Antiglobalisierungstechno zwischen südafrikanischer Identität und britischen Graustufen produziert der Wahl-Londoner Portable und rehabilitiert religiöses Drumming im Hitech-Feinschliff. Die Frage, ob der Begriff "Eingeborene" anti-pc ist, klärt sich allerdings nicht.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 66

Dschungelfeuer gegen Brave New World
Portable

So oft man von afrikanischer Musik als Ursprung in elektronischer Musik hört, so selten hört man von jemandem, der tatsächlich aus Afrika kommt. So als wäre die Geschichte längst und sehr schnell mindestens einen Kontinent weitergezappt, der jetzt nur noch als Referenz taugt, nicht als Teil des Jetzt. Portable kommt aus Cape Town, Südafrika. Ob man das hört? Sicher. Sicher jedoch klingt seine Musik eher nach der kanadischer Minimalisten oder Berliner Laptopbefindlichkeit als nach unserer Bilderbuchvorstellung von Black bis Broken Beats. Es sind hochtechnologisierte Sicherheitstracks auf Killergrooves in feinsten Schnitten und Sounds, die seine Platten auf Background, Context und jetzt Sud, seinem eigenen Label, ausmachen, aber auch die ständige Oszillation von Komplexitäten zu neuen und alten organischen Qualitäten. Es ist Musik, die sich als etwas versteht, das sich eingliedert in die Klänge, die um einen rum sein können, einen aber genau so bewegt.

DEBUG:
Welchen Background bildet deine Herkunft aus Cape Town?
PORTABLE:
Südafrika hat eine Houseszene, die sich aus frühen Chicagohousetracks entwickelt hat. Spartanisch, mittleres Tempo mit den meisten Vocals in unserern Sprachen, Zulu oder Xhosa. Meist nennt man es “Township House” oder “Kwaito”.
Vor ein paar Jahren traf ich dort auf ein kleines Label , das sich Mass Records nannte und ein Remix Projekt namens “Dance For Freedom” machte, das mit den ersten demokratischen Wahlen im Land zusammenfallen sollte. Es war eine Sammlung traditioneller Tracks, von denen einer jetzt unsere Nationalhymne ist und die in “Kwaito” transponiert wurden. Vermutlich findet sich darin so etwas wie eine Signatur von mir, aber das erinnert mich schon an eine andere Zeit. Dort zu leben und aufzuwachsen, ließ mich immer weit entfernt fühlen. Damals war ich frustriert, aber so arbeitete ich wenigstens mit dem, was es gab. Ich war z.B. ständig in der örtlichen Bücherei, die eine unschätzbare Sammlung an afrikanischer und tribaler Musik aus den 60ern und 70ern hatte, in denen man noch das Ambiente des Dschungels und der Feuer drumherum hören konnte. Diese Rhythmen hatten für mich eine tranceartige Qualität und die Umgebung von Cape Town ist so voller Schönheit und Natur, dass man den Einfluss dieser organischen Elemente auf meine Musik eigentlich gar nicht unterschätzen kann.

DEBUG:
Fühlst du dich durch deine Herkunft politisch verpflichtet?
PORTABLE:
Das einzige politische Thema, das sich in meiner Musik wiederfindet, ist das persönlicher Freiheit. Das aber kommt von den Freiheiten, die Südafrika in den letzten Jahren gewonnen hat, und denen der Eingeborenen überall auf der Welt, die zur Zeit leider immer mehr in Gefahr sind. Auch in meinem Land, wo die Bushmen, ein Nomadenvolk aus der Kalahariwüste, von ihrem Land vertrieben und in ein Reservat gesteckt wurden. Es gibt sehr viele solcher Beispiele, und mit ihnen verschwinden immer auch Sounds, die dann bestenfalls als CD überleben.

