Text: sascha kösch [bleed@de-bug.de] aus De:Bug 34


Foto: erix!

Das Netz hat noch gar nicht richtig angefangen. Schlimm, aber wahr. Wir leben im Zeitalter von IPv4. Was soll das heissen? Die Adressen im Netz werden über einen sympathisch vierstelligen Code verteilt, der heisst Ipv4. (32bit). Die sehen ungefähr so aus: 195.21.17.68. Das bin zum Beispiel ich. Hallo Welt. Im ganzen heisst das Protokoll und sorgt nicht nur für das Auffinden von Menschen, sondern vor allem von Maschinen. Hinter jeder Adresse im Netz steckt eine dieser Zahlen. Da keine dieser Zahlen besonders hoch werden darf (OK, 256) kommen wir auf idealistische, denn so einfach ist es nun wieder nicht, aber immer sympathische 4.294.967.296 Möglichkeiten von Adressen. Was nicht mal für alle Menschen reichen würde, und die sind auf der Erde gegenüber den Maschinen bekannterweise auch noch in der Unterzahl. Mehr ist immer gut. Besser sowieso.

Das neue Protokoll IPv6 (jedenfalls sind sich mittlerweile die meisten einig, dass es das werden könnte), erlaubt deshalb einen schnuckeligen 128 Bit-Adressraum. Neben einigen anderen Vorzügen: schnell, ordentlich, ökonomischer usw. Und einigen Nachteilen: Sie nannten es: Putting the 6 in 666, die komplette Überwachung usw. Immerhin 18.446.744.073.709.551.616 einzelne Netzadressen, eine Zahl, bei der einem, wenn man sie liest, nicht nur schwindelig wird, sondern die tatsächlich gross ist. Man kann wie ein Irrer daran rumrechnen und kommt immer noch auf ein paar Millionen IP Adressen pro Quadratmeter. Auch wenn Ipv6 weder beschlossene Sache ist, noch in den nächsten Jahren wahrscheinlich, ein so toll voller Adressraum will gefüllt werden. Und hier kommt der Grund, warum das Netz eigentlich noch gar nicht angefangen hat.

Über alles
Bevor das Netz nicht wirklich überall ist, gibt es keinen Grund, warum es zu Ende sein sollte. Auf Slashdot.org, unser aller Lieblingsforum für Nerds, werden schon Berechnungen angestellt, mit welchem IP Protokoll man soviele subatomare Nanomachinen mit IP-Adressen ausstatten kann, dass eigentlich jedes Atom dieser Erde eine eigene Adresse bekommen könnte. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass das, was für uns heute elektronisch heisst, in ein paar Jahren kaum noch von dem zu trennen sein wird, was jetzt Netz heisst. Mit Kabeln wird das allerdings nicht gehen. Deshalb wird von allen Seiten die Kabellosigkeit durch Frequenzspektrum mit Netzattacken angegriffen. Wireless durch: Bluetooth, Funk-Ciscorouter für Stadtteile, Wireless Application Protocol-Blabla. Alles spricht mit allem.

Und dass man sich versteht, dafür soll das Netz sorgen. Dem ist natürlich nicht so. Tausenden gescheiterten cleveren Business-Ideen mit kleinem “i” folgen nun die Ideen rings um “wireless”. Die Technologie boomt wie ein Jumbojet über ein Wohngebiet hinweg, geräuschvoll, aber wo wie und wann man da mitfliegen kann, dass weiss irgendwie kein Mensch mehr. WAP ist der Flopp des Jahres, selbst Radiomoderatoren, die daheim nicht mal wüssten, wie sie ihr Mikrophon einstöpseln, wissen auf einmal, dass das mit dem Handy und dem Internet so eine tolle Sache nicht ist. Dabei war ASCII Art doch auch durchaus eine Neuerung. Nun ja. Minimalismusfeinde also warten lieber auf das nächste, sicher noch teurere Modell einer Internet-meets-Handy-Realisation, auf mehr Bandbreite, ganz im Glauben an die gute alte Broadcaster Weisheit, dass die Kunden und Verkäufer zwar im selben Boot sitzen, dazwischen aber ein Ozean liegt. Ob der nun Kommunikation heisst, wie in der Werbeindustrie, oder Netz, wie in unserem Fall, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass er so tief und unergründlich ist, dass ganze Städte darin versinken können.

