Aus illegal wird legal: Die neue Wunderwaffe der Musikindustrie im Kampf gegen Tauschbörsen sind – Überraschung - Tauschbörsen.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 93

Mit den Eseln heulen
Die RIAA entert P2P

Anfang Mai verklagte die US-Musikindustrie den 10.000 P2P-Nutzer. Das massenhaft wiederholte Ritual sieht im Einzelfall in etwa so aus: Am Anfang stehen stets hunderte von Klagen gegen Unbekannt, die mit schöner Regelmäßigkeit ein bis zwei Mal pro Monat abgefeuert werden. Sobald die Gerichte die Namen der Verklagten ermittelt haben, werden diese von der US-Musikindustrievereinigung RIAA an einen Subunternehmer weitergeleitet: Die im Bundesstaat Washington beheimatete Firma Settlement Support Center LLC.

Dort wird flugs ein Serienbrief in die Post gegeben, der dem P2P-Sünder empfiehlt, sich doch unkompliziert außergerichtlich zu einigen. Gegen Zahlung von mindestens 3000 US-Dollar, versteht sich. Irgendwie muss man den ganzen Aufwand ja finanzieren. Wer einen Anwalt engagiere, treibe damit nur die Kosten in die Höhe, empfiehlt der Brief weiter. Und wer die Klage anfechten wolle, müsse mit einer Strafe von mindestens 750 US-Dollar pro zum Tausch angebotenen Song rechnen. Um den ganzen Prozess möglichst unkompliziert zu gestalten, betreibt Settlement Support gleich auch ein eigenes Call Center. This is the Music Industry, how may I help you?

P2P-Netze wachsen weiter
Die Klagekampagne der US-Musikindustrie ist eine Meisterleistung in Sachen Massenbestrafung – und gleichzeitig völlig wirkungslos. Die Nutzerzahlen der großen P2P-Netze wachsen beständig weiter. Mittlerweile greifen mehr als neun Millionen Nutzer rund um die Uhr auf Kazaa, Edonkey & Co. zu. Vor zwei Jahren lag diese Zahl noch bei fünf Millionen. Gleichzeitig hat sich Bittorrent zu einem der aktivsten P2P-Protokolle gemausert. Nutzerzahlen lassen sich dort nur schwer ermitteln. Doch Netzwerk-Statistiker gehen davon aus, dass Bittorrent zu Spitzenzeiten für mehr als 50 Prozent allen Internet-Netzwerkverkehrs sorgt.

Um dem Phänomen doch noch Herr zu werden, hat sich die Musikwirtschaft mittlerweile auf eine Doppelstrategie verlegt. Einerseits wird fleißig weiter geklagt. Neben den Nutzern hat man dabei auch weiterhin die Anbieter von Tausch-Software im Visier. So klagen die Plattenfirmen derzeit gemeinsam mit Hollywood vor dem Obersten Gerichtshof der USA gegen Grokster und Morpheus. Eine Entscheidung könnte bereits in diesem Monat fallen. Gleichzeitig geht man in Australien gegen Kazaa vor. Dort wird ebenfalls bald mit einer Entscheidung gerechnet.

Ändern werden auch diese Verfahren nichts. Die beiden populärsten P2P-Programme sind heute Bittorrent und Emule. Beide sind Open Source, beide lassen sich durch Klagen nicht stoppen. Deshalb dürfen wir uns in den nächsten Monaten auf den zweiten Teil der Musikindustrie-Strategie gefasst machen: Die herzhafte Umarmung. Die Strategie dafür scheint direkt aus Walt Disneys lustigen Lebensweisheiten zu stammen: Kannst du Kazaa & Co. nicht besiegen, dann klink dich bei ihnen ein. Du musst mit den Wölfen heulen, nur lauter. Beziehungsweise mit den Emules und Edonkeys der P2P-Welt.

So werden wir in den nächsten Monaten eine Reihe neuer Tauschbörsen sehen, die von alten Bekannten betrieben werden. Das israelische Tausch-Programm iMesh wird sich als Musikindustrie-freundlich neu erfinden. In den USA wird zudem Mashboxx starten – ein P2P-System mit RIAA-Unterstützung, betrieben vom ehemaligen Grokster-CEO Wayne Rosso, unterstützt vom Napster-Gründer Shawn Fanning und seinem neuen Startup Snocap.