Ausgesiedelte Eingeborene

DEBUG:
Weshalb bist du nach London gezogen?
PORTABLE:
Ich wollte meine Musik nach vorne bringen. Neben einigen Parttime-Jobs hier mache ich zusammen mit einer Freundin, Lakuti, die auch aus Südafrika ist, eine zweiwöchentliche Nacht, die sich “Delay” nennt. “Delay” ist in einer kleinen Kellerbar namens Tan Ta Na in unserer türkischen Nachbarschaft hier in Stoke Newington. Lakuti legt alle Arten von minimaler House- und Technomusik auf, und ich mache immer so 1-2 Stunden Livesets. Das hat bislang sehr gut funktioniert. Dazu machen wir noch eine Radioshow auf http://www.signal-radio.com und machen ab und an auch Partys mit den Signal DJs. Die letzte war mit Juan Atkins, mir, Jan Jelinek und Andy Vaz. Die nächste mit Lakuti, Sutekh und mir. Gerade haben wir auch unser Label begonnen, “Sud” (www.sudelectronic.com), auf dem ich die erste EP machen werde. Es gibt sehr viel dieser Art von Musik, die völlig unterrepräsentiert in London ist. Und wenn wir es machen, ist es immer großartig, weil es den Leuten Raum gibt, besonders hier, wo man immer so der Zeit und dem Raum hinterherlaufen muss.

DEBUG:
Dein Name kommt aber nicht vom französischen Wort für Laptop?
PORTABLE:
Ich glaube, dass ich Musik mache, die sehr anpassungsfähig ist. Die in der Stadt und auch draußen funktioniert, die man mitnehmen kann. Es kam mir irgendwann in Portugal, wo wir mit Freunden waren. Wir hörten Musik von mir morgens bei Sonnenaufgang am Meer, und irgendwie war sie nur noch schwer von den Geräuschen in der Natur zu unterscheiden.

DEBUG:
Du klingst in der Weise typisch, dass du, wie viele auf Background, einen sehr technologisch advancten Sound hast.
PORTABLE:
Ich benutze sehr viele originale Drums und Holzklänge als Quellen, die während religiöser Zeremonien benutzt werden, aber anstatt sie zu kopieren und als meine zu benutzen, arbeite ich stundenlang daran, um neue Töne aus ihnen herauszubekommen. Den vollen Weg von der Vergangenheit über die Technologie ins Jetzt und darüber hinaus. Vermutlich hört sich das sehr technisch an und ist es auch. Wenn ein Track fertig ist, hoffe ich aber, dass er den Hörer irgendwie bewegen kann, dass er wie eine Öffnung funktioniert und die ganzen Hindernisse auf dem Weg dahin verschwunden sind. Meine frühesten Einflüsse waren natürlich die House-Pioniere wie Mr. Fingers oder die Murk Bros. Später kamen dann Inspirationen von Minimalisten wie Arvo Pärth oder Phil Nibloc dazu. Ich stehe auch sehr auf klassische persische Musik und einiges von den neuen Broken Beats innerhalb der Dancehall Beats. Ich gebe mein Bestes, das alles zusammenzubringen. Meist beginne ich aber mit Sounds, in denen verstecken sich oft schon Ryhthmen, die zusammen mit den Rhythmen anderer Sounds oft schon ein Netz ergeben. Das gibt mir dann den Hintergrund, auf dem alles weiter geht, aber ich versuche immer, noch genug Stille in den Tracks zu halten, damit man nicht überfordert ist.

DEBUG:
Für welche Zeit machst du deine Tracks?
PORTABLE:
Ich hätte gerne, dass meine Musik auf eine Zeit zeigt, in der die Gesellschaft aufwacht und bemerkt, dass die multinationalen Cooperations längst mächtiger sind als die Staaten und die Stimme des Einzelnen vom Krach der Industrie ausgeblendet wird. Das wir eigentlich längst in einer Brave New World leben. Meine Musik ist sehr emotional, nicht unbedingt glücklich, aber optimistisch, eine Realisierung, dass alles ein Übergang ist. Ich glaube, das wäre die Attitude, die ich rüberbringen möchte.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.