Gelb mit ein bisschen Grau
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 110


Chantal Passamonte verkörpert mittlerweile den E-Musik-Fixstern im Warp-Universum und fühlt sich mit Musikern des London Sinfonietta Orchestra genauso wohl wie hinter dem Laptop. Musik bedeutet Farbe, darauf kommt es an.

De:Bug: Die Musik, die du machst, ist sehr traurig, intim und düster.

Mira Calix: Hmm, ja, das ist immer die Frage, nicht wahr? Ich selbst empfinde das lustigerweise gar nicht so. Es gibt definitiv Momente, die sehr ruhig sind und sehr persönlich. Aber ich finde es in den meisten Fällen eigentlich ziemlich optimistisch.

De:Bug: Wow, wirklich?

Mira Calix: Ja. Aber ich habe diese Diskrepanz oder dieses Kommunikationsproblem ständig. Ich denke dann: Dies Stück ist aber wirklich sehr freudvoll und alle anderen sagen wieder: düster. Letztlich ist es natürlich kein Problem. Jeder hört ja, was er gerne mag. Die Dinge sind eben nicht so einfach und 1 zu 1 erfahrbar. Dass es in der Rezeption zu diesem unentschlossenen Zustand führt, finde ich eigentlich ganz passend für meine Musik. In jedem Hoch steckt auch ein Tief. Es ist nicht alles wie im Film. Erzählungen werden gebrochen, sind permanent im Umbruch. Es ist nicht nur eine Emotion, die sich durchzieht, du fühlst immer mehr auf einmal, praktisch Spuren über Spuren, wenn man das jetzt mal wieder musikalisch sagen will.

De:Bug: War da eine bestimmte Stimmung, in der du an das Album gegangen bist? Hast du im Vorfeld einen Fokus gelegt?

Mira Calix: Was das Album für mich zusammenhält, ist die Farbe Gelb. Ich mache das eigentlich immer so, mir eine Farbe zu nehmen und diese als roten oder eben gelben Faden über das Album zu hängen. Das ist aber so persönlich, dass es für jemand anderen gar nicht wichtig ist. Aber es macht für mich selbst Sinn. Der Grund dafür, dass dieses Stück auf der Platte ist und nicht das, ist dann, dass es sich vielleicht eher braun anhört und nicht so gelb.

De:Bug: Hat das etwas mit Synästhesie zu tun? Hörst du denn die Farben?

Mira Calix: Nein, das glaube ich nicht, dass ich Synästhetiker bin, aber ich höre Musik definitiv in Farben. Irgendwann im Prozess des Schreibens der Musik habe ich gemerkt, dass es die Farbe Gelb ist. Das Album davor, Skimskitta, war z.B. weiß und das erste Album war rot.

De:Bug: Was bedeutet denn dieses Gelb für dich?

Mira Calix: Gelb kann vieles sein. Zum Beispiel ein dunkles und dreckiges Gelb, was wir hier im Raum gar nicht haben. Meistens ein erdfarbenes Gelb. Andererseits ist es auch ein eher ins Pink gehendes Gelb. So ein fast kitschiges Gelb. Wie die Farbe von simplem Kinderspielzeug. Aber auch ein krankes, fast negatives Gelb.

De:Bug: Elektronische Musik wird traditionellerweise mit Technik, Fortschritt und Urbanität in Verbindung gebracht. Bei dir erscheint sie eher als etwas Mystisches, Pastorales, Landschaftliches, eher so Waldiges.

Mira Calix: Ich liebe Technologie, aber ich gebrauche sie als ein Tool. Als die Maschine, die der Computer nun einmal ist. Anstatt es als mein Instrument zu betrachten, sehe ich es lieber als mein Tonbandgerät. Der Computer ist im Grunde viel mehr als ein einfaches Instrument. Ich mag Dinge, die ich anfassen kann. Ich nehme Geräusche der Natur auf, denn sie klingen einfach real.

De:Bug: Kannst du mir etwas über die Funktion von Fehlern in deiner Musik sagen? Es scheint, dass sie in deiner Musik als etwas Qualitatives und Produktives wahrgenommen werden?

Mira Calix: Ich denke, für jede Form von Kunst ist es sehr wichtig. Natürlich findet man nicht jeden Fehler, der auftritt, super und freut sich. Nein, aber wenn dein Computer abstürzt, sich Teile verändern oder sogar wegfallen, dann hat es oft zur Folge, dass du deine Perspektive wechselst und gezwungen bist, anders und neu an deine Aufgabe heranzugehen. Ich denke, das ist etwas sehr Produktives und Gutes. Es verändert deinen Plan und die Struktur.

De:Bug: Manchmal scheint es, als würdest du Strukturen nicht besonders mögen.

Mira Calix: Oh nein, ich liebe Struktur. Es ist nur, mein Konzept von Struktur ist ein bisschen unstrukturiert. Musik braucht Struktur, manche Stücke in der Musique Concrète haben gar keine Struktur, aber unglaubliche Sounds. Aber generell bin ich ein großer Fan von Struktur. Ich denke, um eine Geschichte zu erzählen, braucht man eine Form.
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Elektronische Lebensaspekte.