Roundtable mit Mark Ernestus, Shackleton, Kode 9 & DJ Pinch
Text: Uh Young Kim aus De:Bug 117

Nochmal Schwein gehabt. Nach dem Zusammenbruch der Breakbeatunion und dem Zerwürfnis elektronischer Zwergenstaaten schien die gerade Bassdrum zum totalitären Ideal des kollektiven Freudentaumels zu werden. Dancefloor-Dialektiker beschwörten schon das Ende der Geschichte zweibeiniger Tanzmotorik herauf. Doch mitten aus dem Wurmloch des ‚Hardcore Continuum’ ist da dieses Londoner Hybrid namens Dubstep aufgetaucht, und auf einmal geht wieder was.

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Schritt Eins: Polaritäten überwinden

In einer Zeit, in der nur noch Erfolgsrezepte durchdekliniert werden, jedes Geheimnis der Clubkultur bei eBay katalogisiert ist und ein Google Ad mehr wert ist als ein radikaler Beat, knüpft Dubstep an eine verschüttete Mythologie an, von der man schon glaubte, sie sei nichts weiter als eine Jugendspinnerei gewesen. Vielleicht gibt es ja doch das Gegengift zur allgemeinen neoliberalen Ernüchterung, zum Minimalsonstwas-Konsens und dem freien Fall der Vinylkultur. Dafür muss man wieder ein Stück weit zum Detektiv werden und tiefer graben als bis zu den nächsten DJ-Charts. Als Belohnung wartet eine Kreuzfahrt auf der ‚Black Ark’ durch „Blade Runner“-Szenarien.

Nun soll es hier nicht darum gehen, Techno und Dubstep gegeneinander antreten zu lassen – im Gegenteil. Zumal das mit den Schubalden mittlerweile eh eine ziemlich verhakte Sache ist. Wo das eine Genre nicht mehr greifbar ist, weil es zu weit ausdifferenziert die Welt regiert, wehren sich die Aktiven des anderen vehement gegen eine Stildefinition.

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Schritt Zwei: Impulse abgreifen

Jene Gestrandeten der Clubkultur, die mit dem Dub-Virus infiziert sind, wissen nur zu gut, dass auf die Kategorie der Ausverkauf folgt. Demnach wird an runden Tischen im Königreich gerade heiß diskutiert, was ein „Incredible“ aus der Szene anrichten könnte, also ob Dubstep wie Jungle damals mit einem Chart-Hit dem sicheren Untergang entgegensteuern würde – und ob die Aufbruchsstimmung der ersten Dubstep-Welle nicht sowieso schon verflogen sei.

Völlig unbeeindruckt vom aufkommenden Schwanengesang nimmt das Reservoir an eigensinnigen Dubstep-Produzenten weiterhin munter Fluchtlinien, um dem Tod durch Erstarrung zu entgehen. So ist die vermeintliche Polarität von Reggae-Vibes und Lagerhallen-Darkness längst überwunden und verästelt sich in alle möglichen Richtungen. Im Wobblestep sehen zwar einige schon erste Ermüdungserscheinungen und eine dominante Formel um sich greifen.

Deren Erfinder vom DMZ Label aber präsentieren mit jedem Release eine neue Facette ihrer Soundvielfalt und rekrutieren neue Originale wie Goth-Trad aus Tokio. Lovestep mit R’n’B-Flavour und Bootlegs mit Justin Timberlake oder Alicia Keys tauchen auf. Und in den U.S.A. manifestiert sich u. a. mit Matty G. die Verwandtschaft zum 808-Funk der HipHop-Achse Old School, Miami Bass und Dirty South. Nicht zuletzt hallen in den weiten Echokammern immer deutlichere Flashbacks zu den frühen Metalheadz wider.

