Vorbei sind die Zeiten, in denen Christoph Bleckmann und Hannes Werner in ihrem Studio zarte Minimaltechno-Pflänzchen gezüchtet haben. Auf ihrem zweiten Album als Misc verwandeln sie ihren Minimal-Garten mit kompromisslosem Techno-Punch in einen umgefpflügten Rave-Acker. It's Crunch Time!
Text: Pat Kalt aus De:Bug 86

MIT DER KETTENSÄGE INS STUDIO

Es mag gemütlichere Orte für ein Interview geben als das Eiscafé Tiziano am Berliner Ostbahnhof. Aber irgendwie passt es dann doch ganz gut an diesem grauen Montag in der krisengebeutelten Hauptstadt. Und wo, wenn nicht hier, würde man einen besseren Einstieg in die erste Frage finden? “Crunch Time” heißt das neue Album von Misc alias Christoph Bleckmann und Hannes Wenner. Da möchte man als Interviewer doch gerne wissen, wer oder was da denn so knirscht und kriselt?

Hannes:
Nee, nee, wir haben keine Krise. Aber die anderen tun alle so, Deutschland ganz allgemein, aber auch die Musikszene und Techno im Speziellen. Das ist uns alles zu langweilig, und da wollten wir dagegenhalten. Zudem passt das Wort “crunchy” auch ganz gut als Charakterisierung unseres Sounds.

Mit “Crunch Time” setzen sich die beiden Wahlkölner deutlich vom letzen Album “In Between” (Resopal, 2003) ab, das ja auf so wunderbare Weise den Spagat zwischen Club und Homelistening schaffte. Die aktuelle Platte will davon nichts mehr wissen. Was sich auf den EP-Vorabkopplungen “Rocket Skating“ und “Rocket Control“ schon andeutete, wird auf dem Album jetzt zum Stilprinzip erklärt. Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch donnern Bleckmann und Wenner mit aller Macht gegen die allgemeine Larmoyanz und die Gleichwascherei in der Minimalszene.

Christoph:
Das hat uns so unglaublich wütend gemacht hat, dass dann plötzlich alle so depressiv wurden. Die Stücke entstanden ja auch fast alle während der EFA-Krise. Da haben wir manchmal mit Leuten telefoniert, bei denen wir dachten: “Oh mein Gott, hoffentlich tut der sich jetzt nicht was an …” Und da haben wir uns gesagt, jetzt setzen wir uns hin, werden mal so richtig aggressiv und lassen uns gehen. Mit der Kettensäge ins Studio, damit das mal so richtig knattert. Härter. Mit noch mehr Punch.
Hannes:
Man merkt ja auch, wenn man diese Stücke rausbringt, dass die Leute darauf abfahren, dass die das wollen. Und momentan gibt es ja gerade im Minimalbereich vieles, was total gleichartig klingt, so dass man gar nicht mehr weiß, ob das Stück von 2004 oder von 2000 ist. Aber eigentlich wollen alle doch auch Hits und Highlights, Statements eben.

Viel Platz für Homelistening bleibt da nicht. Die dreizehn Stücke rocken, rotzen und raven, als hätte das letzte Stündlein auf dem Dancefloor geschlagen. Das freut den DJ, aber wer sonst bitte, sollte sich denn noch ein solches Album als CD zulegen?

Christoph:
“Crunch Time“ ist schon eher ein DJ-Album. Wenn man es zu Hause durchhören will, muss man schon dazu tanzen wollen, glaube ich.
Hannes:
Es ist mehr von der Vinyl-Seite her gedacht, einfach ähnliche Stücke zu bündeln und die auf einem Album zu versammeln. Ganz im Gegensatz zum letzten Album, das ja eher konzeptuell und auf Homelistening angelegt war.
Christoph:
Ich befürchte sowieso, dass sich die Hörgewohnheiten im Zeitalter von iPod und Co. ändern. Ich meine, so ein Album einlegen und das dann konzentriert durchhören, das löst sich doch immer mehr auf. Ich kenne viele Leute, die sich Playlists zusammenstellen mit ihren Lieblingstracks. Da kommt dann ein Techno-Track, dann ein Indietronic-Stück usw. Was sich der Artist beim Album gedacht hat, wird unwichtiger. Ich finde das aber eigentlich ganz gut. Sollen die Leute doch auf ihre Art kreativ sein mit der Titelauswahl und ihre Stimmungen selbst bestimmen. Insofern weiß ich nicht, was das CD-Format noch leisten kann, auch in unserem Fall …

