Ihr Haupteinfluss ist klassische Musik, Latino aus Chile und Trance. Aus diesem schiefen Dreieck destilliert die Chilenin Alejandra Iglesias alias Miss Dinky auf dem Kölner Label "Traum" ambientigen Minimaltechno, der dem Sandmann die Tränen in die Augen treibt.
Text: anett frank | anett.frank@gmx.de aus De:Bug 53

techno

Von Chile nach NY
Miss Dinky

Die Chilenin Alejandra Iglesias alias Miss Dinky hat eine neue “Traum”-CD gebastelt, und ich darf zum Interview das Ambiente aussuchen. Fein, dann lass uns doch die Stadt von oben beäugen, fern des stickig-stinkenden Stadtlärms über das erste Traum-Album “melodias venenosas” sprechen und die giftigen Melodien des Traum-Releases intravenös verabreichen. Wie wär’s mit dem Fernsehturm? Sie ist einverstanden. Und sie ist wunderbar. Mit etwa 20 ging sie nach NY, um sich dort als DJ einen Namen zu machen. Den hat sie mittlerweile sicher und wird als eine der begehrtesten und bekanntesten DJs der New Yorker Techno-Szene gehandelt. Wie sie dazu kam? Miss Dinky: “In Chile sind wir sehr von deutschen Musikern und Künstlern beeinflusst, die jeden Sommer vorbeischauten. Sie waren Freunde von uns und gehörten zur Familie. Der Mann meiner Schwester war einer von ihnen. Sie zeigten uns Musik und wie man auflegt. Ich mochte diese Musik und fing an, Platten zu sammeln. Ich kam vor etwa 7 Jahren, bevor ich nach NY ging, nach Berlin und kaufte einen Haufen Platten, es war immer Techno mit spezieller Ausrichtung, nie den harten Stuff, aber auch nicht unbedingt House, irgendwas dazwischen. Ich mixte alles zusammen, etwa Elektro-Techno mit Dub-Techno. Es brauchte seine Zeit, meinen Stil als zunehmend minimalistisch zu definieren. Zunächst war es mehr housy stuff mit einigen Vocals und etwas Jungle, jetzt habe ich meinen eigenen Stil, meinen Weg gefunden. Vor zwei Jahren, als ich anfing zu produzieren, war ich sehr enttäuscht vom Nachtleben in NY. Wenn du wirklich was Persönliches von dir zeigen möchtest, dann reicht es meiner Meinung nach nicht aus, den DJ zu machen, den Leuten das Tanzen zu zeigen und Spaß zu haben. Dann ist es besser, deine eigene Musik zu machen.” Binnen zwei Jahren ist da auch schon eine Menge zusammengekommen. Welche musikalischen Einflüsse machten dich zu Miss Dinky? Miss Dinky: “Ich liebe Kraftwerk, Brian Eno, ich mag auch New Wave Musik wie Depeche Mode und Punk, wollte aber nie irgendwelche Elemente für meine Musik isolieren. Ich werde davon inspiriert, was ich fühle, bspw. von Momenten, in denen ich traurig bin. Wenn ich komponiere, hört sich das nicht nach irgendwem an. Mein Haupteinfluss ist klassische Musik, Latino aus Chile und Trance. Ich würde nicht sagen, dass ich versuche, irgendjemanden zu kopieren oder nach irgendetwas zu klingen. Momentan liebe ich Anthony Rother. Mozart, Jeff Mills und Derrick May beeinflussten mich sehr, als ich Ambient machte, seit meiner DJ-Zeit auch Detroit und Chicago. Mr. Fingers, Warp, Sweet Exorcist, die ganzen Bleeps & Clonks der frühen 90er des Labels Warp, bspw. die frühen LFO oder Aphex Twin. Experimental House Music mit einem Kick Techno, lustig und tragbar zum Tanzen sowie eine Menge Rhythmus.” Die Veröffentlichungen auf “Sonic Groove” sind mehr Dancefloor-orientiert und mit vielen eingesprengselten melodischen Vocals durchwebt wie bspw. auf der “Nostalgica”-EP, die im September in Deutschland veröffentlicht wurde. Ein anderes Standbein bietet “Carpet-Records” in den Staaten, ein experimentelles Label ähnlich wie Klang-Records, auf dem u. a. auch Jake Mandell releast und demnächst auch Safety Scissors. Neben diesen fährt sie momentan parallel dazu in Deutschland eine etwas andere Schiene, die ihr kreatives Potential nur noch hervorhebt. Auf “Traum”, dem Kölner Label für besonders sehnsüchtige, trockene, schwere, eigenwillige, tiefe und leichte Musik, sticht zunächst ihre allererste Traum-EP ins Auge. “Atacama”, so der Name, ist die trockenste Wüste der Welt in Nord-Chile, und so hört sich diese bezaubernd tragische Platte auch an. Miss Dinky dazu: “Das ist meine Lieblings-Platte. Sie zeigt die Leere der Wüste und ist sehr trocken, da regnet es nie. Die Melancholie bedeutet einen sehr gelösten Fleck Erde. Die EP repräsentiert dieses Gefühl sehr schön.” Auch die folgenden EPs lassen an minimaler Beat-Setzung und ambienter Stimmung keine Wünsche offen. Die Valparaiso-EP präsentiert sich gradlinig, trocken, househymnisch, aber auch tanzbar, was eher ungewöhnlich für das Traum-Fach ist. Miss Dinky: “Bei der ‘Amapola-EP’ hingegen fand ich, dass die Musik wie bestimmte Situationen klingt. Amapola ist eine Blume, poppy seat, eine sehr verträumte Droge, bei der man in den Wolken schwebt. Man stellt daraus Heroin und Opium her. Es ist sehr opiate Musik, sehr hörig und eingänglich.” Auch ihr nun anlaufendes erstes Album ist sehr melodisch und träumerisch. Miss Dinky: “Es ist ein sehr hypnotisches Album, es trägt dich irgendwo hin, wie wenn dir jemand Gift injiziert.” Auch der “Neruda”-Track der Amapola-EP, mein ganz persönlicher minimaler Lieblingshousetrack der bisherigen Veröffentlichungen, ist auf dieser CD hörbar. Die Stücke schleichen sich sanft und unaufdringlich ein, um dann unbemerkt als Ohrwurm in deinem Kopf herumzuspuken. Anschmiegsam und warm. Es fragt sich, wie Traum-Labelchefin Jaqueline Klein auf Alejandra aufmerksam geworden ist? Miss Dinky: “Ich habe vor etwa anderthalb Jahren einfach ein Demo-Tape zu Kompakt hingeschickt. Riley Reinhold, der Vertraute von Jaqueline, hat dann meine CD von Mike Ink gesteckt bekommen. Für Traum perfekt. Meine Entwicklung auf Traum ist sehr spezifisch. Zunächst schuf ich nur ein Ambiente, das zwar schön war, doch jetzt versuche ich, wirklich Songs zu machen – eine Geschichte zu erzählen. Auf Traum ist alles sehr frei und offen.” War die CD speziell für Traum geplant? Miss Dinky: “Ich habe alles für Traum produziert. Wir haben die Playlist gemeinsam zusammengestellt. Riley, Jaqueline und ich. Ein Mix unserer drei Geschmäcker. Wir wollten eine Ambient-CD, keine Tanzmusik.” Laufen momentan irgendwelche Kooperationen, oder bahnen sich langangelegte Zusammenarbeiten an? Miss Dinky: “Ich lerne gerade von ‘Sieg über die Sonne’, d.h. Martin Schopf (Dandy Jack) zeigt mir eine Menge Produktions-Techniken, aber wir produzieren nichts zusammen. Ich habe einen Remix für Anthony Rother gemacht. Außerdem dachte ich schon öfter daran, dem BPitch-Label meinen Dance-Stuff vorzustellen. Labelchefin Ellen Allien scheint nicht abgeneigt. Das wird aber noch eine Weile brauchen.”
Es könnte sich also demnächst bald eine neue Berlin-Connection herauskristallisieren. Wir dürfen gespannt bleiben.

Miss Dinky, Melodias Venenosas, ist auf Traum erschienen.

http://www.traumschallplatten.net

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Elektronische Lebensaspekte.