Denken wir mal an die schmackhafte Vegan-Küche (ihr wisst, Essen ohne Tier), zwei Stücke Seefeel-Tofu über Piano Magic-Blüten, ein guter Schuss Boards of Canada-Soße mit einem bisschen Erik Satie-Geschmack und fertig ist ein Gericht, dass – wäre es ein Album – ”Skimskitta” heißen müsste. Ersetzen wir dann noch das Fleisch-Substitut durch Musik, nennen wir es Mira Calix, sollten wir eigentlich öfter mal vegan Essen gehen.
Text: Asa aus De:Bug 69

Unwiderstehlich? Unbeschreiblich!
Mira Calix

Wer Mira Calix kennt, weiß vielleicht, dass die in Südafrika geborene Singer-Songwriterin, DJ und Producerin Mira Calix mit bürgerlichem Namen eigentlich Chantal Passamonte heißt und schon gute zehn Jahre mit Warp im Geschäft ist.
Die Musik ihres neues Albums ”Skimskitta”, das Anfang März erscheint, ähnelt der des Mego-Artists Fennesz und dessen wundervollem ”Endless Summer”-Album. Wie der von ihr geschätzte Fennesz benutzt auch Mira Calix vor allem Guitar-Strings auf ihrem Album. Auf eine andere Art erinnert ihre Musik an die Welt von Kinderträumen, von Märchen, Elfen, Feen und Geistern. Kindliche Bilderwelten durchdringen ihre Musik und das Cover-Artwork. Letztlich geleitet sie uns an einen schon längst verloren geglaubten Ort zurück, den Ort der Aufrichtigkeit: eine brillante Mixtur aus Folk, Ambient, elektronischer, akustischer und handgemachter Musik.

DEBUG: Ich habe dein Album Skimskitta nachts im Bett zum ersten Mal gehört. Mir gefiel es sehr. In welcher Umgebung möchtest du, dass das deine Musik von anderen gehört wird.

Mira Calix: Die Musik ist tatsächlich sehr für Kopfhörer geeignet. Ein fahrender Zug könnte auch ganz passend sein, einfach Rausschauen und die Landschaft vorbeiziehen sehen …

DEBUG: Du hast das Album ziemlich weit draußen in Suffolk versteckt auf dem Land produziert.

Mira Calix: Das stimmt nicht ganz. Über den Produktionszeitraum von zwei Jahren war ich nicht immer im Studio, sondern viel in den USA oder Europa. Du hast aber recht, ich arbeite gerne an isolierten, einsamen Plätzen. Meine Musik ist reine Hör-Musik, music for different places.

DEBUG: Der Track ”Hiccup” ist sehr verträumt, fast schon sakral anmutend. Er erinnert mich an Erik Satie-Musik.

Mira Calix: Auf jeden Fall, ich bin sehr beeinflusst von Satie oder auch ”My Bloody Valentine”. Verträumt ist die Musik sicherlich auch, es ist aber sehr schwierig für mich, meine Musik in Worte zu fassen.

Integrierte Insektenmusik

DEBUG: Was denkst du über copycatting und die ganzen Rip Off-Geschichten in der Musik- und Modeindustrie. Nervt dich das?

Mira Calix: Zur Zeit gibt es einen Hype um die neuen Young British Artists, den ich nicht so teile. Es ist schon traurig, dass Sachen, die jemand bereits vor 30 Jahren gemacht hat, mit kleinen Modifikationen nochmals aufgegossen werden. Yves Klein zum Beispiel. Niemand erinnert sich mehr an diese Sachen. Man geht in eine Galerie und schaut sich ebenso schnell die Kunst an, wie man sie wieder vergisst. Niemand fragt, wo diese Kunst herkommt. Das ist vielleicht nicht unbedingt der Fehler der Künstler allein, sondern der der Konsumenten und vor allem der Medien.

DEBUG: Du arbeitest als Künstlerin auf vielen verschiedenen Feldern: Mode, Fotografie, Musik etc. Wie passt das alles für dich zusammen?

Mira Calix: Eigentlich ist es eine Sache, mein Style oder Geschmack ist immer derselbe. Für mich ist es alles ein Produkt, bei dem ich keine Unterschiede mache.

DEBUG: Du hast mit der Modedesignerin Catherine Haynes ein recht spezielles Kit herausgebracht. Ein T-Shirt mit einer Fliege als Aufdruck zusammen mit deiner CD ”Nunu”. Was für Musik war auf der CD?

