Das Berliner Doppel walzen mit ihrem Debutalbum alles platt auf dem Centre Court. Jetzt darf getanzt werden.
Text: Sascha Horsley aus De:Bug 61

Center Court Disco

Mitte Karaoke

Die ganze Welt ein Fußball? Die WM 2002 in Japan und Korea diktiert den Herzschlag und die Mittagspausen. Mitte Karaoke ist das egal. Deren lange angekündigtes und heiß ersehntes Album ist endlich da und heißt ”Aufschlag Mitte Karaoke”. Wie immer zweideutig. Ungeklärt, ob sie insgeheim davon träumen, in McEnroes Fußstapfen zu treten, lieber Tennis Stars geworden wären oder weiter – wie so oft nachts – völlig hacke in einer Tanzwirtschaft aufschlagen wollen. Eins ist sicher: Sie sind die totalen Liveknaller. Man munkelt, dass einer ihrer Auftritte in Litauen so legendär war, dass seitdem osteuropäische Reisegruppen, bestehend aus mindestens einer Person, einmal im Monat hier aufschlagen (sic!), um sich auf einem der berüchtigten Konzerte der beiden Berliner Poppräsidenten das T-Shirt-Tragen abzugewöhnen. Gutes Stichwort… Das beste Kleidungsstück, dass ich im letzten Jahr ergattern konnte, zeigt den Berliner Bären, der nach durchzechter Nacht offensichtlich größenwahnsinnig geworden Hand in Hand mit dem Fernsehturm herumtorkelt. Promoshirt Mitte Karaoke, eh klar! Wenn man das trägt, kommt man nie ohne Gespräch mit Fremden durch die Nacht. Dabei nervt lediglich, dass es noch immer Leute gibt, die denken, Mitte Karaoke hätten was mit Berlin Mitte Boys zu tun. Nein. Denn das sind doch diejenigen, die ein Paddel brauchen, um sich mit Sonnenmilch einzuschmieren! Ziemlich far away von den Astralkörpern der beiden Youngstars also. Guten körperlichen Einsatz erwarten sie allerdings auch von ihren Fans. Dominik, ja genau, das dunkle Lockenköpfchen, dass uns an George aus der Fünf Freunde-Gang erinnert, erwischte mich mal an einem dieser Hilfe-ich-geh-heute-am-besten-nur-zum-Bäcker-und-schnell-wieder-heim-Tage und meinte ganz charmant: ”Hui, du hast aber einen ganz schönen Pickel auf der Stirn und dann noch so fettige Haare. Ganz schön mutig von dir so auszugehen.” Hrmpf.
Liebe Leserinnen unter 25: Schmeißt euch in Schale und reist ihnen hinterher, durchs ganze Land. Die Tournee steht an und wer weiß… vielleicht darf eine von euch demnächst Dominik oder Feed auf ihrem Sofa begrüßen und mit ihm ein bisschen Herzblatt schauen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Die ehemaligen "West Side Story"-Sänger Feed und Dominik sind als "Mitte Karaoke" die hardest sweating Men in Technoentertainment. Ihre "Discofibel" steht mittlerweile in jeder Grundschulbibliothek, und auch den Pandabär werden sie vor dem Aussterben retten.
Text: sven von thülen | sven.vt@debug-digital.de aus De:Bug 50

Seid ihr noch fit, der nächste Track ist ein Hit
Mitte Karaoke

Dass man schlechtem Entertainment und Langeweile durchaus katalytische Eigenschaften nicht absprechen kann, ist nichts Neues. Lustig ist jedoch, wie dann im konkreten Fall das eine zum anderen kommt. Bis man plötzlich an einem Punkt steht, an dem man sich, lässt man Entstehungsgeschichte und anfängliche Intention einmal Revue passieren, sich nur grinsend wundern kann, wie aus etwas mehr als Nichts und einer Idee ein Fulltime Job werden konnte. So etwas nennt man dann wohl Eigendynamik.
Im Falle von Mitte Karaoke muss man sich das ungefähr so vorstellen: An einem weniger spannenden Samstag, beziehungsweise Sonntag Morgen (die frühen Morgenstunden sind den beiden Jungs von Mitte Karaoke besonders lieb und für den kreativen Prozess nahezu unerlässlich) im Berliner Club WMF. Es ist Winter. Draußen ist es kalt (und schon sind wir mitten drin im paraphrasieren), erblickt zwischen diversen Bieren und der Ankündigung, dass es bald eine WMF Compilation geben wird, eben jene Textzeile das Licht der Welt, die später, über knotige Breaks in ein minimales Elektrofunk-Kostüm gesteckt, eben eingangs erwähnte Eigendynamik auslöst. “Draußen ist es kalt, drum gehen wir in die Disco. Da kann man tanzen und sich aufwärmen.” Aus einem lakonischen Kommentar ist eine Track-Idee geboren. Also wird den Leuten von WMF Records gleich vollmundig ein Track versprochen, und in den nächsten Tagen verkriecht man sich im Wohnzimmer Studio des Bruders. Kurze Zeit später ist dann tatsächlich ein Track dabei herausgekommen, dessen hölzern ungelenke deutsche Vocals ungemein zynisch daherkommen. Das deutsche Liedgut hat sich mit Techno noch nicht so gut angefreundet, wie das im Moment der Fall ist, und so provoziert der Track zwischen blankem Entsetzen, Kopfschütteln und großem Amusement so ziemlich jede vorstellbare Reaktion. Mit dem schönen Namen “Die Discofibel” wird der Track veröffentlicht, und bei der Love Parade 2000 folgt der erste, unter abenteuerlichen Umständen zusammengeschusterte Live-Act als Mitte Karaoke. Ein Name, der weniger als Kommentar zu Berlins neuer Mitte verstanden werden soll denn als besser klingende Alternative zum zweiten Namensvorschlag Boys on Becks. Einige Live Acts und eine Maxiveröffentlichung später, Westbam hat mittlerweile den Tok Tok Remix der Discofibel rauf und runter gespielt, sitzen mir die beiden Mitte Karokes mit einem Major Deal in der Hand in einem Kreuzberger Café beim Frühstück gegenüber. Und wie es sich für angehende Popstars gehört, sind sie ordentlich zu spät gekommen.

