Erst war Caroline Hervé als DJ die Camouflage-tragende Romantikerin der Wald-und-Wiesen-Raves, dann der singende Charme-Bolzen des Electroclash-Sommers. Jetzt macht sie sich mit ihrem Album "I Com" auf den Weg, die non-traditionalistische Hoffnung der schwächelnden Neo-Chanson-Szene zu werden - unbeabsichtigt, aber toll.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 83

Für Fotoredaktion: Foto von David Bowie mit freiem Oberarm ohne Tattoo, Foto von Sylvia Robinson mit freiem Oberarm mit appliziertem “exhale”-Tattoo, dazwischen Miss Kittin mit dem Plattencover-Motiv.

Sie tanzt, sie singt, sie fährt Auto / Miss Kittin

Miss Kittin ist David Bowie. Was für eine Travestie. Um endlich aus diesem beschämenden Spiel herauszukommen, ist Miss Kittin sogar so weit gegangen, sich ihre Oberarme tätowieren zu lassen. Mit basalen Mitteilungen wie “inhale”, “exhale”. In Fraktur. Das hat eine zeitlang wirkungsvoll von der Identitätsüberlagerung abgelenkt. Bowie würde seinen Alabasterkörper nie tätowieren lassen, die H-Nadeln haben gereicht.
Aber mit ihrem ersten “Solo”-Album “I Com” hat Miss Kittin mit einem Hüftschwung eingerissen, was die Tätowierungen auf beiden Armen mühsam aufgebaut hatten. Warum muss sie einen Track auch “Neukölln 2” nennen? Das setzt doch noch den verschnupftesten Spürhund auf die richtige Fährte. “Neukölln”, so hieß dieser legendäre Schwermutsgeräusche-Track auf Bowies “Heroes”-LP (wenn auch mit nur einem “l”).

Die stupenden Parallelen drängen sich ab diesem Indiz auf die Hand: Bowie war zur “Heroes”-Phase nach Berlin übergesiedelt, Miss Kittin ist es zu “I Com” auch. Beider Lieblingsplatz: der Wochenmarkt am Neuköllner Ufer. Bowie hatte gerade nach “Young Americans” und “Station to Station” seine Dancephase abgeschlossen. Miss Kittin mit ihrem Songwriteralbum “I Com” zwischenzeitlich auch. Sie hat nur etwas länger gebraucht bis zu diesem Schritt. Aber mit Thies Mynther und Tobi Neumann als Produzenten hat sie ebenbürtige Partner zu Bowies Tony Visconti und Brian Eno gefunden.
Ab geht’s in die experimentell elektronische Popphase. Experimentell heißt vor allem, ich spucke auf eure Noten, Songs schreibt man in Bildern. Das geht so, zum Beispiel beim Pianosolo von “Happy Violentine”: “He, Thies, du stellst dir jetzt vor, du wärest ein Vampir. So richtig im düstersten Moment der Nacht, mit riesigem Cape und vorgerecktem Spitzzahngesicht.” Und Thies zieht die Schultern hoch, fletscht die Zähne und haut in die Tasten, wie es sich kein Komponist als kongenialere Umsetzung seiner Partitur erträumen könnte.

