2005 war alles Minimal, auch wenn niemand mehr so genau weiß, was das überhaupt sein soll. Über den Rise-to-Fame eines unschuldigen Begriffs.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 99

Minimal – Klingt einfach gut

Minimal ist tot, lang lebe Minimal. Schon als Anfang des Jahres Richie Hawtin seinen neuen Wahlspruch gefunden hatte, Minimize to Maximize, war die typische Reaktion: Mini-was? Kein Mensch konnte dieses Jahr dran interessiert sein herauszufinden, was Minimal ist, weil Minimal schon letztes Jahr endgültig das Erbe von Techno angetreten hatte, das vor langer Zeit mal das Erbe von House angetreten hatte, das …

Und die Situation ist überraschend ähnlich wie damals. Während House eigentlich erst durch die Hegemonie von Techno Anfang bis Mitte der 90er in den Zugzwang kam, ein durch und durch steif definiertes bis anrüchiges Genre zu werden, Techno aber gleichzeitig zum Synonym der Offenheit für alles wurde und zum universell einsetzbaren Affix (ich sag nur Jungle-Techno, Funky-Techno, Techhouse usw.) und man schon ganz schön schräge Begründungen suchen musste, warum man House immer noch als Schlachtruf verwenden wollte, fällt es einem jetzt leicht, wo Techno nur noch jenseits der 135 bpm spielen darf, zu behaupten, dass selbst der brachialste Dahlbäck-Track Minimal ist. Nicht wenige Plattenläden schaffen mangels passenderem Namen ein friedfertiges Winterschlaf-nebeneinander-Fach namens Cologne/Minimal für Sleeparchive, Thomas Schumacher und Marc Houle. So wie damals eine kurze Zeit Techno alles war, man gleichzeitig aber nicht nur keine Ahnung mehr hatte, warum man es denn so nennen sollte, und die große Spezialisierung längst überall begonnen hatte, hat Minimal jetzt endlich, wo keiner mehr weiß, was da alles noch drunter fällt und was längst nicht mehr, dieses Jahr den Punkt erreicht. Damals folgte eine Serie von Brüchen in der Clubkultur und in Genres, die einfach nicht mehr die Möglichkeit hatten, eine kompatible Abendgarderobe zu finden. Damals aber traf das Ganze auf eine Pitch-Beschleunigung, während der Dancefloor heute resolut ein Tempo durchhält, das kaum Probleme hat, sich zwischen +8 und -8 zurecht zu finden.

Maximierung, Minimalisierung, das sind nach “Rocker” nicht mal mehr ästhetische Kriterien. Nachdem letztes Jahr – hierzulande einigermaßen unbemerkt – Minimal im Fahrwasser sämtlicher deutscher Musik für den Dancefloor auf Welteroberungskurs in die vom Rock-Revival ausgedünnten Clubs geschickt wurde, dort aber selbst Jahrzehnte eingefahrene Technoideen vom Sockel stoßen konnte und das globalisierte Kontinuum eines bestimmenden Sounds für die Clubs zwar noch beliebige Oldschool-Ismen Monat für Monat als Hype postulieren konnte, ist dieses Jahr vor allem eins klar geworden: Musik für den Dancefloor, egal aus welchem Kaff sie kommen mag, hat nur noch in Ausnahmefällen, vor allem aber aus strategischen oder marktpolitischen Gründen, den Geruch eines Ortes oder einer Herkunft. Der Sound einer Stadt, oder, kleinteiliger betrachtet, Szene, war dieses Jahr musikalisch vor allem Stillstand oder Nostalgie, Liebhabertum oder verschnarchtes Distinktionsmerkmal. Die Techno-Kulturpessimisten, die sich verzweifelt den “neusten” Sound ans Altherrenrevers heften wollen, haben sich dieses Jahr die Zähne ausgebissen, nächstes dürften sie dann drauf kommen, dass das Goldene Zeitalter der Dancefloor-Pluralität wieder angebrochen ist und das vollkommen Elektroclash-frei und jenseits und unbeachtet aller Subjektivitäts-Phantasmen.

Schon beim Berlin-Hype bis letztes Jahr hätte einem all das klar sein können, denn es ging nie um einen Sound Berlins oder Deutschlands, sondern um das Amalgam einer nicht ganz in den Blick bekommenen Dancefloor-Weltbürgerschaft, die es längst nicht mehr braucht, weil sie mehr als Tatsache ist. Minimize to Maximize hatte einen entscheidenden Fehler. Das “To”, das, egal wie man es dreht und wendet, einen Bezug zwischen den beiden großen M’s herstellen will. Anstatt ein gut gelauntes Nebeneinander zu postulieren, in dem ehemalige Acidproduzenten auf Kompakt trancige Discoraveplatten ebenso machen dürfen, wie ehemalige Tranceproduzenten jetzt Bilderbuch-Acid machen können und mittendrin freakigste, abstrakteste merkwürdigste Tracks entstehen, die einlösen, was die jahrelang resolut entscheidungslose Unentschlossenheit der Bindung von Minimal an Techno oder House angedeutet hatte. Minimal, nie als Wort so undefiniert und musikalisch unbestimmt wie 2005, ist bis zum eigenen Verschwinden dieses Jahr zur Basis geworden, auf der zusammenfindet, was man noch vor nicht allzu langer Zeit für unmöglich gehalten hätte.

Gleichzeitig aber passiert genau das nicht, was man vielleicht hätte erwarten können, massenhaftes Auswandern in das heimische Heil der Unterscheidbarkeit eines neuen Stils. Im Gegenteil, die Haltlosigkeit des Undefinierten treibt Label weltweit dazu, sich selber zu multiplizieren und Sublabel nach Sublabel zu starten, die nach Facetten suchen, die sich nicht als Stil rechtfertigen müssen. Die entscheidende Frage 2005 war nicht: Wer bist du, wo kommst du her, wie klingst du, sondern: Was geht? Nachdem sie beinahe im Zuge der zwar sinnvollen, aber viel zu oft in den Vordergrund gerückten Historisierung einer Form von Musik, die sich eben auch immer – nahezu selbstverständlich – als ahistorisch verstanden hat, als Zentrum verschwunden war, schlägt sie zurück, die Funktionalität, und das nicht zuletzt, weil jeder auch den letzten Traum ausgeträumt hat, sich irgendwo in das Popmusikgeschehen einreihen zu wollen oder zu müssen.

Und wenn immer noch nicht klar ist, warum man überhaupt noch was Minimal nennen sollte, wenn es doch um ein Kontinuum von Musik für den Dancefloor geht, das kaum in eine noch so abstrakte musikalische, ästhetische oder methodologische Definition passt? Man soll nicht, man soll nie was. Aber es hat immer schon Spaß gemacht, Fahnen hochzuhalten, die niemand entziffern kann, so wie es immer schon Spaß gemacht hat zu sagen, man hört Techno oder House, wenn vorher völlig unklar ist, dass das, was man selber darunter versteht, irgendetwas mit dem zu tun hat, was beim Gegenüber ankommt. Und schließlich, Minimal klingt einfach gut.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. t

    Einen simplen Prozess so kompliziert beschrieben – ob das passt? Ansonsten netter Style.