Japan entdeckt gerade erst Netaudio. Vorne mit dabei: Minusn.
Text: Thomas Höverkamp aus De:Bug 98

minusn – Mit Nippon im Netz

Technologisch ist Japan immer weit vorne. Langsam folgt nun der passende Inhalt, um die Technik sinnvoll auszufüllen. Der Aufbruch in der japanischen Netlabelszene ist vergleichbar mit der Situation in Europa vor 3-4 Jahren.

Japan ist schrill, bunt oder einfach nur anders. Kaum sonst ein Land vereint so viele Klischees in sich. Der Versuch, diese vorgefassten Bilder ganz auszublenden, schlägt immer wieder fehl. Nicht zuletzt durch das Interview mit Kengo Miyazaki, dem Betreiber des Labels minusn. Höflich und äußerst bescheiden bedient er mit wenigen Worten die drängenden Fragen aus Deutschland. Auf die Frage, ob sich Kengo mit minusn als Teil der japanischen Musikszene sieht, antwortet Kengo fast schüchtern nur: “I just hope so.“

Musikalisch deckt das Label auf den ersten Blick ein breites Spektrum ab: Minimal- und Mikrohouse, Elektronika und Fieldrecordings. Beim näheren Hinhören fallen zunächst die verstörenden Elemente auf, die sich durch alle Veröffentlichungen ziehen. Im nächsten Schritt erkennt man langsam die durchgehende Linie, mit der die Releases ausgesucht wurden. Sei es das hervorragende experimentelle Album des ukrainischen Künstlers Andrey Kiritschenko oder die EP des aufstrebenden Tokyoter Minimal-DJs Shalma. Die Musik ist nie geradeaus und baut eine kühle, eigenartige Distanz zum Hörer auf, egal ob sie im Club oder im Kopfhörer stattfindet. Den Einwand, warum gerade so viele internationale Künstler wie z.B. auch der in der Netlabelszene omnipräsente Dataman auf minusn veröffentlichen, entkräftet Kengo gewandt: “Für uns als Internetlabel gibt es keinen Grund nur japanische Künstler zu veröffentlichen. Aber keine Angst, es kommen noch viele Releases von Produzenten aus Tokyo oder Osaka.“

Komplettes Entertainment-Paket

“Wir bieten nicht nur Musik, sondern ein komplettes Entertainment-Paket an”, führt Kengo die Strategie des Labels weiter aus. Bekannte japanische Animationskünstler designen zu jedem Release ein Flash-Cover, das sich mit der jeweiligen Musik auseinander setzt. Unter anderem steuert der von Auszeichnungen überhäufte Animationskünstler Syun Osawa seine Arbeiten bei. Wenn das Verschmelzen von Grafik und Musik für die meisten Netlabels erst den nächsten Schritt darstellt, ist es für minusn selbstverständlich und wird durch Kengo mit einem weiteren Klischee erklärt: “You know, we are the country of japanimation.”

Vergleichbar mit der Situation in Deutschland vor ein paar Jahren, spielt sich die japanische Online-Musikszene für elektronische Musik momentan hauptsächlich auf Community-Plattformen, wie z.B. der lokalen Version von mp3.com, ab. “Es gibt eine Hand voll Netlabels und ein paar Künstler veröffentlichen auch Tracks auf ihrer eigenen Homepage. Die Netaudioszene wird immer bekannter, vor allem Thinner, Textone und Tokyo Dawn sind hierzulande bereits legendär“, beschreibt Kengo die aktuelle Situation. Die wenigen existierenden Netlabels haben meist Blog-Charakter. Aber selbst das kleinste Label bietet seinen eigenen Podcast an. Ist das Thema in Deutschland manchmal mehr Medienhype denn Realität, gehören die Podcasts in Japan bereits fest zur Alltagskultur.

Die kleine, schick designte Kiste von Apple hat auch in Japan wie im Rest der modernen Welt ihren Siegeszug angetreten. Die Eröffnung des japanischen iTunes-Stores tat ihr übriges dazu. In Japan musste der iPod und die anderen MP3-Player aber erst mal die weit verbreitete Minidisc als “Gadget Nummer 1“ ablösen, die in Deutschland nie richtig Fuß fassen konnte. “Der iPod hat die Minidisc nun aber endgültig abgelöst und der Musikmarkt für Mobiltelefone ist bereits riesig hier“, sagt Kengo. “Vor allem der immanente Wunsch, alle technischen Geräte weiter zu miniaturisieren, treibt uns voran. Dahin fließt unsere Energie und unsere Leidenschaft.“

Was die Zukunft der Netlabelszene anbelangt, stimmt Kengo Miyazaki in den Tenor der etablierten Netlabels ein: “Die Leute werden sich an der Qualität des Outputs orientieren.“ Aus seiner Sicht werden viele Netlabels den Betrieb wieder einstellen und als Dateileichen im World Wide Web umhertreiben. “Ein Netlabel kontinuierlich zu betreiben, ist nicht einfach und erfordert sehr viel Motivation und Leidenschaft.“ Auf diese abgeklärte Sicht der Dinge folgt wieder eine dieser Momente, der die Klischees im Kopf wieder auftauchen lässt. Auf die Frage zur tieferen Bedeutung des Labelnamen “minusn“ antwortet Kengo asiatisch-philosophisch: “It stands for nothing. Sometimes, things that have no concepts or no meanings have more concepts or meanings.“

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Elektronische Lebensaspekte.