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Die frischesten Impulse kommen zur Zeit aus dem technonahen Spektrum. Der Londoner Eigenbrötler Shackleton ist mit seiner apokalyptisch perkussiven Subbass-Musik aus dem Halfstep-Trott ausgebrochen und hat gleich Eingang in die Minimal-Sets von Cassy oder Onur Özer gefunden. Sein Label Skull Disco genießt seit dem Ricardo-Villalobos-Remix von „Blood On My Hands“ auch Kultstatus im Land der heiligen Bassdrum. Von der Technoseite aus haben es die Tracks der Minimal-Producer Jay Haze und Michael Ho ins Herz der Londoner Szene geschafft.

Als Sub Version haben sie schon ein ganzes, aus Dub destlliertes Album herausgebracht und sind mit zwei, von Paul St. Hilaire besungenen Stücken auf der amtlichen „Box Of Dub“-Compilation vertreten. Ansonsten kann die herrschende und homogenisierende Macht auf dem Dancefloor nur mit Einverleibung auf die Experimentierfreude und Innovationsflut von den Rändern reagieren, um sich aus dem schwelenden Stillstand nach dem Minimal-Boom zu befreien. Wie Techno zuvor macht sich Dubstep dabei die Reduktion auf das Wesentliche zunutze, um Platz für neue Bewegungen zu schaffen.

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Kode 9

Umso befreiter spielt die Dubstep-Seite auf, wenn sie mit Techno und House flirtet. Mala taucht in den Swing, Schmutz und die Wucht von Chicago und Acid House ein. ‚Broken Dub House’ hat der Digital Mystik seine deepen, polyrhythmischen Beatgebilde getauft. Skream remixt virtuos bretternd Minimal-Techno-Tracks von Marc Ashken. Derweil hat Kode9 – dem Pack immer ein paar Schritte voraus – eine fließende Ästhetik eingeführt, die der testosterongetriebenen Monsterbass-Attitüde von Dubstep leichtfüßig davon tänzelt. Das hypnotisierende „Magnetic City“ des Szene-Mentors und Hyperdub-Chefs ist schon jetzt eines der wichtigsten Dance-Stücke in diesem Jahr. Von Bristol aus veröffentichen Peverelist auf Punch Drunk und DJ Pinch auf Tectonic detroitaffinen Dubstep mit Subbass-Antrieb und Minimal-Techno-Texturen.

Darunter finden sich neben eigenen Produktionen gerade voranschreitende Tracks von Cyrus und dem Random Trio, sowie die Groove-Offenbarungen von 2562 aus Utrecht. Ebenfalls mit niederländischer Liebe zur Motor City erweitert Martyn mit jedem neuen Release den Radius seines mitreißenden Strudels aus den Tiefen des Black Atlantic. Während dessen hat Kevin Martin aka The Bug erstmals eine kongeniale Szene für seinen Future Dub Reggae gefunden. The Bugs „Night Steppa“-Version von 2003 antizipierte die Geistesverwandtschaft zum Berliner Dub-Techno des Basic-Channel-Universums, die mit dem enigmatischen Burial zur ersten Blüte gekommen ist. Über den Kultstatus, den Rhythm Sound, Basic Channel, Maurizio, etc. im Dubstep genießen, ist Mark Ernestus zwar ein wenig erstaunt. Als Hard-Wax-Gründer und Reggae-Afficionado kann er die jüngste Wiedergeburt von Dub aber nur begrüßen. Und Stefan Betke aka Pole ließ sich gleich von Shackleton und Peverelist remixen.

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Pole

Dubstep erweist sich dabei immer mehr als das Genre für die Zeit nach den Genres: unfassbar, frei kombinierbar und immer neu. Wäre ja auch zu traurig, sollte sich Techno als Krönung der Schöpfung innerhalb einer linearen Evolution von Dance Music behauptet haben. Nun eröffnet sich ein Feld, in dem alle Formen der Dance Music – ob gebrochen oder gerade, schnell oder langsam, zart oder hart – gleichzeitig präsent und im ständigen Werden begriffen sind.

