idee von elektronischer Minimalmusik. Ein Basisrhythmus, über dem sich Flächen und Klänge ausbreiten, um damit eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Darauf aufbauend lasse ich mir alle Freiheiten. Die Stücke sind teilweise nach Bildern des italienischen Malers Giorgio de Chirico benannt. Ich habe versucht, etwas von der Atmosphäre seiner Werke einzufangen und musikalisch zu verarbeiten.

Debug:
Wie wird deine zukünftige Zusammenarbeit mit Textone/Contexterrior aussehen?

Peter Spiess:
Ich denke, die Zusammenarbeit wird sich auch weiterhin intensivieren. Als nächstes kommt eine Split EP zusammen mit Jay Haze auf Contexterrior, dem physischen Label von Jay und Björn. Ganz konventionell auf Vinyl.

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Elektronische Lebensaspekte.