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Text: heike blümner aus De:Bug 30

/hiphop/r&b Big in Business Missy Elliott Die x-fachen Platinschallplatten und die gleichmaterialigen Kreditkarten verdichten sich am Ende der Neunziger im Blackmusic-Segment. Warum das wichtig ist? Weil es Puff Daddy, Mariah Carey, R. Kelley, Master P., Whitney Houston, Janet Jackson, Mary J. Blige und Lauryn Hill wichtig ist. Und Missy Elliott auch. Klar, die Giga-Erfolgsstory von Missy Elliott hat auch damit zu tun, dass Sie es als einzige geschafft hat, einen Sound irgendwo zwischen HipHop und R&B zu kreieren, der neuartig klingt, der nicht an den naheliegenden Samples erstickt, und dessen verzogene Beats inzwischen als eigenes Zitat in diversen HipHop- und R&B-Produktionen vorkommen ohne zu langweilen. Andererseits ist Puff Daddy mindestens genauso erfolgreich, obwohl seine Produktionen so einfallsreich sind wie die fünfte Serien-Wiederholung im Nachmittagsprogramm. Mariah Carey wiederum ist so erfolgreich wie Puff Daddy und Missy Elliott zusammen, weswegen sie an einem schlechten Tag beim Platinkreditkarten-Kaufhaus Barneys in New York mal eben die ganze Schuhabteilung mitnehmen kann. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Missy Elliott-Geschichte führt weniger auf dem Pfad des Talents und der Innovation als auf dem Weg von talentierten und innovativen (Selbst)marketing und Management nach oben. Hier soll es bei weitem nicht um Kulturpessisimus oder Missgunst gehen. Sondern um Prioritäten. Und die hiessen bei Missy Elliott von Anfang an “das Business straight zu kriegen, damit man auch später noch seine Benz und Lexus fahren kann.” Das ist schon in Ordnung und ausserdem das Zeitalter nach Madonna, wo “Business machen” selbstverständlich ist und sich nicht mehr über die Inszenierung höhere Weihen abholen muss. Dazu braucht es einen Mentor (Puff Daddy) und unzählige Manager, Assistenten, Stylisten, Videoregisseure und Techniker. Und eben das Talent und die Persönlichkeit von Missy Elliott als zündenden Funken, um sich selbst als funkelnden Stern in die Umlaufbahn zu schiessen. Denn das Business braucht Stars. Nicht zum Anfassen, sondern als schlüssiges Markenzeichen. Gemessen an ihren Werken und an ihrem Kontostand ist Missy Elliott mit fünfundzwanzig Jahren bestürzend jung. Aufgewachsen in Virginia, frühe Einflüsse Michael Jackson, Prince, Chaka Khan, Patti Labelle. Es folgt die Idee: “Ich will ein Star sein.” Und dann Talentshows, Talentshows, Talentshows. Preise, Preise, Preise. Die erste Band “Sister”, ein Flop, aber kein Aus, denn Puff Daddy wittert Talent. Nach kleineren Co-Produktionen und Backgroundgeplänkel erscheint 1997 das erste Album “Supa Dupa Fly”, das dem Strassenkreuzer HipHop eine Generalüberholung verpasst, um damit durchs R&B-Portal zu brettern. Künstlerisch waren HipHop und R&B nie hart voneinander getrennt, aber “Supa Dupa Fly” bricht die Kauf-Barriere des “aufgeklärten Konsumenten” zwischen den Genres. Nicht dass R&B am Ende der Neunziger weniger Goldkettchen wäre. Nur vielmehr Leute finden Goldkettchen auf einmal cooler als vorher. Ja, es ist der unverkennbare Missy Elliott Sound, der dafür sorgt, dass auch Leute, denen HipHop zu prollig oder sonstwas erschien, auf einmal wieder die Ohren aufsperren. Wieviel Anteil Timbaland daran hat, oder irgendjemand anderes wie zum Beispiel die beiden jungen, weissen, britischen Techniker, die bei meinem Interview mit Missy Elliott vergangenes Jahr im Hightech-Edelgehölz-Studio in der Produktion hocken und ohne die laut Missy “nichts läuft”, ist ungeklärt, aber vor allem EGAL! Erstens ist der einsame Alleinproduzent on Top of the Pops eine Mär, und zweitens ist die Inszenierung und der Verkauf des Herrausragenden mindestens genauso wichtig. Darin besteht der wahre Geniestreich und, wenn man will, auch das Progressive am Starmodell Missy Elliott: Zusammen mit ihrer Stylistin June Ambrose und dem Regisseur Hype “Fischauge” Williams erschafft sie ein neues, persönliches Image in einem Genre, in dem Frauen doch bitteschön irgendwie sexy sein sollen. Gewählt werden darf auf der Skala tittig-prollig bis überstylish-divenhaft. Missy hingegen ist die echte Künstlichkeit in Person: Ritterin, Comicfigur oder transvestitenähnliche Puppe, die gleichzeitig für bodenständige Kumpelhaftigkeit steht und auf jeder glamourösen Party in Jeans, Baseball-Shirt und Sneakers erscheint. Mit ihrem zweiten Album “Da Real World”, dieses Jahr erschienen, gelingt ihr wieder das, wovon die Kollegen den ganzen lieben langen Tag rappen, nämlich HipHop zum nächsten Level zu bringen: “Da Real World” ist bombastisch, aber nicht grössenwahnsinnig, verspielt, aber nicht kitschig, mit eingeschworenen Gastrappern von Da Brat über Eminem bis MC Solaar, die verschiedene Szenenanbindungen garantieren. Missy Elliott feiert und lässt sich in jedem Track feiern: Missy, Missy, oder eben M.I.S.S.Y. Und das ist nur angebracht, denn es ist da sicherlich noch einiges im Karton. Vor allem, wenn, wie es sich abzeichnet, Black Rhythm-Songwriting die Konsens-Musik des nächsten Milleniums wird. Und das wird sie, bei meiner Rolex.

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Elektronische Lebensaspekte.