Ji-Hun Kim auf Housebesuch in der polnischen Hauptstadt
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 148

Catz N' Dogz' Techno Service

Raven in Warschau? Polen kann mittlerweile eine amtliche Clubdichte vorweisen, auch produziert wird hier am laufenden Band. Jacek Sienkiewicz war einer der ersten international erfolgreichen Künstler, mittlerweile ist eine neue Generation in den Startlöchern. Zum Beispiel Catz N’ Dogz. Von deren Record Release Party in der polnischen Hauptstadt berichtet Ji-Hun Kim.

Der Berlin-Warschau-Express ist ein sonderbarer und besonderer Zug. Irgendwie in der Zeit stehen geblieben, fährt er in knapp sechs Stunden von der deutschen zur polnischen Hauptstadt. Die Tickets werden noch gelocht, im Vergleich zum aktuellen ICE-Standard fühlt sich um 20 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Ein wohlig-nostalgisches Gefühl stellt sich ein, keine piepsenden Scanner, keine Kreditkartenabgleiche, kein Bordbistro sondern ein Speisewagen, in dem gebratene Pierogi und Zurek gereicht werden, eine Sauerteigsuppe mit Wurst und Ei. Der Großteil der Passagiere ist polnisch, so schallt einem bereits bei der Abfahrt in Berlin zu nachtschlafender Morgenstunde mehrfach ein knackiges “Dzien Dobry!” aus dem Abteil entgegen. Guten Morgen auch.

Der Zug durchquert abgelegene Landschaften, das Land ist weit und an einigen passierten Kleinbahnhöfen blicken alte Fabrikgebäude aus zerschlagenen Fenstern morbide ihrem Ende entgegen. Im Zug herrscht dagegen rege Geschäftigkeit, da in wenigen Tagen Allerheiligen vor der Tür steht, im größtenteils schwer katholischen Polen ein sehr wichtiger Feiertag. Das Konterfei von Herzog Mieszko I., der das Land im 10. Jahrhundert christianisierte, ziert noch heute den 10-Zloty-Schein und zu Allerheiligen versammeln sich die Familien in den Heimatorten und zünden Kerzen für die Verstorbenen an. Die Friedhöfe erleuchten jährlich in einem wahren Kerzenmeer, nachts ist der Himmel wegen abertausender Kerzen nicht mehr zu sehen, die Jugend trifft sich, nimmt Drogen und erfreut sich an dem illuminierten Schauspiel.

Jacek der Pate
Grzegorz Demianczuk und Voitek Taranczuk haben zur Record-Release-Party nach Warschau geladen. Zusammen produzieren sie als Catz N‘ Dogz, zuvor auch als 3 Channels und seit kurzem betreiben sie ihr eigenes Label Pets Recordings. Voitek lebt seit einiger Zeit in Berlin, Grzegorz “Greg” noch immer in ihrer gemeinsamen Heimatstadt Szczecin/Stettin, dem Paris des Ostens, wie es in Polen gerne genannt wird. Ihr zweites Album auf Mothership “Escape from Zoo” erscheint dieser Tage. Mehr als ein Grund zu feiern. Dazu wurden weitere Freunde eingeladen. Lukasz Seliga aka SLG aus Lodz wird ebenfalls spielen, Jesse Rose kommt als Gast von außerhalb. Man kennt sich gut. Zusammen bilden Catz N‘Dogz und SLG die international wahrgenommene Spitze der polnischen Techno-House-Szene.

In der Mitte: SLG

Aber auch jüngere Künstler wie die Combo Pol_On werden unterstützt und releasen u.a. auf ihrem Label. Alle Mitte/Ende 20, die Kindheit im Sozialismus verbracht und nach der Wende auch durch den plötzlich global gewordenen musikalischen Input und der darauf folgenden Öffnung zu renommierten Produzenten herangewachsen. Viel Inspiration und Motivation haben sie Jacek Sienkiewicz zu verdanken. Der Warschauer Produzent und sein Label Recognition waren mit die ersten, die Techno aus Polen exportierten. “Er ist so etwas wie der Pate, der Godfather, für uns alle hier. Als wir jünger waren, konnten wir einfach nicht glauben, was da passierte, wenn er spielte. Dann releaste er auch noch auf Cocoon und anderen bekannten Labels …”, erklärt Greg voller Ehrfurcht vis-à-vis der Warschauer Altstadtmauern.

