Matt Coleman produziert als MJ Cole so elegante wie wagemutige UK Garage Konsenshits -
Text: Jan Joswig aus De:Bug 39

2 Step Cowboys in weissen Gamaschen
MJ Cole/ Craig David

Mit MJ Cole und Craig David platzen zwei designierte Superstars der UK Garage/ 2 Step diesen Sommer mit ihren Alben in die aufgeheizte Hype-Stimmung. Der Hype wird durch “Sincere” und “Born to do it” doppelt labil aufgeblasen. Da wagt niemand zwischenzufragen. Gleichzeitig ist er doppelknotenfest geerdet. Zwischen Chartspenthouse und Basissouterrain stretcht sich 2 Step so flexibel und variabel, dass aus jeder 30.000-fach verkauften EP 30.000 neue Ideen explodieren. Der liquide Gigant im kreativen Ereignisrausch. 2 Step wird zum Leitgenre, auch in Deutschland lüftet sich der Vorhang. München, Hamburg, Waltrop oder Berlin sind längst Suburbs von London mit eigenen Produzenten, die an einer Dezentralisierung ohne Zeitverschiebung arbeiten. UK Garage selbst ist der Superstar, Entropie ist noch fern. Dieses Superstar-Genre ist in England wirtschaftlich mit seinem Direktverkauf vom Lastwagen in die Läden so autonom, dass es keines Anstoßes durch Major-gestütze Einzelstars bedarf, und künstlerisch so vital, dass es Einzelstars immerhin unbeschadet verträgt.

Wenn MJ Cole als Produzent und Craig David als Sänger/ Komponist der tausendarmigen UK Garage ihre zwei Faces aufsetzen, muss also niemand kreative Einschnürung von oben fürchten. UK Garage ist per se das harmonierungssüchtige Vereinnahmungsformat, das alles entschnürt, das Spiel ohne Grenzen. Die 2 Step-Beats sind ein unersättlicher Schwamm für alle Aussenreize, die man beim Skippen durch die Langwelle aufnehmen kann. Nur urban müssen sie sein. Populär werden sie per Schicksalsgesetz, da kann man eh nichts gegen machen.

MJ Cole und Craig David lassen ihre Alben denn auch nicht als Dominanzbomben in die Szene platzen. Sie präsentieren nur möglichst massiv ihre Vision, mit der sie die theoretische Grenzenlosigkeit auch praktisch nutzen wollen. Mit 2 Step die musikalische Umwelt flüssig halten, Angebote statt Diktate, zwei Faces für alle.
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The sweetest Desperado
MJ Cole

“Berührungsängste mit Speedgarage kennen wir nicht. Es gibt viele Parallelen zu Deephouse, MJ Cole-Tracks sind deep.” (Basement Jaxx in De:Bug 23, Mai 1999)

“Judge Jules kanalisiert mit seiner Radiosendung die Hörerwartungen Englands. ‘Rewind’ von Artful Dodger hat er nach Druck des Ministry Managements auf die Jules Mix-CD genommen, obwohl er das Stück für ‘schlechter als ‘Sweet like chocolate’ von Shanks & Bigfoot’ befunden hatte. Er ist ein alter, erpressbarer Sack, der seinen eigenen Arsch hinaufrutschen soll. Trance soll in 2000 verschwinden.” (Artful Dodger in Blues & Soul, Februar 2000)

Die 2 Step-Internationale, sie stoße ins Horn, das Hinaufrutschen ist vollbracht, dank MJ Cole. In der Judge Jules-Hauspostille (pro Saison zwei Starschnitte, und das bei dem verquollenen Stoppelgesicht) Ministry ist MJ Coles “Sincere” das Album des Monats Juni. Ein großer Schritt für England, ein großer Schritt für MJ Cole, ein großer Schritt für 2 Step. (Allerdings wird parallel ebenfalls in Legion vorangeschritten, was das Zeug hält, bei solch einem pluralistisch ausgefächerten Genre wie UK Garage, nur von “Shanks & Bigfoot” nicht gerade, die kümmern sich nur noch um unsere Allerkleinsten, Kita-2 Step.)
Seitdem sich Speedgarage zu 2 Step umschachtelte, ist Matt Coleman/ MJ Cole dabei und stetig gesteigert im Blickfeld. 1996 trifft er als Engineer für das Drum and Bass-Label SOUR / Emotif auf die vereidigten 2 Step-Fackelträger Ramsey & Fen. Schnitt: “Vorher schwitzte ich in den Drum and Bass-Clubs, ich war ignoranter Drum and Bass-Fanatiker. Ich war jung. Man liebt diese Ausschlusskategorisierungen, wenn man jung ist.” Durch die Begegnung mit Ramsey & Fen wird er auf einen Schlag alt: “Plötzlich sah ich das wahre Gesicht von Drum and Bass: Ohne Inspiration, ohne Vision, tunnelvisioned” und liebt nur noch die weitmöglichsten Einschlusskategorisierungen, UK Garage halt: “Ich muss gestehen, ich war einer derjenigen, die das Ding in England auf die Schiene gebracht haben…” Und die Schiene ist aus Nirosta. Nach seiner Initiierung arbeitet er erst aus der zweiten Reihe heraus als das Engineer-Rückgrat für das UK Garage-Label ‘V.I.P’: “They got the glory, I got the lesson.” Ab 1998 hat er aber mit Guy S’Mones “You’re mine” auf seinem eigenen Label “Prolific”, dem Top 40-Quereinsteiger “Sincere” als MJ Cole und dem aktuellen Top 10-Romantikreisser “Crazy Love” nach ganz vorne aufgeschlossen. Niemand beherrscht das Paradox, die verzwicktesten Beats in soulhymnenhaften Rundlauf gleiten zu lassen – geschmiert, aber nicht gefettet – wie MJ Cole.