Statt sich voneinander abzugrenzen, beziehen sich die verschiedenen Spielarten, Tempi und Stimmungen aufeinander. Diese virtuellen Potentialitäten, die im Grunde in jedem Dance Genre veranlagt sind, können sich nun aus einem basslastigen Geflecht heraus in den weiten Räumen und offenen Zählzeiten des Dubstep aktualisieren. Die Amen-Breaks des Jungle, die technologisch maximierte Physis des Drum and Bass, der Drum-Machine-Einschlag von HipHop, die zuckenden Hihat-Entladungen des UK Garage, die manische Präzision von Electronica und eben auch die gerade Bassdrum of Techno/House fame – sie alle schwingen unterschwellig bis konkret mit und betreten durch das Meta-Genre Dubstep wie frischgeboren das Licht der Welt.

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Skream

Mit den Beteiligten selbst sind wir der jüngsten Mutation unseres Lieblingshybrids auf den Grund gegangen: Kode9 und Kevin Martin aka The Bug aus London, DJ Pinch aus Bristol, Mark Ernestus von Rhythm & Sound/Hard Wax und Stefan Betke aka Pole aus Berlin. Zu dieser illustren Runde gesellen sich der hiesige Dubstep-Pionier Orson aus Düsseldorf und Olaf/Tandem von der No-Partial-Reihe aus Köln. Die Interviews vor Ort, Telefongespräche und Emails sind zu einem virtuellen Roundtable editiert, um die Möglichkeiten zum Tanzen zu bringen.

ZUFALL

De:Bug: Shackleton, du bist ja inzwischen so eine Art Held an der Schnittstelle von Dubstep und Minimal Techno geworden. Wie findest du das?

Shackleton: Das verwundert mich immer wieder. Bis Ricardo Villalobos einen Remix von meinem Stück „Blood On My Hands“ gemacht hat, wusste ich nicht mal, was Minimal Techno ist. Jetzt werde ich auf Techno-Raves eingeladen, wo mich das Publikum manchmal beschimpft. Im Grunde genommen ist es lächerlich, weil ich mich nicht einmal dem Dubstep zugehörig fühle. Wie kann ich dann diese beiden Dinge zusammenführen?

Pole: Dubstep und Techno haben erstmal vom Grundansatz nicht so viel gemeinsam. Dass die beiden nun zusammenkommen, ist eher ein zufälliges Nebenprodukt.

Kode 9: Techno ist nur ein weiteres Element im Schmelztiegel der Musikhistorie im Allgemeinen und von Dubstep im Speziellen.

De:Bug: Hast du nicht sogar den Begriff Technostep in die Runde geworfen?

KODE9: Nein, das war ein Missverständnis aus einem Interview, das ich vorm Sonar Festival gegeben habe. Technostep ist ein bescheuerter Begriff, fast so schlecht wie Dubstep, haha. Aber doch, es gibt gerade einige interesssante Überlagerungen der Sounds.

De:Bug: Wer ist an dieser Schnittstelle besonders aktiv?

Orson Sieverding: Skream fällt mir als erstes ein. Natürlich „Midnight Request Line“, das ja auch in Techno-Sets auftaucht, und seine Remixe für Marc Ashken. Kode9 muss man natürlich immer auf dem Plan haben, außerdem Pinch, Timeblind und D1.

Kode 9: Mala hat einige Tracks gemacht, die definitiv von Deep House und Techno beeinflusst sind: „Bury Da Bwoy“, „Left Leg Out“, „Lean Forward“ und „Unexpected“.

Olaf/Tandem: Man sagt ja sogar, „Neverland“ von den Digital Mystikz sei das „Strings Of Life“ des Dubstep. Demnach wäre N-Type vom DJ-Stil her Jeff Mills, wenn er 38 Tracks in einer Stunde ineinander cuttet. Sonst gibt es noch Andy Stott auf Modern Love, der das Feld eher von der anderen Seite her aufrollt.

Pole: Martyn gehört mit dazu. „Broken“ z. B. ist relativ technoid produziert, aber eher von so einer Haltung her: Ich möchte tanzbar sein und trotzdem einen komischeren Beat benutzen als den four-to-the-floor.

