Text: Sascha Kösch aus De:Bug 16

Mixmaster Mike Sascha Kösch bleed@de-bug.de HipHop-DJs am Telefon sind ganz schön unsexy. Nicht daß es ihre Pflicht wäre, in jeder Lebenslage einen abgrundtief coolen Spruch zur Hand zu haben und gelassen mit dem um sie gestrickten Mythos aus Graffiti, Culture und Skillz zu rumpeln, geschweige denn wo sie stehen und leben so selbstverständlich am Telefon mit Unbekannten zu plaudern, wie sie sich eine Pizza bestellen, aber muß man ihnen, in Tourpausen, zwischen Interviewterminen und anderen Gepflogenheiten des neuen Turntableist-Business unbedingt immer was zu Kiffen besorgen? Auch wenn sie danach fragen? Es scheint ein unausgesprochenes Gesetz zu sein, daß, um sich irgendwo einen wohligen, sich wohlfühlenden Gast hinzusetzten erst mal was organisiert werden muß. Sonst ist das Leben vielleicht auf einmal kein großer cooler Witz mehr, und die Welt zieht nicht mehr an einem vorbei wie eine endlose lange Folge von Akte X. Der Mixmaster hat eine tiefe rauchig brummige Stimme, die ganz gut zu den Strapazen seines Beastie Boys Scratch-DJ Tourlebens passt (das er zur Zeit ganz zum Leidwesen seiner tatsächlichen Skillz, aber mit professioneller Eleganz absolviert, die in ungefähr das letzte ist, was ein durchschnittlicher Beastie Boys-Fan auf OpenAir Rockfestivals von einem, der für sein Recht auf die Party so richtig fightet, so erwartet). Am besten kann er damit yeah sagen, das tatsächlich sogar ausserordentlich gut und überzeugend. Der Journalist fühlt sich grundsetzlich verstanden. Und er hat noch Glück, denn wenn wir seine (die von Mixmaster Mike, Anm. der Red.), durchaus nachzuvollziehenden Gedanken über die käsige Großartigkeit von Pappmachee Sciencefiction in ähnlich lässiger Weise rückübersetzen würden, dann würde er hinterher dastehen, wie das sogenannte Lamm Gottes vor dem schweigenden Osterei des nächsten Millenniums. Aber hörten wir gerade das Argument: Science Fiction ist groß, weil es so kitschig ist? Halt, Gedankenpolizei … Die Geschichte schwarzer Musik muß umgeschrieben werden. Die finden Science Fiction gar nicht cool, weil das ihr Mothership ist, was da mit den sogenannten “anderen”, den Aliens, wie sie selbst, mit grüner Hautfarbe, irgendwann einen endlich mal erlöst von den beklagenswerten Zuständen einer rassistischen, nationalistischen, religiösen, marktwirtschaftlichen Welt. Nein, gefehlt, weit gefehlt, es sind Menschen wie du und ich. Sie können die Codes eines ausgehenden Jahrhunderts genau so als Kitsch lesen wie die Zukunft einer längst nicht mehr zu verwirklichenden Vergangenheit einfach anders nicht mehr zu lesen ist. Wie wir quasi, falls man mal provisorisch diese Unterschiede aufrechterhalten will. Sie, die sich vermutlich pikiert von oben bis unten erst mal überprüfen würden, wenn man ihnen sagt, daß sie “anders” sind, so als hätte man ihnen einen Fleck auf den Anzug gemacht, bestenfalls, oder auf die Turnschuhe, auf die Identität jedenfalls, unterscheiden ganz wie vermutet zwischen albernen, unechten, grünen, gezeichneten, animierten, wirren, menschlichen, roboterartigen, hirnlosen, gallertartigen, wahnsinnigen, coolen, relaxten, übermenschlichen und anderen Außerirdischen wie wir auch, und bekämpfen oder umjubeln sie mit akustischem Terrorismus, genialer Scratcharbeit, den Fetzen einer jubelnd untergehenden wiederauferstandenen Kultur, die mehr aus Fernsehen, Cartoons, Einkaufen und Einkaufen lassen besteht, als aus irgendetwas sonst, und genauso wie alle anderen, denen daran gelegen ist, aus ihrer Musik das zu machen, was Mixmaster Mikes Anti-Theft Device LP so klar beim Namen nennt: Die einzige Sicherheit des Unstehlbaren als Ding ist ihre Musik, ein Kampf gegen die offensichtlichste Ungerechtigkeit dieser Welt, das nicht alles wenigstens so ist, wie man es sich vorstellen kann. Dafür nimmt Mixmaster Mike eine Drummachine, ein paar Freunde und ein paar Turntables, andere hätten andere Tools benutzt, das Ergebnis jedenfalls ist ein Alien, klar, aber auch ein Tool, ein Programm, ein Interface und gleichzeitig man selber, so wie man es sich selber nicht besser hätte ausdenken können, und natürlich die großartige Wiederauferstehung von HipHop, Elektro, dem Soundtrack medialer Metropolen ob im Netz, zwischen Lasern, in einer staubfreien Umgebung oder auf der Straße. —————————— Zitat: Die Geschichte schwarzer Musik muß umgeschrieben werden.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.