Das Clip-Kollektiv Mk12 aus Kansas City versteht sich auf typographisches Storytelling genauso wie auf stilsicheres Zitateschnipseln. Ihre Clips wirken dabei weniger wie Collagen, sondern verarbeiten ihr angehäuftes Wissen, gespeist aus Actionhelden, Mülltonnen, Musik und eigentlich alldem, was sie sich je merken konnten, zu einem visuellem Guss. Zu ihren Kunden gehören MTV, Levis und Adidas genauso wie Musikclips für Hot Hot Heat bis Funkstörung.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 86

Offenherzig retro | Die Clip-Agentur MK12

“You must be pure in the heart, like the driven snow. You must be clear in the mind, like the driven snow. You must be hot in the pants, like a rock star.” (Anweisung für “Ultra Love Ninja”)

Sie sitzen in Kansas City, dem Heart of America. Ihre Kampfclaims lauten Action Graphics und grafischer Journalismus: Das Animationskollektiv MK12 bastelt Spots. Für Levis fügen sie frei im Raum navigierende Labelschriften und Jeansbezeichnungen zu Gebilden. Bei Adidas multiplizieren sich Basketballnetze im Takt zu den Neptunes und bei MTV präsentieren sie cheesy Best-Rap-Video-Ankündigung mit Karaoke-rappendem Pickelkid. Neben ihrer Kundenarbeit schnipseln sie Kurzfilme mit neckischen Namen wie “4D Softcore Sweaterporn” oder “Ultra Love Ninja”. Schon 2001, kurz nach ihrem Debut, zerhäkselten sie im Short “Untitled: Infinity” platte Objekte im 3D-Raum. Die MK12-Welt ist meistens eine Scheibe, welche die After-Effects-Silhouetten der Protagonisten lustige Dinge tun lässt. Wie moderne Scherenschnitte. Ihr Hintergrund wird dabei von Geschenkpapier in Knallbonbon-Farben und Airbrush-Tupfer im Camp-Kleidchen bereichert. Offenherziger Retro ist die Arbeitsgrundlage mit einer Hingabe an Kitsch und fröhlichem Verweiswurschteln, Vektorgrafiken gleiten schneidig vor Maya-Bauten.
Der überdrehte Short “Man of Action” war 2000 MK12s Animations-Debüt. Ein Abenteuer vom intergalaktischen Agent, der Cosmic Baccarat spielt und seinem Robo Bobo, dem Roboteraffen. Eine “Hommage an James Bond und James Coburn”, wie sie sagen. Einstimmig, Antworten geben sie nur als Kollektiv. Mittlerweile feiern die zehn Arbeiter als MK12 diesen Sommer ihr Vierjähriges, nachdem die Agentur der Gründungsmitglieder in der Dot-Com-Blase zerschnippt war. Zur Sicherheit sind sie an die Produktionsfirma “The Ebeling Group” angeschlossen, einer freundlichen Spinne aus LA. Deren Beinchen halten die Unter-Agenturen wie Lobo (Legowelts Schweizer-Berge-Grafikclip “Disco Route”), Nakd oder MK12 zusammen.

Sample-Style
Ihre Inspiration für Späßchen wie ihren Erstling ziehen sie aus den “Mülltonnen anderer Leute”. Mülltonnen? Sie kaufen den Kram bei Garagenflohmärkten und aus Hippie-Schuppen. Deshalb geht die Entstehungsgeschichte von “Ultra Love Ninja” so, dass sie ein Ninja-Einführungsbuch mit einem Dating-Ratgeber aus den 50ern kreuzen: “Einmal lagen beide Bücher im Office rum und wir dachten, wir machen was über einen Ninja, der versucht, in der Vorstadt ein Date zu bekommen”, erzählen sie. Ein hingebungsvoller Ultrakitsch-Kurzfilm über den Ninja mit romantischem Sehnen, der flugs über platte, zierliche Papierbäumchen hüpft, sich in schwarzem Rauch auflöst, um dann Plastikbambis zu zerteilen. Darüber schwingen Schriften und zacken die Shuriken-Wurfsterne, die sich als Weihnachtssterne sowieso immer gut machen. Genauso wenig verwunderlich, wenn beim “Sweater Porn”-Showreel eine modische Strickkollektion aus dem 70er-Burda-Katalog dank After Effects verschliert. Sie pflegen eben ihren Wissensbackground. Schließlich erklärten sie schon früher, dass es entscheidend wäre, eine wandelnde Popkultur Database zu sein. Das ist wichtiger, als es auf die Reihe zu kriegen, regelmäßig zu essen oder ein ausgewogenes Scheckheft zu besitzen.

Machismo
Den Begriff des grafischen Journalismus pflegen MK12 seit der Studie “Brazil: Macho Box”, einer Herleitung des südamerikanischen Macho-Verhaltens, ausgepresst aus Telefoninterviews. Ausgangspunkt war der brasilianische Kunst-Designsammelband “Brazil inspired” vom Gestalten Verlag samt geplanter DVD. MK12 stürzte sich auf den Machismo für ihr fließendes Storytelling: Ein Voice-Over erklärt Allgemeinplätze, der Gedankengang wird visualisiert, indem ein Wort sich ausschlabbert und zur nächsten Argumentation rutscht. Bilder werden eingeschoben, Schaugrafiken extrahiert oder einfach die gesprochenen Worte zu 60er/70er-Schriftpaletten geformt.
Originell sind die Ideen von MK12 immer. Sei es beim Clip für Hot Hot Heats “No, not now”, bei dem vor einem 3D-gebauten Vergnügungspark eine Agentin im Catsuit von Killer-Typen in Plüschhasenkostümen gejagt wird. Oder beim Spot für die Express-Reparierer ARS, in dem die Geschichte von der defekten Eigenheim-Klimaanlage und deren Auswirkungen mit Tintenklecksbildern aus dem Rohrschachtest erzählt werden. Und ausgerechnet für AXN, einem spanischen TV-Network, erklärt MK12 aus Sequenzen trashiger TV-Action seine Filmtheorie zu markigen Chuck-Norris-Helden und deren Girls: “And if their tops don’t come off in the first 40 minutes? You know you’re in for a long, boring action film.” Das nennt man dann Anti-Brand. Bei Spots geht das noch, bei Clips herrscht dagegen budgetmäßig Ebbe, beklagen MK12: “Die Bands promoten sich jetzt selber online, deshalb gibt es immer weniger Nachfrage an gut bezahlten Videos. Das ist traurig, weil wir am Ende die Clips nur noch nach dem Tagesgeschäft oder zwischen zwei Jobs machen können.” Schade. Immerhin, den neuen Clip für Funkstörung haben sie gerade fertig, samt animierter Typo. Wenigstens das.

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Elektronische Lebensaspekte.