Straßentänzer
Der Marsch durch die Charts-Institutionen entfremdet einen im Pop-Untersektor UK Garage nicht wie im Rock-Untersektor 68er Generation von der Basis. Musikalisches Experiment und Überall-Akzeptanz befeuern sich bei MJ Cole gegenseitig, bis zum vorläufigen Höhepunkt, gerade jetzt, frisch für uns zum Draufeinsteigen, dem Album “Sincere”: “Ich bin kein Popstar, ich bin ein Straßentänzer. Der Basiskontakt muss gehalten werden, von der Straße kommt der Dünger.” Ein Dünger, auf dem MJ Cole beharrlich seine hochspeziellen 2 Step-Orchideen züchtet. Neben den offensiv zupackenden Piratentracks mit HipHop MC Danny Vicious, die einen in klassisch beliebter Manier die Wände hochspringen lassen, State of the Art von heute, kümmert er sich hauptsächlich um Formulierungen, die den State of the Art von morgen suchen, in unklassisch noch beliebterer Manier. Auf dem Album hat man’s gebündelt, die beiden Vektoren, die UK Garage ausbaut, von MJ Cole einschüchternderweise vorweg komplett durchdekliniert: 1.) lasst Sänger/innen um mich sein statt Vocalsamples, 2.) gebt mir Arabesken aus Instrumenten, die nicht an eine Steckdose angeschlossen werden müssen, Geigen gerne fett. Yep, wenn man seit dem sechsten Lebensjahr an Wettbewerben zu klassischer Musik teilnimmt und mit Diplom (‘sincere’ durch und durch, hier wird kein Stück PR-gefaket) eine Pianisten- und Oboistenausbildung belegen kann, dann hilft es nichts: “Ich bin mit jeder Art von Musiker massiv verdrahtet. Bläser, Rhodes, Standbass, Gitarre, die ziehe ich magnetisch an. Besonders die Streicher waren mir wichtig. Ich wollte reale Songs mit realen Instrumenten einspielen, alles live im Studio. Aber es ist fraglos UK Garage. Die Drums sind programmiert, es gibt kein Livedrumming auf dem Album.” Kammermusikflair als Adelsschlag für UK Garage? MJ Cole dreht es um: UK Garage adelt Kammermusik, Faltenröcke werden hip. Das Streicherquartett ordnet sich so pizzicatofragmentiert in die Breakbeatgerüste, dass es seiner traditionellen Klassik-, Musical-, Barry White-Atmosphärik – verklärter Blick von Akademikereltern – bis auf einen letzten Hauch enthoben wird. Dieser letzte Hauch umstreicht die Programmierungen allerdings mit einer glasperlend-tiefeneleganten Legierung, die erst den gefühlserwachsenen Rahmen für die Gesangsgäste schafft. Das Va Banque-Spiel zwischen Streichern und Programmierung reizt MJ Cole dramatisch aus, hier ist er am ausgeprägtesten Avantgarde, the sweetest Desperado.

Und die Stimmen
Das ganze Timegestretche und Zerlegen gesampelter Vocals war doch eher rüpelig. Jetzt dürfen die Sänger wieder über die Beats singen, statt sich in sie hineinzerschneiden lassen zu müssen, denn die Beats sind mittlerweile selbstbewusst genug. Hurra, rufen Elisabeth Troy und vor allem die Vocalgruppe Concept Noir. Zart geleitet abheben wie weiland die Detroit Spinners, die Dramatics, die Jones Girls: Harmoniegesangssoul aus der Siebziger-Tradition, in MJ Cole-Gentleman-Arrangements wird er völlig retrofrei wiederbelebt. Soul statt R&B, endlich hat man eine adäquate Parallelentwicklung zu dem übermächtigen USA Genre, auf dessen Accapella-Versionen man in UK Garage bisher angewiesen war: “Missy Elliott, Timbaland, Rodney Jerkins, klarer Fall von wicked, aber das ist nicht unsere Schule. UK R&B, All Saints und so, steckt in der Imitation fest. Schlechte Mimikry, zu spät, zu kopiert. Mit den Sängern wird jeder merken, dass UK Garage das Äquivalent zu US R&B ist.” Zu MJ Coles Album “Sincere” wird jeder merken, dass man sich nach einem Äquivalent ganz schön umgucken muss. Ein kammermusikalischer Breakbeat-Soul, bei dem die musikalischen Funken ausgelassen zwischen den blauschäumenden Arrangementsklippen tanzen wie die Geschöpfe aus der niederen Mythologie in den frivol-paradiesischen Meeresutopien von Arnold Böcklin, ja, das haut hin.

P.S.: MJ Coles Tip für die Geschichtsbücher: “2 Step in Deutschland, ich fürchte, das dauert noch. Drum and Bass wurde von England aus auch erst mit Roni Size in den USA groß, dann reagierten die Japaner, und jetzt startet es langsam in Deutschland durch.”

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Elektronische Lebensaspekte.