Mira Calix: Es waren Ausschnitte eines Konzerts von mir in Genf, das ich nur mit (vorher aufgenommenen) Geräuschen von Insekten (!) gemacht habe. Als Paket gibt es passend das Fliegen-T-Shirt dazu.

DEBUG: Dein Cover-Artwork erinnert mich sehr an Kindermalereien. Kann man sagen, dass da das Kind in dir spricht?

Mira Calix (lacht): Yeah, ich denke, du hast recht. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem ”Kind” in mir. Kinder sind völlig frei von Schuld, sie kümmern sich nicht, ob irgendjemand über sie lacht oder nicht. Ich fühle mich ähnlich, wenn ich Musik mache. Ich bin wie ein Kind, wenn ich mit meiner Musik ”spiele”.

Breakbeat und Girls

DEBUG: Als DJ habe ich manchmal die Situation erlebt, dass Leute während eines Sets zu mir kommen und mich fragen, ob ich es nicht komisch finde, als Frau Breakbeats aufzulegen. Mich regt das jedes Mal auf. Du bist schon seit über zehn Jahren DJ. Hast du über diesen Zeitraum einen Wandel bemerkt, was das angeht?

Mira Calix: Ja, ich kenne diese Situation und denke da ganz ähnlich. Ich weiß nie, was ich zu solchen Leuten sagen soll. Meistens nichts. Ich erinnere mich aber an eine Situation in den USA. Einige Frauen kamen zu mir, um mir zu sagen, wie toll es doch ist, eine Frau auflegen zu hören. Aber die meiste Zeit, wenn ich auflege, lassen mich die Leute in Ruhe, vielleicht gebe ich ihnen nie eine Gelegenheit. Damit bin ich ganz glücklich.

DEBUG: Was denkst du im Moment über Warp Records? Hast du irgendwelche Veränderungen mitbekommen, seitdem du nicht mehr dort arbeitest?

Mira Calix: Auf jeden Fall. Als wir anfingen, waren wir eine Gruppe von sechs Leuten, die sich in Sheffield ein kleines Büro teilten. Jetzt sind es 16 Leute in London, von denen nur drei von früher da sind. Ich bin aber immer noch sehr glücklich mit ihnen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Die mit der einen Hälfte von Autechre verheiratete Mira Calix setzt sich mit ihrem Album 'One On One' genüsslich zwischen alle Stühle und erklärt den Bienen, wie das so läuft mit der elektronischen Musik. Sehr englisch, vetrackt und verfrickelt sucht Mira Calix ihre heimatliche, afrikanische Sonne in den Samplerschaltkreisen. Eine grosse Aufgabe. Und gelungen.
Text: fee magdanz [kalkfee@netcologne.de] aus De:Bug 35

