DJ-Mix-CDs gelten als das üble Zweitverwertungsprodukt der 12inch-Industrie, das die Geilheit des Clubs Saturn-kompatibel zurichtet. Dabei hat das Format in den letzten Jahren eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 84

Die DJ Mix CD
Der flüssige Raum

Die DJ-Mix-CD ist kein Stream, kein Mitschnitt einer Clubnacht. Sie ist kein Abbild der Clubrealität, verhält sich vielmehr zu dieser, wie sich ein Film zu der Welt verhält, die er darstellt. Er ist kein Ausschnitt, sondern eine Verdichtung im anderen Medium. Die direkte Aufnahme eines DJ-Mixes aus dem Club ist gar nicht mehr gefragt: Es gibt kaum Veröffentlichungen echter, mehrstündiger Mitschnitte aus Clubs. Die Mix-CD übersetzt das DJ-Paradigma ins CD-Format. Der Flow ist nicht mehr potentiell endlos, sondern maximal achtzig Minuten lang. Während eine Clubnacht soviel Material wie eine komplette Fernsehserie enthalten kann, ist die Mix-CD bloß eine Folge. Mix-CDs sind eine einzige Bewegung, sie haben eine bestimmte dramaturgische Strategie: der vielzitierte Bogen, das Dan Bell’sche kontinuierliche Spannungslevel. Sven Väths Cocoon-Mixe etwa sind nicht die Zusammenfassung einer Clubnacht, sondern eines Techno-Jahres mit all seinen Hypes, Trance- und Retro-Schleifen.

Mix-CDs haben keinen spezifischen Ort, sie finden allerwärts statt: daheim, in Cafés, Boutiquen, auf den sublimsten Hifi-Anlagen und runtergerocktesten Ghettoblastern. Während sich das Auflegen im Club an diesen bestimmten Ort wendet, meint die Mix-CD das Überall. Mit der Ethik des DJ-Sets, Musik für einen bestimmten Raum, diese bestimmten Menschen zu machen, wird gebrochen. Auch an Orte, wo DJs nie hinkommen würden, wo es viel zu vereinzelt und “asozial” abgeht, ertönen noch “DJ Kicks” oder ”Bugged Out”-Mixe.

Mix-CDs ereignen sich in der Spannung zwischen Aktualität und Offenheit. Durch die Lizenzierung und den offenbar oft aufwändigeren CD-Vertrieb ist es selten möglich, tatsächlich den Sound des Jetzt als CD zu präsentieren. Umgekehrt fehlen Exkurse, Irrwege, das Sich-Verlassen auf alte Hits, der Raubbau an den Hits anderer Szenen. Das Spielerische, Experimentelle, das möglich ist, weil der DJ weiß, dass nach drei Minuten ohnehin die nächste Platte kommt, dass die TänzerInnen die krassesten Fehler verzeihen werden, existiert auf der Mix-CD nicht mehr. Auch heute hört man noch den Mixfehler in Grooveriders “Prototype Years”.

Im Club sind die Effekte einer Platte entscheidend: ob und wie sie über die jeweilige PA klingt, wie sie im Ambiente, wie sie auf die TänzerInnen wirkt. Die Steuerung dieses akustischen Ereignisses ist eine ganz andere Tätigkeit als die Konstruktion eines CD-Mixes; das erklärt, warum sich die CDs von den Club-Sets derselben DJs oft so weit entfernen.

Medientechnisch entwickelt sich das Musikhören in Richtung DJ-Set, die aktuellen Technologien machen alle mehr oder weniger zu DJs: Der CD-Wechsler, die CD-Player mit Shuffle, die Playlist-Funktion der MP3 Player nähert das Musikhören allgemein dem Charakter eines Mixes an. Auch wenn Musikhören durch diese Techniken kein gemixtes Set ergibt, ist es doch ein potenziell endloser Fluss. Gerade deshalb wird das Bedürfnis nach dem hyperkonzentrierten, verdichteten Mix-Album, nach der Star-DJ-Heldentat, nach dem Club-Peaktime-Ereignis, das die Mix-CD triggert, größer.

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Elektronische Lebensaspekte.