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DJ Pinch

DJ Pinch: Einer der beiden Hauptgestalten an dieser Schnittstelle ist für mich 2562 aus Utrecht. In Tracks wie „Channel Two“ verschränken sich Techno-Texturen und Dubstep-Rhythmen völlig mühelos zu einer perfekten Mischung für den Dancefloor. Die andere ist Peverelist aus Bristol, wichtige Tracks sind „Erstwhile Rhythm/The Grind“ und „Roll With The Punches“. Ich würde sagen, 2562 hat einen starken Basic-Channel-Einschlag, Peverelist tendiert eher zu Underground Resistance.

De:Bug: Du hast im April ein Set in der Radio-Show von Mary Anne Hobbs gespielt, das sich der Verbindung von Dubstep und Techno gewidmet hat. Wie bist du vorgegangen?

DJ Pinch: Mein Ansatz war, die Annäherung der beiden Sounds von einem Dubstep-Winkel aus anzugehen. Ich wollte aber der offensichtlichen Versuchung widerstehen, Maurizio-Tracks mit Dubstep zu mixen. Mit Peverelist, Headhunter, Atki2, Appleblim und mir habe ich den Bristol-Vibe repräsentiert. Dazu kamen einige Londoner Producer mit der Offenheit und dem Ohr für deepe Produktionen wie Skream, Mala, Cyrus und sein Random Trio.

SOUND

De:Bug: Wie hört sich das an, wenn Dubstep mit Techno zusammengeht?

Kode 9: Keiner der Tracks von Mala verwendet eine straighte Kick, aber sie alle haben viel Swing und interessante Drum Patterns. Für meinen Track „Magnetic City“ habe ich ein Dancehall-Drum-Pattern benutzt. Ich war nie daran interessiert, die gerade Bassdrum zu verwenden. Ich denke, Dubstep folgt eher der Synkopierung von UK Garage und 2Step, die straighte Kick wird eher angedeutet als ausproduziert. Mein Remix von Badawis „Den Of Drumz“ spielt mit einem four-to-the-floor im Intro herum, gibt sich dem aber nicht hin. Shackleton und Peverelist arbeiten auch um den 4/4er herum, ohne ihn tatsächlich zu verwenden. Ich denke, es ist wichtig für Dubstep, nicht dem dominanten Rhythmus von Techno zu verfallen. Es gibt schon viel zu viele Musik mit einem straighten Beat auf der Welt.

De:Bug: Shackleton, du hast gerade auch eine 12-Inch auf dem Minimal-Label Crosstown Rebels herausgebracht. Planst du, in die Technowelt zu expandieren?

Shackleton: Nee, das war eher eine einmalige Geschichte. Ich hatte noch Neubearbeitungen von meiner Lieblings-Industrial-Post-Punk-Band Savage Republic auf Lager und wusste nicht, wohin damit. Da bot sich Crosstown an. Der Track ist 120 bpm schnell und hat sogar eine straighte Bassdrum, aber es ist ganz sicher kein House. Ich weiß nicht, was es ist – mit all der verrückten Percussion drin…

Pole: Bei Shackleton finde ich interessant, dass es nicht diese typischen Betonungen auf die Zählzeiten 2 und 4 gibt, oder die im Dubstep dominante Snare auf der 3. In seinen Stücken ist das Taktmaß durch die Percussions lose gehalten.

Orson Sieverding: Techno ist für mich nicht an four-to-the-floor gebunden. Die Überschneidung von Techno und Dubstep findet ja auch in den Arrangements statt. Kode9 und Mala z. B. haben sich von dieser One-Drop-Ästhetik verabschiedet: 16 Takte Intro, dann die Bassline, dann der Beat. Bei Kode9 schiebt und shiftet das ohne Anfang und Ende. Wie im Techno sind alle Elemente mehr oder weniger gleich da. Indem sie verschwinden und wiederkommen, mit Effekten und Delays versehen, entwickeln sie ein Eigenleben.