/elektronika Wo gehts hier nach Afrika? Mira Calix Immer dann, wenn es draussen kalt ist und die Tage früh zu Ende gehen, sehnt sich Chantal Passamonte nach ihrer alten Heimat Südafrika. Nach den langen Stränden dort, danach, den Tag im Freien zu verbringen und barfuss herumlaufen zu können. Und vor allem nach der Hitze: “Ich fühle die Kälte richtiggehend. Es ist so, als ob mein Gehirn aufhören würde zu arbeiten, wenn es um mich herum kalt ist. Hitze ist für mich Energie. An den kurzen, kalten Wintertagen fühle ich mich immer so, als müsste ich gleich schlafen gehen.” Vor einigen Jahren hat sie Südafrika verlassen und ist nach England gegangen, einzig mit dem fast schon banal anmutenden Ziel, neue, andere Erfahrungen zu sammeln und einfach eimal etwas anderes von der Welt zu sehen: “Ich liebe England und ich liebe Afrika, auch wenn das kulturelle Leben in beiden Ländern kaum vergleichbar ist. In Afrika gibt es bekanntlich eine Menge Sanktionen und so ist es vor allem die Mainstreamkultur, die man dort mitbekommt. Bücher oder Filme, die nicht in irgendwelchen Bestsellerlisten stehen, existieren quasi überhaupt nicht. In England ist das ganz anders. Wenn du möchtest, kannst du jeden Tag in der Woche ein Konzert besuchen. Das Traumhafte ist dort eben, dass man Zugang zu wirklich allen interessanten Dingen hat.” Anfänglich studierte sie in ihrer neuen Heimat Fotographie und finanzierte sich mit diversen Jobs als Assistentin von Photographen ihren Lebensunterhalt, bis ihr irgendwann ihre Kameraausrüstung gestohlen wurde: “..und natürlich hatte ich die nicht versichert und schon gar kein Geld, um mir eine Neue zu kaufen. Und so musste ich dann plötzlich andere Jobs machen.” Tausche Kamera gegen Sampler Über ein paar Umwege landete Chantal schliesslich als Pressesprecherin bei Warp. Sie entdeckte parallel die Faszination des Musikmachens für sich: “Ich habe die elektronische Musik für mich nicht als Ausdrucksform gewählt. Sie hat mich gewählt. Sie war einfach zu bekommen und auch das Equipment dazu konnte man überall kaufen. Die Faszination elektronischer Musik ist, dass man den Umgang mit dem Equipment mit sehr wenig Aufwand erlernen kann und vor allem, dass man sie alleine machen kann. Das beinhaltet eine Menge Freiheit.” Inzwischen ist die Musik in den Vordergrund ihres Lebens gerückt und ihre Arbeit bei Warp, wo sie mittlerweile auch mit ihrer eigenen Musik als Künstlerin unter Vertrag ist, gehört der Vergangenheit an. Auch privat hat sich im Laufe der Zeit so einiges verändert. Wohnte sie anfänglich in London noch in einer WG mit Kevin von Ninja Tune, einer befreundeten Computer-Programmiererin und David Fallard, einem Grafiker, der auch für sämtliche ihrer Coverartworks verantwortlich ist, zwang sie ihre Arbeit für Warp zu einer Umsiedelung in ein Einzimmerappartement nach Sheffield. Dort ist auch ihr aktuelles Album “One on One” entstanden. “Im Schlafzimmer auf meinem Bett”, wie sie sagt. Mittlerweile hat sie sich aber einen ihrer grossen Träume erfüllt und ein eigenes Haus auf dem Land gekauft. Platz, also Raum zu haben, ist für Chantal einer der Punkte, die man braucht, um glücklich zu sein: “Platz, Gesundheit, gutes Essen, Freunde und Zeit, um Musik zu machen, brauche ich, um glücklich zu sein. Es sind sehr simple Dinge, die dein Leben wirklich gut machen.”, sagt sie. Und Chantal scheint wirklich glücklich zu sein, genauso glücklich, wie die niedlichen kleinen Bienen auf ihren Plattencovern.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 12