Legales Tauschen im Detail
Mashboxx und iMesh sind nicht die ersten, die sich an einer legalen Tauschbörse versuchen. Alle bisherigen Testläufe scheiterten jedoch daran, dass sie auf einem fest vordefinierten Katalog basierten. Nutzern wurde erklärt: Ihr dürft nur diesen und jenen Titel tauschen – und bei jeder Übertragung werden 99 Cent fällig. Also praktisch wie iTunes. Nur eben ohne übersichtliche Web-Oberfläche, schnelle Download-Zeiten und iPod-Unterstützung.

Mashboxx und iMesh wählen deshalb einen anderen Ansatz. Beide Firmen haben sich gegen geschlossene Systeme entscheiden. iMesh wird sich in Kazaas Fasttrack-Netzwerk und das Gnutella-Netz einklinken. Angeblich ist auch eine Edonkey-Unterstützung geplant. Mashboxx soll ebenfalls alle großen P2P-Netze unterstützen. Gleichzeitig werden beide Programme auf Filter und so genannte akustische Fingerabdrücke setzen, um Nutzer zum Kauf legaler Downloads zu bewegen. Wobei der akustische Fingerabdruck auch nur ein doofer Name für Klanganalyse ist.

Im Falle von Mashbox soll dies in etwa so ablaufen: Wenn ein Mashboxx-Nutzer einen Song im Netzwerk findet, stellt er zuerst eine Verbindung zu einem Snocap-Server her. Dort wird dann mittels einer Analyse der Klangeigenschaften überprüft, ob es diesen Song schon in der Datenbank gibt. Audioformate und Bitrate sollten dabei zumindest theoretisch keine Rolle spielen. Im Erfolgsfall wird anschließend ermittelt, ob und zu welchen Bedingungen der Song zum Download lizenziert wurde. Mashboxx nutzt diese Informationen, um die fragliche MP3-Datei gegen eine kopiergeschützte Version auszutauschen. Diese darf dann beispielsweise drei mal angehört werden, bevor der Downloader eine Lizenz für 99 Cent kaufen muss. So weit, so altbekannt.

Interessant wird der Fall erst, wenn Snocap auf eine neue Datei stößt. Dann wird nämlich automatisch ein neuer Datenbankeintrag generiert, der Download aber weiter erlaubt. Jedenfalls, bis ein Rechteinhaber den Datenbankeintrag entdeckt und wiederum spezifische Nutzungsbestimmungen festgelegt. Auf diese Weise soll die Snocap-Datenbank automatisch wachsen. Und Plattenfirmen sollen die Möglichkeit haben, viel einfacher viel mehr Songs für den Online-Handel zu lizenzieren als bei iTunes & Co.

Früher illegal, heute legal
Auch diese Idee ist nicht ganz neu. Napster entwickelte im Frühjahr 2001 ein ähnliches Geschäftsmodell, scheiterte damit aber am Widerwillen der Plattenfirmen. Diese kritisierten unter anderem, das System sei zu einfach auszutricksen. Außerdem forderten sie von der Tauschbörse, erst ihren Betrieb aufzugeben, bevor man über Verträge verhandle. Die Folgen sind bekannt: Napster machte dicht, Millionen von Nutzer wanderten zu Kazaa ab.

Offenbar hat die Musikindustrie daraus gelernt. iMesh einigte sich bereits vor rund einem Jahr mit der RIAA auf sein neues Geschäftsmodell. Seitdem bietet die Firma jedoch weiterhin Software an, die den Austausch ungeschützter MP3s erlaubt – mit dem stillschweigenden Einverständnis der RIAA. Ein Betatest des kostenpflichtigen Angebots wurde bisher wegen zahlloser technischer Schwierigkeiten mehrfach verschoben.

Dass Mashboxx und iMesh auf Anhieb Kazaa und Co. die Kunden abjagen können, glaubt deshalb wohl auch kaum noch jemand. Trotzdem dürfte ihre Einführung interessant sein – schon, weil viele Punkte noch ungeklärt sind: Wird iMesh weiterhin den Download aller Dateitypen erlauben? Werden Mashboxx-Nutzer wie einst bei Napster Warez tauschen, indem sie ihre Dateien einfach als MP3s tarnen?

Werden sich tatsächlich alle Urheber auf das Modell einlassen? Und was wird aus den klassischen P2P-Netzen, wenn die Hits der großen Plattenfirmen plötzlich immer häufiger als geschützte WMAs auftauchen? Indie-Oasen? Spielwiesen für Musikindustrie-Großversuche? Oder doch Kampfschauplätze verschiedener Software-Entwickler, die sich gegenseitig im Aussperren unliebsamer Programme versuchen? Fragen über Fragen. Antworten soll es von Mashboxx und iMesh spätestens im Herbst diesen Jahres geben.

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Elektronische Lebensaspekte.