Popkultur entstand hier erst vor 20 Jahren, nach der Wende eben. Mit dem Begriff Techno können hier noch immer die wenigsten etwas anfangen. Zunächst erhielt nämlich die HipHop-Kultur die Aufmerksamkeit der Jugend, was man auch an den zahllosen Graffiti und Tags sieht, die auch bereits während der Hinfahrt urbane Ansätze in der Provinz mehr oder minder geschmackvoll dekorierten. Auf der Warschauer Hauptpromenade in der Innenstadt legt eine Handvoll Teenager eine amtliche Breakdance-Show auf die ausgelegte Pappe, eine alte Tape-Boombox krächzt zu ihren Headspins aus den Vollen.

New Rave im Kulturpalast
“Die jetzige Jugend kennt weder Solidarnosc, noch will sie was mit der sozialistischen Vergangenheit zu tun haben. Da wächst eine ganz andere Generation heran. Aber es bestehen auch Unsicherheiten, vielleicht auch Minderwertigkeitskomplexe. Wir sind einfach 40 Jahre hinten dran, was Pop anbetrifft, auch im Vergleich zu Deutschland”, meint Grzegorz. Michal Brzozowski aka Bshosa erklärte mir zuvor, dass Dance erst durch den New-Rave-Boom vor einigen Jahren weitflächig wahrgenommen wurde: “Ed Banger und das französische Zeug sind hier extrem eingeschlagen. Bald fingen alle an Röhrenjeans zu tragen, dann kam Indie. Clubs wie in Berlin zu betreiben, ist noch äußerst schwierig. So langsam verändert sich aber das Bewusstsein.”

Breakdancer in der Altstadt

Bshosa weiß wovon er spricht, er hat in Berlin gelebt und studiert und ist nun so etwas wie der Tausendsassa und die Schnittstelle der Warschauer Szene. Mit seiner Frau betrieb er bis vor kurzem den Klub 55 im Kulturpalast, dem monströsen, in den 50er-Jahren errichteten, stalinistischen Zuckerbäckerbauwerk, dessen Spitze 231 Meter in den Himmel ragt und den Rest der Stadt architektonisch überschattet. Michal ist künstlerischer Leiter des Ladens 1500m2, wo die Releaseparty stattfindet, wo aber auch Theater, Film und Street Art ihren festen Platz haben. Beim populären Radiosender Roxy FM hat er seine Sendung namens Detroitzdroj. Detroitzdroj ist zugleich eine Marke, es gibt Kleidung, die obligatorischen Baumwolltaschen, ein Blog, man organisiert Partys und holt Trus‘Me, SBTRKT, Portable, Omar-S, MCDE, Joris Voorn, James Holden, Shackleton, Appleblim und die restliche Tanzflur-Beletage in die Stadt.

Dass er ein landesweit bekannter DJ ist, versteht sich in dem Zusammenhang fast von selbst. Erst durch solide Qualität könne man etwas ernsthaft Großes aufbauen. Das sieht Catz N‘ Dogz‘ Ex-Pat Voitek genauso: “Auch wenn ich in Berlin lebe, ist das, was wir hier in Polen machen, sehr wichtig für mich. Stettin ist um einiges näher an Berlin als an Warschau. Da sehe ich keinen Widerspruch. Wir veranstalten hier viel und spielen regelmäßig, nur weil wir Gigs in den USA haben, ist das kein Grund die Eigeninitiative aufzugeben.”

Kulturoptimismus
Das Land befindet sich im Umbruch. Die anstehende Fußball-EM, die gemeinsam mit der Ukraine ausgerichtet wird, wird als das große Ereignis schlechthin wahrgenommen. Das erste internationale Fußballturnier überhaupt in Osteuropa. Defizite in der Infrastruktur werden unter Hochdruck abgebaut, Bahnhöfe renoviert, Straßen verbessert. Es sei gut, dafür eine Deadline zu haben, sonst würde das alles so nicht passieren. Die nationale Katastrophe von Smolensk im April dieses Jahres, wo der damals regierende Präsident Lech Kaczinsky und 95 weitere, teils hohe Funktionäre des Landes bei einem Tupolew-Absturz ums Leben kamen, sorgten für lethargische Starre, aber auch für eine Menge Unruhen. Rechte und linke Fronten stießen aufeinander. Als das schwarze Gedenkkreuz vor wenigen Wochen vor dem Präsidentenpalast umgelegt werden sollte, kam es zu heftigen Tumulten. Katholiken gegen die Polizei. Die Polizei gegen Studenten. Befürworter gegen Nicht-Befürworter. Tohuwabohu wegen zwei dämlicher Holzlatten, könnte man sagen.