Sommer, Sonne, Strand, Verbrannt Mira Calix Sascha Kösch bleed@de-bug.de Aus Südafrika nach England, DJ werden, im Plattenladen arbeiten, bei der hippsten Plattenfirma in Sheffield als Promoterin einsteigen, was damals dann auch die hippste Firma Englands war, einen der hippsten Musiker der Erde heiraten und dann, ultimatives Hip, eine Platte rausbringen, die alles was um Mira Calix herum passiert wahrnimmt, aber trotzdem ganz anders und vollkommen eigenständig ist. Traumkarriere. Definitiv. Ihre erste EP auf Warp ließ alle aufhorchen. Stimme, viel, aber Gesang war es nicht, nicht so dark wie Andrea Parker, knurschpeliger als Disjecta, merkwürdig direkt und merkwürdig weit weg. Mira Calix war sofort ein Begriff, ein fester Bezugspunkt innerhalb elektronischer Musik und mit Pin Skeeling, ihrer zweiten EP wurde alles noch definierter. Mira Calix baut sich ihr Universum neu, aus einfachen Worten, verschobenen Sichtweisen auf Menschen, Lo-Fi aus Berufung, HighTech aus Begeisterung, schon immer DJ sein und ohne Musik geht gar nichts. Und Musik geht ganz andere Wege um dahin zu finden was erst mal ein Strand war. Debug: Gibt es durch die Zeit die du bei Warp als Promoterin gearbeitet hast Dinge die dich direkt bei der Musik die du jetzt für Warp machst beeinflussen, verwirren, bestärkt haben? Chantal: Ich denke der einzige direkte Einfluß den es hatte, bei Warp zu arbeiten, war, daß ich dadurch so viele Musiker wirklich gut kennengelernt habe. Und es bestärkte den Eindruck den ich eh schon hatte. Es gibt absolut keine richtige Art und Weise Musik zu machen. Jeder auf dem Label arbeitet so anders, daß es mir richtig Selbstvertrauen gab die Dinge so zu tun wie ich es wollte. Debug: Stimme spielt immer wieder eine wichtige Rolle bei deinen Trax. Verzerrte, schnellergemachte, zerschnittene Stimme. Was interessiert dich daran? Chantal: Ich liebe die menschliche Stimme. Ich habe immer sehr viel Vokalmusik gehört und mag es einfach so damit rumzuspielen, daß es immer noch eine Stimme bleibt, aber keine die man aus dem Alltag wiedererkennen würde. Ich denke das ist etwas, zu dem ich mich auf natürliche Weise hingezogen fühle. Mit Stimmen zu spielen ist etwas was mir Freude macht. Die Worte sind letztendlich wichtig, aber auch nur ein weiteres Tool. Wie bei Sounds denke ich, daß es der Zuhörer sein sollte, der das in eine Ordnung einbindet. Debug: Gibt es soetwas wie eine Rolle in elektronischer Musik für dich? Chantal: Ich denke die einzige Intention die es bei mir gibt ist mich auszudrücken und Musik zu machen die ich wirklich hören will. Ich glaube es ist eine Aufgabe für jemand anders soetwas herauszufinden. Aber es gibt viele Musiker die ich wirklich respektiere und liebe. Und viele davon sind nicht wirklich das was man elektronisch nennen würde. My Bloody Valentine, Spaceman 3, Spiritualized, Autechre, Plaid, Shake, This Mortal Coil, Mike Ink, Ween, White Noise und meine Freunde Mark Clifford und Andrea Parker. Und viele mehr, je nach dem mit welchem Fuß ich aufstehe. Debug: Von wem ist das Cover zu Pin Skeeling und was ist da eigentlich drauf? Chantal: Das Cover ist von einem Freund, Dave Vellade. Und da sind Bienen drauf die Summen. Debug: Mira Calix heißt was? Chantal: Mira ist spanisch und heißt beobachten, sehen. Ich denke sich selbst zu beobachten und das was um einen herum geschieht ist lebenswichtig. Ich halte meine Augen und Ohren gerne offen. Debug: Woher kommt diese Faszination für Sonne, Sand, die Basis allen Ferienlebens? Gibt es irgendeine Beziehung zwischen Pin Skeeling und Leilas Like Weather? Chantal: Tatsächlich bin ich so eine Art Ferien Kind. Ich bin in Afrika aufgewachsen. Unter dem blauen Himmel. Ein Steinwurf weg vom Strand. Manchmal bekomme ich Heimweh. Ich glaube aber nicht, daß es außer dem Wetter eine andere Beziehung zwischen dem was ich mache und dem was Leila macht gibt. Aber sie ist ein Freund und ich mag ihre LP sehr. Debug: Gibt es in Mira Calix eine Art 60er Jahre Bilderwelt? Chantal: Ich bin ja in den 60ern geboren. Und wie viele bin ich damit aufgewachsen im Käfer meiner Mutter Beatles zu hören. Das ist definitiv 60er, oder? Debug: Was wäre die faszinierendste Technologie die man mit Mira Calix verbinden könnte? Chantal: Die faszinierendste Technologie für mich muß wohl grüne Technologie sein, was in vielen Fällen wohl wahrscheinlich ein zurück zu den einfacheren Dingen ist. Vielleicht ist das etwas widersprüchlich, aber damit kann ich ganz gut leben. Ich bin ganz glücklich mit Solarenergie, aber das ist wohl kein Wunder. Debug: Wie arbeitest du an Trax? Chantal: Ich arbeite ziemlich erratisch und schnell. Ich mag es die Dinge spontan zu halten. Ich beginne mit Sounds die ich aus einem extremen Lo-Fi Equipment heraushole und gehe dann zur Rhythmus Sektion. Dann hin und her, vor und zurück. Debug: Magst du die Remixe von Pin Skeeling? Chantal: Ich liebe beide. Die Boards sind extrem talentiert und Vendor Refill ist auf jeden Fall jemand von dem man in der Zukunft noch viel hören wird. Und, natürlich habe ich sie ausgewählt, ich lasse niemals jemand anders eine Entscheidung für mich treffen.

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