MINIMAL / DUB

De:Bug: Strukturell gibt es ja noch weitere Gemeinsamkeiten. Ricardo Villalobos hat in der letzten ‚Groove’ gesagt, dass Dubstep für ihn „die Versöhnung von Drum’n’Bass und House Music“ sei. Darin schwingt mit, dass Dubstep eine Minimal-Musik ist. Was bedeutet Minimal im Dubstep-Kontext?

DJ Pinch: Minimal meint stripped down beats, der Weniger-ist-mehr-Ansatz. Nur das Wesentliche schafft es in den Endmix.

Olaf/Tandem: Ich komme eigentlich aus einem Minimal-Techno-Hintergrund, und das Reduzierte hat mich seinerzeit auch an Dubstep gereizt. Minimal in Bezug auf die Sounds, die pro Zeiteinheit verwendet werden.

Kode 9: Wie in jedem Dance-Genre ist „minimal“ auch hier oft nur eine höfliche Art, „langweilig“ zu sagen. Es gibt vielen minimalen, starren und ermüdenden Dubstep. Damit ein minimaler Sound wirklich funktioniert, muss der Swing und der Groove stimmen – selbst wenn sie nur virtuell vorhanden sind.

Pole: Im Dubstep kommt für mich ein Minimalismus zum Vorschein, der den Begriff auch wieder tatsächlich verdient. Im Techno ist heute ja ein Ansatz verbreitet, der sich zwar Minimal nennt, aber doch eher simpel ist. Da ruht man sich auf einer Idee aus, bis es nur noch monoton ist. Einige Produzenten im Dubstep aber bekommen es hin, reduziert zu sein und dabei eine extrem hohe Musikalität an den Tag zu legen. Das war auch mal im Techno nicht anders. Techno ist ja der Versuch, mit möglichst wenig Mitteln eine funktionale Musik auf die Tanzfläche zu bringen, die wirklich hypnotisierend ist und einen in den Bann zieht. Das Gleiche versucht Dubstep über Dub-Elemente.

De:Bug: Lasst uns mal ein paar Schritte zurückgehen. Wo seht ihr gemeinsame historische Wurzeln?

Orson Sieverding: Die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich Drum und Bass, kommt aus dem Dub.

Kode 9: Historisch wie auch methodisch liegt Dub im Kern von allen Formen von Dance Music und HipHop: Selektion, Remix, die Reduktion auf Bass, Effekte und manipulierte Vocals.

DJ Pinch: Die Dub-Pioniere King Tubby und Lee Perry haben zum ersten mal mit Reverbs und Delays experimentiert, um einen Klangraum zu schaffen, der sich für basslastige, rhythmische Wiederholungen eignet.

Mark Ernestus: Mal abgesehen von stilistischen oder produktionstechnischen Gemeinsamkeiten ist Dub für mich nicht Pop und nicht Kunst, unprätentiös und nicht nach Erfolg schielend – dabei experimentierfreudig, aber immer realitätsbezogen. Und das nehme ich zur Zeit bei Dubstep auch so ähnlich wahr. Aber das gilt wohl für jedes Genre, während es eine inspirierte Phase durchläuft. Eine Geistesverwandtschaft zwischen Dubstep, „frühem“ Techno/House und 70er/80er/90er Jahre Dub sehe ich außerdem in der Reduktion auf das Eigentliche. Auch in der Art, wie man Sachen herausbringt: die Vinyl-Affinität mit allem, was da markt-technisch und anderweitig dran hängt – obwohl das bei jamaikanischem Dub zu der Zeit natürlich notwendig und keine bewusste Entscheidung war. Oder zum Beispiel auch diese Sichtweise, dass niemand Gesichter braucht.

De:Bug: Und wie passt da Techno rein?