Trotz des gewaltigen Vorwärts-Schubs, den die dreizehn Stücke beim Hören erzeugen und trotz dieser nicht enden wollenden Rave- und Rock-Attitüde läuft das Album nicht in Gefahr, sich in tröger Techno-Statik oder endloser Wiederholung zu verlieren. Jedes dieser Sound-Sandwiches ist auf andere Art und Weise aber gleichermaßen üppig belegt und reichhaltig garniert mit Knarz- und Furz-Bässen, Sechzehntel-Synthesizer-Stakkati, abgedrehten Vocal-Schnippseln, hymnischen Acid-Sprenklern, heroischen Effekten, scharfem Granulat und feurigen Resonanzfiltern.

Hannes:
Die Idee war, richtig rockenden Techno zu machen mit viel Energie, ohne Schranz zu produzieren. Deshalb nehmen wir die Arrangements der Stücke sehr ernst. Wir wollen eine Entwicklung in den Tracks, irgendetwas, das passiert. Das ist ja auch im Club dann viel energetischer, als wenn man einfach nur so ein Loop-Pattern ein bisschen variiert und abspielt.
Christoph:
Deswegen produzieren wir gerne Breaks, die uns die Möglichkeiten geben, eine andere Richtung einzunehmen, neue Sounds einzuführen oder noch mehr Energie draufzupacken …
Hannes:
… und nicht immer nur so ein blödes Cymbal drauf am Ende.

Nichts, was Bleckmann oder Wenner nicht gut finden, kommt in die fertigen Tracks. Misc – das ist eine gut verdauliche Mischung aus Basisdemokratie, Kontinuität und Erfahrung mit klarer Dramaturgie und überlegter Emotionalität. Die mittlerweile zehnjährige Zusammenarbeit der beiden hat auch in zahlreichen anderen Sound-Projekten Früchte getragen (Niederflur, Monophace, Clubsessel, Van Delta), die im Augenblick aber alle auf Eis gelegt sind.

Hannes:
Wir kennen uns ja jetzt schon so lange. Wir streiten uns zwar immer aufs Blut, aber eigentlich wollen wir beide ja immer dasselbe …
Christoph:
Und mittlerweile arbeiten wir fast ausschließlich digital, das hilft, denn jeder hat jetzt sein Laptop und bastelt da an neuen Sounds und Loops, die wir am Ende dann begutachten, aussortieren, bearbeiten und zusammenführen.

Christoph hat sich zwischenzeitlich auch ein Keyboard angeschafft, auf dem er seine Melodien und Synthie-Lines einspielen kann – wahrscheinlich eine verspätete Reaktion auf das Hausverbot, das ihm die Musikgeschäfte Bremens in den 80er Jahren aufgrund seines übermäßigen “Testens“ der aktuellen Synthesizer-Modelle auferlegt hatten …

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Elektronische Lebensaspekte.

"Misc" ist das technotanznaheste, aber beunruhigend technotanznahe Kölner Projekt von Christopher Bleckmann und Hannes Werner, die als "Van Delta" und "Niederflur" Drum and Bass-Bausteine in Larry Heard-Atmosphären wickelten.
Text: alexis waltz aus De:Bug 58

