Text: felix denk aus De:Bug 16

Miss Kitten and the Hacker – Back in Black? Felix Denk Die 80s und kein Ende: Unverkennbar Retro präsentiert sich die auf DJ Hells Gigolo Records erschienene Champagne EP von Miss Kitten und dem Hacker. Das aus Frankreich stammende Duo läst in den collagenartigen Texten keinen Querverweis auf die Popkultur der vergangenen Dekade aus und entwirft einen Kosmos aus morbider Décadence und ungezügeltem Hedonismus. Musikalisch pendelt das Ganze zwischen darkem Elektro und 80s Synthi-New-Wave, wobei auch nicht davor zurückgeschreckt wurde, Songstrukturen in die Tracks einzuarbeiten. Bei einer derart plakativen 80s Exploitation drängt sich natürlich die Frage auf, was die Beteiligten dabei eigentlich im Sinn hatten: ist das Ganze nun eine bierernste Hommage an die 80s oder möglicherweise eine Verarschung des derzeitigen Electro Hypes? Nun ja, die erste Überraschung war dann, als ich Carolin Herve aka Miss Kittin in ihrer Wahlheimat Genf anrief, daß ich sie beim Kochen störte und es nicht Hummer und Langustenschwanz gab, sondern die Kartoffeln vom Vortag. Miss Kittin, Jahrgang 1973, gehört zu der Generation von Djs und Producern, bei denen sich die 80er Jahre ansatzweise mit ihrer Teenagerzeit decken. Ihre musikalische Sozialisation in Bezug auf Electro und New Wave beschreibt Miss Kitten mir so: “Als Teenager war ich nicht allzu musikbesessen. Ich habe viele verschiedene Sachen gehört, war aber sicherlich kein Trainspotter. Die ersten Electro Sachen, mit denen ich in Berührung kam, waren MadonnaÔs erstes Album, das meiner Meinung nach sehr electromäßig ist, und Rockit von Herbie Hancock, das ich sehr liebe. Später habe ich Front 242 entdeckt, ich war allerdings nie auf einen speziellen Stil festgelegt. Das mit dem New Wave ist eher der Einfluß des Hackers. Er spielte auch in seiner früheren Jugend in einer New Wave Band und hat sich immer schwarz angezogen. Für ihn ist das Ganze auch ein großes Tribute. Er wollte immer so eine Art zweite Soft Cell sein.” Da Electro für Miss Kittin in den 80er Jahren nicht so das große Ding war, sieht sie die musikalischen Einflüsse für die Champagne EP eher im Detroit der 90er: “Wir haben viel amerikanischen Electro gehört, Miami-Bass, was mehr so hiphopmäßig ist, und Detroit Sachen, die in gewisser Weise eher deutsch klingen. Viele von diesen Platten hören sich recht gleich an. Die Breaks und HiHats sind immer an denselben Stellen. Mit Außnahme der Sachen von Dopplereffekt vielleicht. Wir waren dann sehr angetan davon, wie unterschiedlich ‘Frank Sinatra’ im Vergleich dazu klingt.” Tut es auch. Vielleicht ist die geheime Ingredienz, durch die sich der Sound von Miss Kittin und dem Hacker von anderen Producern abhebt, ja Pop. Schließlich kommen ‘1982’ und ‘Frank Sinatra’ doch sehr songartig daher, was vor allem an Miss Kittens Gesang liegt, aber auch an den new-waveigen Melodiebögen, die sehr slick und sophisticated an Nummern von The Normal und Visage orientiert sind. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist auch, daß die Musik in einem referentiellen Rahmen stattfindet, eine Tendenz, die in letzter Zeit gerade in München sehr gepflegt wird, wenn man beispielsweise an DJ Hells neue LP “Munich Machine” denkt. Es scheint fast, als ob Techno im Zuge des Electro Revivals seinen Anspruch, das “Morgen” zu verkörpern, aufgibt und stattdessen seinen Bezugspunkt eher in der Vergangenheit sieht. Da das Heute sich aus historischen Erfahrungen nährt und demnach immer Summe aus allem Vergangenen ist, bringt der Blick zurück Eklektik statt Purismus. Im Falle von Miss Kitten und dem Hacker tritt der Humor an die Stelle, die vorher von der Formstrenge besetzt gehalten wurde. Ebenfalls sehr Retro-Pop ist die Tatsache, daß Miss Kittin and the Hacker als Duo in Erscheinung treten, was sich ja auch als 80s Querverweis lesen läßt. Schließlich war in der vergangenen Dekade das Format hoch im Kurs. So funktioniert die Persona Miss Kittin als charismatische Frontfrau, das Gesicht des Projekts gewissermaßen, während der Hacker den Mann im Hintergrund mimt, den Producer, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Das erinnert beispielsweise an die Eurythmics, vielleicht auch an Modern Talking, wenn man Thomas ‘Nora’ Anders als Frontfrau sehen will. Entsprechend stritt Miss Kittin die Frage, ob sie denn eine Band seien, nicht kategorisch ab: “Wir fanden es lustig, die Rolle einer 90er New Wave Band zu spielen. Aber das ist nur eine Seite von uns, auf die wir uns nicht festlegen wollen.” Nach dem großen Erfolg von ‘1982’, das neulich von Low Spirit gesigned und auf CD veröffentlicht wurde, klingt das schon fast entschuldigend. Um etwaigen Schubladisierungstendenzen entgegen zu wirken, wird der geplante nächste Release auf Gigolo Records weniger an den Sound der Champagne EP anküpfen. Und daß Miss Kittin and the Hacker auch abseits der 80s Trashpopästhetik Ausdrucksformen finden, haben sie ja bereits mit “The Grey Area” bewiesen. ZITAT: Im Falle von Miss Kitten und dem Hacker tritt Humor an die Stelle, die vorher von Formstrenge besetzt gehalten wurde.

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Elektronische Lebensaspekte.