Kode 9: Das ‚Hardcore Continuum’ – aus dem Dubstep hervorgegangen ist – tauchte auf, als Acid House und die jamaikanische Sound System Kultur in den späten Achtzigern in UK kollidierten. Ansonsten tue ich mich schwer damit, generell über Techno zu sprechen, da es wie HipHop ein so monolithisches Genre ist, das es nun schon so lange gibt. Dabei gibt es zu viel, das für mich gleich klingt. Nur einige Technosachen interessieren mich: ältere Farben-Tracks oder Villalobos mit ihren abgedreht swingenden Synkopierungen, von Subbass angetriebene Maurizio-Tracks oder die verschnörkelten Synths bei Drexciya.

Orson Sieverding: Ich stehe auch auf die ganzen Trax-Platten, diesen Drum-Machine-Funk aus Chicago. Adonis, DJ Pierre oder Virgo haben ihre B-Seiten ja auch Dub Mixes genannt, weil die wussten, aus welcher Tradition heraus sie operieren. Ich glaube, es ist ein Anliegen jeder Generation das neu zu formulieren.

Kevin Martin: Wenn wir mal ehrlich sind, hat Reggae schon Techno gemacht, als es noch gar keinen Techno gab. In gewisser Weise ist der Steppers-Riddim ein Techno-Rhythmus. Der Steppers kommt in Variationen im klassischen Dub und später im Digi Dub vor. Schon in den Siebzigern hat King Tubby elektronische Sequenzen eines four-to-the-floor-Rhythmus’ benutzt. Techno steht in der Tradition von Reggae. Und wenn Dubstep als eine Art Hybrid Technologie und Reggae-Themen verarbeitet, ist es nur logisch, dass die beiden zusammen kommen.

De:Bug: Deine „Night Steppa“-Version von The Bug kann heute als einer der jüngeren Vorläufer der Dubstep-Techno-Achse gesehen werden. War das 2003 deine Art, Techno zu machen?

Kevin Martin: Ich verwende ja nun schon seit einer Weile Dub als Katalysator, um den Einschlag eines Sound Systems zu maximieren. Mit Techno hingegen habe ich nie viel am Hut gehabt – außer dass ich ein paar Produzenten sehr schätze. Aber als Genre war das four-to-the-floor-Gestampfe nie mein Ding. Doch ich habe immer viel Freude an der Überschneidung von Dub und Techno gehabt, die Rhythm & Sound in gewisser Weise als Pioniere begründet haben und die von Deepchord und Echospace fortgeführt wird.

STEPPAZ WITH ATTITUDE

De:Bug: Kommen wir dann zur offensichtlichsten Verbindung: Welche Rolle spielt die Berliner Dubtechno-Schule?

DJ Pinch: Nun, ich bin ein weiterer Maurizio-Fan, und im Universum von Rhythm & Sound fühle ich mich sehr wohl.

Olaf/Tandem: Als wir im Frühjahr auf der zweijährigen Geburtstagsparty von DMZ in London waren, hat Mala sein Set mit einem Stück von Rhythm & Sound eröffnet.

Pole: Bei Burial und Kode9 habe ich sofort eine Geistesverwandtschaft zur Dub Elektronik der Mitt-/Endneunziger entdeckt. Da höre ich komische Rhythmusverschiebungen und Zählzeiten, bei denen es sehr experimentell wird. Spannend wurde Dubstep für mich, als es ein paar Ausreißer gab, die das mit Sachen kombiniert haben, die im Berliner Dubtechno ausgespart wurden. Seien es indische Elemente oder afrikanische Percussions. Shackleton ist eines der besten Beispiele dafür, wie man Tablas und Percussion in Dubstep-Tracks einbaut.

Kode 9: Ich war mir bewusst, dass es Basic Channel gab, höre das aber erst wirlich seit etwa einem Jahr. Von daher war der Einfluss auf meine Produktionen nicht so groß. Rhythm & Sound dagegen kenne ich schon viele Jahre. Erst neulich habe ich eine ihrer Reggae Sessions im Plastic People in London gesehen, wo ein sehr intensiver Sound herrscht. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie viel tiefer ihre Bässe und ihr Kick waren. Ich habe mit ihnen im Fabric und auf der Mutek in Montreal gespielt, die Sets mit Tikiman waren fantastisch: ein sehr spezieller Strang von uptempo electronic reggae that really gets me skankin.