Christopher Bleckmann und Hannes Werner haben immer alle möglichen Arten elektronischer Musik geliebt. Nie haben sie nur hinter einem Stil, einem Weg die Deepness vermutet, die zu erreichen das letzte Ziel des eigenen Musikmachens wäre. Vielmehr ist man von etwas gekickt wie Mitte der Neunziger von der einmaligen Atmosphäre des Drum and Bass und konstruiert sich darin ein experimentelles Koordinatensystem. Man begann mit komprimierten Breaks, die zugleich das Potential zum Stolpern und zur Verdichtung in sich haben. Oft geht es um den Moment, an dem entschieden wird, in welche Richtung es kippt. Die Breaks können sich verhaken oder auf den Dancefloor zulaufen. Später hat sich die Produktionsweise Drum and Bass als anderswo anschlussfähiger erwiesen. Man war nicht “immer schon” verbindlich an die Musik angeschlossen wie ein DJ Hype und hatte auch keine Ambitionen zum vielsagend/ nichts-sagenden Schweigen à la Shut Up & Dance. Daher konnte man als Van Delta beinahe formalistisch House-Tracks aus den Basslines, Drums, Samples von Drum and Bass Stücken zusammenbauen, deren Groove aus dem Genre herausfiel. Bleckmann und Werner arbeiten oft mit solchen Kontextverschiebungen. Es scheint, als müsse jedes Projekt der beiden durch ein formalistisches Nadelöhr gehen, damit für eine Zeit ein neuer Raum erschaffen wird, den man dann bevölkert, der aber ohne viel Herzblut zu vergießen auch wieder verlassen werden kann. Hannes beschreibt die eigenen Arbeitsweisen analytisch-präzise und faktenorientiert-rational. Dann gibt es auch Momente, die sich von diesem Diskurs nicht einholen lassen: die Atmosphäre von Drum and Bass, die Basslines in den Tracks als Niederflur, dem ersten Techno-Projekt und der größten Sensation der beiden. Niederflur bringen Techno an einen Nullpunkt. Die Beats sind langsamer als bei Larry Heard, immer kurz davor einzuknicken. Anstelle von Raveimperativ-Vocals gibt es die alltags-surrealen Ansagen der Kölner Niederflur-Bahn. Nicht mehr wie zum Beispiel bei Aphex Twins “Polygon Window” steht die U-Bahn für einen Futurismus des in-Bewegung-Seins. Niederflur handelt eher von Momenten, in denen der Alltag nur noch Verdutztheit produziert. Dann bricht der Bass in die Mitte der Takte und schafft ein ganz anderes Tempo und eine Notwendigkeit, die man in Techno nicht kannte. Man musste den Punkt suchen, wo fast nichts mehr ging, um ein anderes Bewegungsmoment einzuführen. Hannes: “Bei Niederflur laufen die Bässe, anders als bei Drum and Bass, entgegen der Bassdrum. Die Idee war, die Frequenz und den Verlauf eines Drum and Bass Basses zu benutzen, aber wir wollten bremsen. Wir wollten langsame Musik machen. Wenn wir beschleunigende Basslines à la Drum and Bass gesetzt hätten, wäre es wieder rockig geworden. Deshalb haben wir das Ganze gezogen und so entsteht eine Melodie, die sehr harmonisch und nett ist und es entsteht eine Atmosphäre, die den Rhythmus bricht. Diese Musik ist nur Rhythmus, auch wenn es kleine Melodie-Einsprengsel gibt. Man muss den Bass als rhythmisches Element begreifen. Eine Kickdrum in dem Tempo überhaupt grooven zu lassen, ohne eine gerade Hihat, haben wir als Herausforderung begriffen. Und es lässt mehr Raum für die verzackten Rhythmen in den Percussions und Hihats. Es sind unlogische Rhythmen, die erst als System Sinn machen.”
Der strenge Experimentalismus der beiden legt nicht gerade nahe, dass sie doch den Dancefloor als das Spannungszentrum ihrer Musik ansehen (Hannes: “Ich war schon vor zehn Jahren im Tresor.”). Um sich auf diesen zu begeben, hat man das Pseudonym Misc erschaffen. Im Liveset werden Leerstellen ohne Ende produziert. Genaues Sounddesign schafft Raum, der begehrt, gefüllt zu werden. Man lässt das Publikum zappeln, bis es nach der Hookline schreit, und erarbeitet sich eine breite Angriffsfläche. Es ist nicht mehr zu ahnen, aus welcher Ecke die Effekte kommen. Die Hinwendung zum Dancefloor fällt mit ihrem bis dato sperrigsten und beunruhigendsten Projekt zusammen. Der Clubsessel bewegt sich mitten im Zentrum des Lounge-Gefälligkeits-Diskurses. Die Basslines beschwören eine meditative Ruhe, die aber ein besonders unfassbares Potential schafft. Einerseits gibt es ein Schwanken, eine Bewegung, die man als das Minimum von Tanzen verstehen kann, andererseits etwas Soundtrackhaftes. Wäre da nicht dieses traumhaft-bodenlose Moment, stünde man unangenehm real vor der Hecke, aus der gleich der Mann mit dem Messer tritt.

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