Wo bitte geht’s zum Mitte Karaoke
Mitte Karaoke sind Friedrich Eberhardt, besser bekannt als DJ Feed, und Dominik Sprungalla. Bis dato eher als Drum and Bass Produzententeam (Audiolife und Feed), beziehungsweise Drum and Bass DJ bekannt, waren die beiden in den letzten Monaten in Sachen Elektro Pop höchst aktiv. Mitte Karaoke hat momentan höchste Priorität. Verständlich, denn im August und September startet die Release-Großoffensive der beiden. Und das ihre Mischung aus minimalem Electro Funk mit Anfang Neunziger Technoversatzstücken und lakonischen, teilweise albernen deutschen Vocals mit großer Wahrscheinlichkeit den Nerv der Zeit treffen wird, scheint sicher. Dabei liegt den beiden weder an der Wiederbelebung einer NDW-Ästhetik noch an der Ausschlachtung eingeführter Achtziger Codes und Zeichen. Eher ist hier der zynische Humor der beiden die treibende Kraft. Der Retrohype wird gegen sich selber gedreht, gewendet und durch den Atari gejagt, bis der Kopf nicht mehr nach hinten, sondern nach vorne gerichtet ist. Drum and Bass Produktionsweise trifft auf ein ausgemachtes Händchen für poppige Harmonien und ironischen Unsinn. Wenn wir uns schon nicht ernst nehmen, dann solltet ihr das auch nicht tun, scheint einem jeder Mitte Karaoke Track zuzuzwinkern. “Meistens entstehen unsere Texte an so Abenden, an denen du im Club stehst, dich langweilst und denkst, wie simpel kann man noch sein. Es geht uns ja nicht um eine Aussage, egal ob man das Verwenden der deutschen Sprache oder die Inhalte nimmt. Das passiert alles spontan aus der Situation heraus. Irgend jemand sagt etwas, ein blöder Kommentar oder so was, und schon haben wir einen neuen Text,” sagt Dominik in Bezug auf ihre Texte und fügt gleich an, “Wir müssen schon aufpassen, dass das, was wir machen, nicht in die Comedy-Ecke abdriftet, aber bis jetzt haben wir das immer hinbekommen.” “Es gibt da keinen Masterplan. Mitte Karaoke lebt von seiner Naivität. Der sogenannte Trash-Faktor ist uns eigentlich außer bei unseren Live-Auftritten egal. Live ist es uns schon wichtig, dass da eine Menge Equipment rumsteht, an dem wir rumdrehen und rumfummeln können. Und eben nicht nur ein Laptop. Atari rules. Dafür klingen wir dann halt scheiße, na ja, sagen wir lieber punkig. Aber funky ist’s alle Mal,” bemerkt Feed.

Wenn im September pünktlich zur kalten Jahreszeit (im August kommt vorher noch die 12″ Pandabär) die Discofibel auf einem Major noch einmal rereleast wird, dann wird es nicht nur ein Video dazu geben, sondern gleich drei, von denen zwei gleichzeitig ein Novum, beziehungsweise so etwas wie ein neues Genre darstellen. Der Video Remix. Die Berliner VJ-Gruppe “Visomat Inc.”, die, inspiriert vom Mitte Karaoke Live-Act auf der letztjährigen Popkomm, mit den beiden das Video zur Discofibel gedreht haben, hatten die schöne Idee, da es ja schon zwei Audioremixe des Tracks gab, andere VJ-Gruppen Video-Remixe machen zu lassen. So fragte man die “Frame Farmers” und “Monitor Automatique”, die sich gleich daran machten, aus dem Videomaterial von Visomat Inc. unter Einsatz von eigenem Bildmaterial die ersten Videoremixe ever zu machen. Schön, wenn man ein solches Umfeld hat.

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