De:Bug: Und Burial? Der Name, das Rauschen, das alles erinnert stark an Burial Mix aus Berlin.

Kode 9: Das ist rein zufällig so. Erst nachdem er mir Material geschickt hat, habe ich ihm einige Sachen von Rhythm & Sound und das dritte Album von Pole zum Hören gegeben, weil ich dachte, dass er sie mögen würde. Zu dem Zeitpunkt hieß er schon Burial.

De:Bug: Mark, wie findest du denn Dubstep?

Mark Ernestus: Einiges mag ich sehr. Die ersten Sachen, die mir aufgefallen sind, waren Hyperdub und Shackleton – ohne dass ich die Szene richtig verfolge. Ich finde das alles sehr erfreulich und fand ja schon immer, dass zwischen Dub und Techno/House keine Kluft gehört. Auch aus Hard-Wax-Sicht: man kann sich ja nicht aussuchen, was es musikalisch insgesamt gerade für Bewegungen gibt, aber bei Dubstep sind so ziemlich alle im Laden richtig dabei. Hard Wax und Dubstep passen einfach gut zusammen. Ich höre auch, dass Leute durch Dubstep neues Interesse an den alten Dub- und Reggaesachen gewinnen, was mich natürlich freut. Uns war ja auch immer wichtig, ausgewählten Dub/Reggae im Sortiment zu haben.

Shackleton: Als ich dieses Jahr in Berlin war, war es das Größte, bei Hard Wax so herzlich empfangen zu werden. Stell dir vor: In London bekommst du unsere Platten nicht mal bei Black Market! Hard Wax dagegen hat Skull Disco sehr unterstützt, das bedeutet mir sehr viel. Nicht musikalisch, denn ich will mein eigenes Ding durchziehen. Aber von der Originalität und Innovation her wäre ich glücklich, wenn ich einmal auch nur annähernd an die Sachen von Rhythm & Sound und Basic Channel herankäme.

Pole: Die Beeinflussung ist gar nicht so wichtig. Die Geistesverwandtschaft besteht darin, Dub weiterzutreiben, damit zu spielen und so zu transformieren, dass etwas anderes dabei herauskommt – ob es nun Dubtechno ist oder mein komisches beatloses Dubkonstrukt. Genau so gehen die interessanten Dubstepper in England damit um. Die versuchen nicht, traditionsreichen Dub zu machen oder etwas zu kopieren, das in den Neunzigern in Berlin hipp gewesen ist, sondern sie treiben das auf die Spitze. Diesen Versuch, irgendwo hinzukommen, sehe ich im Techno schon seit einiger Zeit nicht mehr. Das ist eine etablierte Musikform. Das ist auch okay so, aber die Experiemtierfreude fehlt im Moment.

De:Bug: Die Berliner Dub-Elektronik-Schule ist immer unterm Radar geblieben. Als umso anschlussfähiger hat sie sich nun erwiesen. Auch im Dubstep hält man sich eher bedeckt, um nicht in die Fallen des Hypes zu gehen.

Pole: In der Berliner Dub-Elektronik ist es nicht so wichtig, wer das jetzt macht. Das sehe ich auch bei Dubstepkünstlern, ob das jetzt Various oder Burial ist, von denen keine Fotos öffentlich gemacht werden. Das ist alles sehr zurückgenommen. Und wenn du die Jungs triffst, sind die alle extrem nett und kehren sich selber nicht so nach außen. Es geht mehr um die Szene als um die Einzelperson. Da gibt es eine Parallele zwischen London und Berlin, die mit Detroit zusammengeht, wo der Begriff des Understatements wichtig war.