Oder ist Miss Kittin doch Sylvia Robinson? Der Track “Requiem For A Hit” auf Miss Kittins “I Com” sampelt im Interlude die Modern-Soul-Formation “Ray, Goodman & Brown”, die davor als “The Moments” unter Sylvia Robinsons Regie standen. Auf dieses Sample schwört zumindest das Ohr des Journalisten. Miss Kittin hingegen legt ihre Künstlerinnenhand dafür ins Feuer, dass die Stelle Ton für Ton selbst eingespielt wurde. Egal, die Assoziation ist da. Und beweist diese unbewusste musikalische Mimikry nicht erst recht eine Seelengemeinschaft zwischen Miss Kittin und Sylvia Robinson?
Sylvia Robinson war eine der toughesten Geschäftsfrauen im Musikbiz. Als Geschäftsführerin von “Sugarhill Records”, dem Label, das HipHop mit der “Sugarhill Gang” auf die Schallplatten-Landkarte gebracht hat, lehrte sie jedem Konkurrenten legendär das Fürchten. Gleichzeitig hauchte sie aber als “Sylvia” die anschmiegendsten “Pillow Talks” ins Mikrofon. Ein Januskopf von einer Frau.
Schillert Miss Kittin nicht auch faszinierend zwischen kalkulierender Verwalterin ihres Star-Potenzials und dem Image vom naiv unverstellten Privatmenschen? Ihre Website misskittin.com spricht einen im Stil eines persönlichen Briefes an mit lustigen Skribble-Figürchen und krakeligem Handschrift-Lettering. Ihr Album sagt “Miss Kittin” und “I”. Aber die Seite ist kein Ein-Personen-Weblog und die Platte kein Ein-Personen-Bedroomfolk. Beides konnte nur im Teamwork entstehen. Ein Team mit einer Königin (“It’s Good To Be The Queen”, Sylvia Robinson). Ein Team, dessen Aufgabe darin besteht, Miss Kittin so sichtbar und sich selbst so unsichtbar wie möglich zu machen. Miss Kittin will, dass man sich mit ihr auseinander setzt, nicht mit einem Kollektiv. Selbst wenn sie in ihren Texten genau das problematisiert, so kreist sie immer noch um sich selbst. Aber das ist ihr nicht wichtig aus Egomanie, sondern aus Nostalgie: Sie kann nicht lassen vom ursprünglichen Erlebnis des direkten Händeschüttelns zwischen DJ und Publikum auf Spiral-Tribe-Parties im französischen Hinterland um ’93 – und wenn es auch nur als Teil-Simulation zu retten ist. Das nennt man wohl Einrichten in der Professionalität. Beweist nicht ihr Z3 Cabrio (siehe Foto) den gleichen Geist? Eine poshe Angeberkarre, würdig eines Stars – aber dank versenkbarem Dach mit dem Höchstmaß an direktem Kontakt zu den Mitmenschen. Mitmenschen, nicht Volk.

Miss Kittin biegt sich selbst Image- und Marketing-Kontrolle zu einem kreativen Spiel zurecht. Und Limitierungen, die ihre künstlerische Abenteuerlust hemmen könnten, ignoriert sie einfach. Wofür hat man denn schließlich diesen Akzent, mit dem selbst das Verlesen eines Todesurteils noch wie ein Frühlingsgedicht klingen würde? Und genau diese charismatische Resistenz gegen jeglichen Zynismus hat sie auch bei ihren diversen Gesangskollaborationen vom Golden Boy über Sven Väth bis zu Felix Da Housecat so faszinierend gemacht: Nie war sie Vorzeigepuppe, die weitergereicht wird und die schließlich mit verhärmten Mundwinkeln ihren Teil des Kuchens einklagt – wie Verona Feldbusch, Naddel oder Thomas Anders. Immer war sie die Gallionsfigur, ohne die jeder Kahn sang- und klanglos auf Grund laufen würde.
So ausgeprägt wie auf “I Com” hat sie ihre Stellung als Gallionsfigur einer abenteuerlichen Musikodyssee entlang einer Elektronika-Chanson-Küste zwischen David Bowie und Sylvia Robinson allerdings nie ausgespielt. Und wenn sie jetzt immer noch jemand “Singender DJ” nennen sollte, dann kann das nur so verehrungsvoll gemeint sein wie bei Gene Autry, dem “Singing Cowboy”.

PS: Gerade habe ich mit meinen Freunden von der Jugend-CSU gesprochen, die ich über unseren gemeinsamen Bekannten Christian Kracht kenne. Die wollten entrüstet wissen: “‘I Com‘? Was nimmt sich diese französische Katze heraus, ein bayrisches Mundartalbum herauszubringen?”

PPS: Warum Miss Kittin “inhale” auf dem rechten Oberarm, “exhale” auf dem linken stehen hat? Ihr Doofies, natürlich weil bei jeder, aber wirklich jeder Yoga-Übung nach links ausgeatmet wird. Das wusstet ihr nicht?

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Elektronische Lebensaspekte.