Die Australier Jasmine Guffond und Torben Tilly bilden das Elektronik-Duo Minit. Mit ihrer neuen LP entlocken sie der Drone-Musik in selbstbeschränkter Rückbezüglichkeit ganz neue Einsichten in die Catchyness des Moments.
Text: Ran Huber aus De:Bug 87

Das referenzlose Jetzt
Minit

Minit ist ein seit 1997 bestehendes Elektronikduo aus Sydney. Sie leben und arbeiten zurzeit in Berlin. Ihre neue Platte “Now Right Here” ist ein fragiles, immersives und emotionales Drone-Album, das von der Catchyness des Moments handelt. Im zweiten Stück der Platte “CG” wird auf psychoakustischem Wege eine sonische Landschaft generiert: das Grundsummen fremder Planeten, wüst und leer, Staubstürme, schwarzes Licht, alte Funksignale, vergangene Spuren nichtmenschlicher Zivilisationen. Alles begann mit einem langen anhaltenden Ton und alles wird in diesem Ton enden. Die Postmoderne ist die Vorbereitung auf dieses Ende. Minit arbeiten auf akustischem Wege am Ende der Postmoderne mit, indem sie sich mit der Wiederverwertung vorhandener Soundteile beschäftigen.
Durch ihre Beschränkung auf Samples, Loops und Drones haben sie unverwechselbare sonische Lebensräume geschaffen. Ihr eigener Klangkosmos, die analoge Herangehensweise und die Tiefe der Musik lässt sie zu Geistesverwandten von Bands wie Pan Sonic werden. Elektronische Musik mit Soul und Wärme. Minit sind da ganz, ganz weit draußen.

Debug:
Nimmt der Produktionsprozess schon den deepen Höreindruck vorweg?
Torben Tilly:
Wir überlegen durchaus, wie wir es schaffen können, bestimmte Effekte zu erzeugen, die eine Auswirkung auf den Hörer haben. Unser Ziel ist es, jedem Musikstück einen bestimmten Charakter zu verleihen. Wir arbeiten mittlerweile fast vollständig Loop-orientiert. Das ist der Grund, aber auch das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung mit Drone-Musik und ihrer hypnotischen Möglichkeit. Jeder Loop hat ein eigenes Seelenleben mit so viel Tiefe und Komplexität wie möglich.
Jasmine Guffond:
Unser Background ist musikalischer und visueller Natur. Wir sind Musiker und Soundkünstler. Wir gehen musikalisch und konzeptuell vor. Technologie ist dabei unser Handwerkszeug. Unser Sampler hat acht Ausgänge, wir können also in Echtzeit arbeiten. Das war eine bewusste Entscheidung und hat direkte Auswirkungen auf unseren Schaffensprozess und auch die Wirkung der Musik.

Die bewusste Selbstbeschränkung in ihrer Arbeit auf vorhandene Sounds (selbst produziert, Fieldrecordings oder Samples) lässt sie nicht Gefahr laufen, im aktuellen Veröffentlichungsmeer rückbezüglicher Musik unterzugehen. In zeitgenössischer Musik gab es noch nie so viele Zitate, Remixe, Epigonentum, und Coverversionen. Minit entgehen dieser Retrofalle, indem sie das Sample auf einen Moment reduzieren und loopen. Sie verweilen sozusagen im Moment. Das Originalzitat löst sich im Summen und Brummen des Endlosloops auf, dem Drone.

Inhaltlich setzen sich Minit mit dem Thema Rückbezüglichkeit humorvoll auseinander: “Bootleg”, ihr vierter Release (Tonschacht001, Köln, 1999) besteht, laut Beiblatt, aus bearbeiteten “fieldrecordings on and around alpsee, bavaria” und sei inspiriert von Chicks on Speed. Tatsächlich aber ist das Stück eine Bearbeitung verschiedener, nicht mehr erkennbarer Samples aus Stücken der Chicks, die wiederum selbst sehr erfolgreich mit Eins-zu-eins-Coverversionen unbekannter Klassiker sind (z.B. TomTomClub “Wordy Rappinghood”). Nichts gegen das Prinzip der Postmoderne, eklektizistisch vorzugehen oder sich im reichen Fundus vergangener Epochen und Stile frei zu bedienen. Doch denkt man dieses Prinzip konsequent weiter, bleibt einem nur noch zu sagen: Lang lebe der Drone. Lang lebe das Verweilen im Moment, denn der ist ewig!

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Elektronische Lebensaspekte.