Lamentierende Protestsenioren

Aber in Polen bedeutet es immer noch ein bisschen mehr. Als auf YouTube ein Handy-Video mit lamentierenden Protestsenioren landete, setzte sich Lukasz/SLG in sein Studio und bastelte einen simplen MashUp-Acid-Technotrack aus den Parolen der Demonstranten zusammen, der sich zu einem großen Viral mit mehreren Millionen Klicks entwickeln sollte. Die Klaviatur der digitalen Medien spielt diese Generation osselamäng. Facebook, Smartphones, Blogs werden hier um einiges kulturoptimistischer genutzt als im Westen Europas. Irgendetwas noch Indifferentes brodelt hier.

Während die ältere Vorwende-Generation noch Probleme hat, sich der Globalisierung anzupassen, werden für die Jüngeren wieder Wodka mit Hering und sauren Gurken und eben nicht Starbucks und H&M interessant. Gutes Englisch sprechen sie ohnehin alle. Sowieso sorgen die Ressentiments des Westens, gerade der Deutschen, für einiges an Unmut. “Als ich in Deutschland lebte”, erläutert Bshosa, “war es immer ein Thema, dass ich Pole bin. Als ich hier mit Anja Schneider aufgelegt habe, gab ich ihr meine restlichen Getränkebons, weil ich nach Hause wollte. Sie meinte nur: ’Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ein Pole mir Bons schenkt und nicht wegnimmt.‘ Das kann es doch nicht sein. Das ist doch arrogant”, moniert er, wohl zu Recht …

Pushy Feiern
Der Club 1500m2 füllt sich schnell am Abend. Eine alte Druckerei, verwinkelt, mit vielen Murals geschmückt. Als Catz N‘Dogz ihr Set spielen, wird ausufernd gefeiert, ein unreflektiert hemmungsloses Feiern ist es. Ausgelassen und mit einer gehörigen Portion Spannung. Durchaus pushy, aber Prolltum hat man auch hier schon aggressiv-negativer erlebt. “Da siehst du, was ich meine, mit dieser undefinierten Kraft, die in den Leuten steckt”, ruft mir Greg in Ohr. Auch das spätere Liveset von SLG wird einfach nur gut sein. Am nächsten Morgen beschließe ich einen Tag länger zu bleiben. Flaniere nachmittags durch die Stadt und werde auch dann nicht verstehen, wieso Warschau als die hässlichste Stadt der Welt bezeichnet wird. So zumindest das Web-Reiseforum tripadvisor. Es ist kein Venedig, aber auch kein Frankfurt.

Catz N' Dogz im 1500m2

Dor Levi als Gast im Roxy FM Studio

Ich fahre abends mit Bshosa zu seiner Radioshow, wo Dor, der ebenfalls aus Berlin gekommen ist, zu Gast ist. Wir reden über das gute Essen der Stadt, Dor legt feine Detroit-Platten auf. Danach gehen wir zu Terrence Parker, der im an neuer Stätte wieder eröffneten Klub 55 spielt, lassen uns durch die Nacht treiben. Es finden diverse Partys in der Gegend statt. Auch wenn ein Großteil wegen des anstehenden Allerheiligen-Fests in den Heimatorten ist, es ist angenehm und fühlt sich gut an. Joe Roberts, Redakteur beim Londoner DJ Mag, der auch hier ist, wird mir am frühen Sonntagmorgen semi-derangiert erklären, dass es vielleicht sein bestes Wochenende seit wirklich langem gewesen ist, obwohl er gerade vom Amsterdam Dance Event kommt und den viertel Sommer auf Ibiza verbracht hat. Natürlich, es muss nicht die Messlatte sein, aber etwas Wahres ist eventuell doch dran.

Catz N’ Dogz, Escape from Zoo, ist auf Mothership/WAS erschienen.
http://www.myspace.com/3channels
http://www.myspace.com/slgmusic
http://detroitzdroj.blogspot.com/

8 Responses

  1. Rock'n'Roll, Baby!

    @debug_magazine Mit Catz N’ Dogz in Warschau: Catz N' Dogz' Techno Service
    Raven in Warschau? Polen kann mittler… http://bit.ly/f1uFiM