Es ist schon wieder so weit. Ein neuer Spielberg ist auf der Welt, Tom Cruise in der Hauptrolle und die Geschichte kommt aus der Literatur. Probleme für sich. Get Ready to run.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 64

Our Minority Report
Tom Cruise drogensüchtig bei Spielberg oder so

Die Story: Im Jahr 2054 werden potentielle Mörder verhaftet und verurteilt, bevor sie tätlich werden können. Die Pre-Cogs, drei Menschen mit Zukunftsvisionen, sehen die Morde im Voraus, worauf die Einheit Pre-Crime unter John Anderton (Tom Cruise) einschreitet. Anderton hat vor sechs Jahren seinen Sohn verloren und vergräbt sich seitdem in Arbeit, bis er selber bezichtigt wird, demnächst jemanden umzubringen und fliehen muss. Nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick.

Klarer Pluspunkt des Films: Action mit Körperteilen. Grandios ist die Szene, in der Tom Cruise seinen Augäpfeln hinterher rennt, die in den Gully fallen. Das zieht natürlich diverse, schön saftige Special Effects mit Augen und Augenhöhlen nach sich.
Dennoch ist Minority Report fröhlich-rummsiger Sci-Fi-Action-Mainstream und sicheres Kinohighlight für den Herbst, weil von Steven Spielberg, noch dazu Nachfolger seines A.I. und in einer ähnlich misslichen Schublade: Spielbergs Entwurf einer Zukunft bleibt kindlich, auf fantastische Art kitschig und auf jeden Fall sehr gefühlig. Sie ist niemals wirklich runtergerockt düster – und wenn innerlich wie äußerlich verfallen, dann im pittoresken Rahmen, (siehe unter anderem in Unheimliche Begegnung der Dritten Art, E.T., Hook, Jurassic Park und eben A.I.). Doch an einer verfilmten Romanadaption hängen die Erwartungen hoch. Was bleibt also von der Schizophrenie und den seelischen Abgründen von Philip K. Dicks bei Minority Report nach dem Spielberg-Gefühlskitsch übrig?

Prinzipiell ist nichts gegen lustige, retroverhaftete Technikgear einzuwenden, mit dem die Zukunftscops bewaffnet sind. Da wären tolle High-Tech-Armbanduhren, Düsenantriebe zum Umschnallen und Wegfliegen, silberpfeilförmige Autochens und ein futuristischer Post-Touchscreen-Videoschnittplatz, den sich jeder 12-jährige vor zwanzig Jahren erträumt hätte. Dicks Vision ist pessimistischer und weniger verspielt, aber mir doch die ehrlichere.
Und gut, zweifellos waren auch die bisherigen Verfilmungen von Dicks Geschichten gemischt. Neben dem unerreichten Blade Runner (“Do Androids Dream of Electric Sheep?”) gab es den Schwarzenegger Actionbuster Total Recall von 1990 nach der Vorlage von “We Can Remember It for You Wholesale”. Und da war noch Screamers (1995), verfilmt nach “Second Variety”.

Bleibt also noch das zweite Problem: Tom Cruise in der Rolle eines vom Schicksal gezeichneten, tief verbitterten und drogenzerfrästen Cops, der sich ins selbstgerechte Kriminellenfangen stürzt, weil er bei seinem restlichen Leben lieber nicht mehr hinschauen will. Das geht nicht wirklich auf, denn bei Cruise denkt man an Straightness, die keinen Platz für Unentschiedenheit lässt, an Mission Impossible. Also an das genaue Gegenteil von Dicks Antihelden. Deshalb war Harrison Ford als rumpelig zerknautschter Blade Runner passender besetzt und Arnold Schwarzenegger die perfekte Muskelmaschine für Dicks Mensch-Maschine-Verquickungen. Schade.

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Elektronische Lebensaspekte.