From Broadband to Broadcast
Sicher, Handys werden ein Teil der Unterhaltungsindustrie, ausserdem eine Art privates Securityproblem, das man so mit sich herumträgt, und ein Killertarget für gezielte Werbung. Handys schreien sozusagen nach Bannerwerbung, denn nicht nur jedes Handy ist räumlich immer in einer Zelle, die gar nicht so gross ist (weshalb die kleinen auf Englisch auch Cellphone heissen), dass es wirklich GPS für die Realsierung einer wirklich lokalen Informationsflut bräuchte.

Nulltarifhandys für Werbebannerspace in der eigenen Hosentasche sind logischerweise in Planung. Wichtig aber an Handys ist vor allem, dass sie der sichtbarste Teil des mobilen Netzes sind. So eine Art Sündenbock des Wireless Internet, der jetzt erst mal alles ausbaden muss. Am Handy werden Stück für Stück die Parameter der Internetparanoia wieder durchexerziert:

1. Das soll so spannend sein, wie das wirkliche Leben, diese paar langweiligen Buchstaben auf grauem Hintergrund? 2. Da ist doch nur Porno drin, das ist eklig. 3. Ich geh lieber saufen. Nur dass dieses Mal der Hintergrund von Anfang an so mit Geld vollgepumpt ist, dass wir diese Schritte in weniger als der Hälfte der Zeit nehmen werden als beim Internet. Broadband für Handys (GPRS/HSCSD) steht vor der Tür, damit auch der multimediale Inhalt, und am liebsten würden wohl schon jetzt alle das Handy als intimen Fernsehkanal direkt zum Kunden nutzen. Broadcastermentalität in Goldgräberstimmung. Sie verkaufen sogar schon Klingeltonmelodien unter K-Grösse mit riesen GEMA Gewinnen. Wenn das schon geht, was soll dann nicht verkauft werden können. Irgendwie, sei es auch nur auf Umwegen. Und wenn letztendlich Spekulationsbörsianer für die MP3s auf deinem Handy bezahlen, das ist nicht so wichtig.

Blue by you
Wichtiger aber, dass man mittlerweile schon beginnt, zwei grundverschiedene Arten von drahtloser Kommunikation in Handys einzubauen. Die eine: vom Sender zum Empfänger, die menschliche Lösung quasi, die andere, vom Handy zum Ohr, oder vom Laptop zum Handy, von der Telefonkarte zur Bustür, usw. Wer würde heutzutage noch ernsthaft behaupten wollen, dass in ein paar Jahren NICHT jeder Nike-Schuh mit dem anderen Informationen austauscht, die über Dinge verhandeln, die uns selber nur noch nebenbei etwas angehen. (“Ah, hallo. Nein, wir würden dir einen festeren Schuh empfehlen, du gehst ja gerne auf Pflasterstrassen.”) Die Bluetooth (äh?) -Idee, und andere Methoden, lokal begrenzte Netze zu errichten (die immer auch an das “grosse” Netz angeschlossen sind) geht über alles hinaus, was man an Kommunikation bislang zu kennen glaubte, und genau dafür, die ganze Paranoia und den ganzen sich anschliessenden Wahnsinn, aber auch die Möglichkeiten, die so etwas bietet, braucht es Ipv6.

Und dann wird es vielleicht auch mal implementiert. Was aber mitimplementiert werden wird, davon hat das Internet schon einen ersten Vorgeschmack geliefert, ist eine Ideologie und Funktionsweise eines Netzes, die so gar nicht dem Broadcaster-Schema entspricht. Viele reden, viele produzieren den Inhalt, viele auf extrem vielen Ebenen in undurchdringlich vielen Subprotokollen, in komplett verschiedensten Bandbreitenverhältnissen, in stellenweise fast abgeschlossenen Subnetzen. Kommunikation bildet immer neue Nischen, neue Microcommunitys, Sprachen, Verständnisse, Informationswege, natürlich auch immer neue Stars, Namen, Dinge, auf die man sich vorrübergehend einigen kann. Kontrollierbar, überschaubar, oder was immer man sonst an Totalitätsphantasmen hatte, wird das kaum werden. Wireless Internet heisst nicht nur einfach Internet auf dem Handy, es heisst vor allem: wo Strom ist, da soll auch Netz sein. Sinnvolle Inhalte gibt es immer. Sinnlose auch.

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Elektronische Lebensaspekte.