De:Bug: Dagegen haben andere Modelle mehr auf Persönlichkeit und Identifikation gesetzt, mit der Folge, dass sie sich mittlerweile stark um sich selbst drehen. Dass Techno-DJs vermehrt Dubstep-Stücke in ihre Sets integrieren, ist ja auch Ausdruck einer Suche nach Auswegen, nach einer Inspiration von außen.

Pole: Im Technobereich tauchen aber nur bestimmte Vertreter aus dem Dubstep auf. Dass Ricardo Shackleton gut findet und in seine Mixe einbaut, hat natürlich auch damit zu tun, dass Ricardo gerade versucht, seinen Umgang mit Techno in eine andere Sphäre zu lenken und sehr viele Einflüsse in seine Musk aufnimmt, die im Techno nicht so weit verbreitet sind.

THE FUTURE OF FUTURE DUB

De:Bug: Wohin geht die Reise von hier aus?

KODE9: Persönlich hoffe ich, dass ich weiterhin Musik auf Hyperdub veröffentlichen kann, die mich zum Lachen und Weinen bringt, DJ-Musik, die mich überrascht und herausfordert, auf eine neue Art und Weise zu tanzen. Ansonsten denke ich, Dubstep wird den Lebenszyklus der meisten elektronischen Musiken durchleben, im Guten wie im Schlechten.

De:Bug: Was könnte denn passieren?

Kode 9: Die Gefahr liegt darin, dass aus der ganzen Vielfalt der monotonste Sound dominant und die andere, interessantere Musik marginalisiert wird. Das passiert leider sehr oft in Szenen und Genres, als ob es eine unausgesprochene Verschwörung unter DJs und Fans geben würde, unbewusst keinen Geschmack zu haben, haha.

Orson Sieverding: Es gibt mitterweile leider auch viel generic dubstep, der dasselbe Problem hat wie Drum and Bass: da entwickelt sich Dubstep nur aus Dubstep heraus, statt dass ein neuer Ansatz hinzugefügt wird. Inzwischen gibt es ja sogar Dubstep mit Jump-Up-Zügen. Was mich aber angezogen hat, war, dass Dubstep erstmal überhaupt keine auffordernde Tanzmusik war. Wenn man sich den Slomo-Subbass-Wahnsinn von Loefahs „Horror Show“ anhört, sagt diese Musik: Ich will gar nichts von euch, das ist einfach mein Sound.

Kevin Martin: Ich finde, es ist schon formelhaft geworden. Die dritte Welle an Produzenten kopiert anderen Dubstep, während die ersten Generationen aus verschiedenen Einflüssen schöpften: von Jungle und Reggae über HipHop bis Techno. Gerade ist Dubstep in derselben Phase wie Jungle, als es zu Drum and Bass wurde.

De:Bug: Trotzdem ist es bisher gelungen, mit der nächsten unerwarteten Wendung zu kommen, sobald sich ein dominanter Stil abzeichnet. Eben noch haben alle von Wobblestep geredet, nun kommen die Techno-Einflüsse.

Kevin Martin: Ok, Leute wie Kode9, Vex’d und Pinch halten die Szene offen, und sie sind alle unglaublich gute Produzenten. Wenn Dubstep seine Vielfalt und Extreme beibehält, in der so unterschiedliche und radikale Gestalten wie Mala, Benga, Loefah und ein Freak wie ich Platz haben, dann ist alles gut.

Olaf/Tandem: Das Besondere ist im Moment noch, dass Dubstep bei allen unterschiedlichen Ansätzen eine zusammengehörige Szene bildet. Man kann Shackleton an einem Abend mit Skream mixen, das ist noch nicht so getrennt wie im Techno.

Orson Sieverding: Es gibt eben keinen universellen Abkommen. Jeder hat seinen eigenen Stil. Was für Skream gilt, muss noch lange nicht für Loefah funktionieren. Und darin besteht auch weiter die Herausforderung. Dubstep ist hierfür eine Möglichkeit, mehr erstmal nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.

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