Rap aus dem Berliner Arbeitslosenghetto wird gross.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 83

Kiezhop

Dick und Schwoofig
Moabeat

Moabit ist ein hartes Pflaster. Schon vor zweihundert Jahren ging es hier ab, als sich die Bevölkerung des berüchtigten Berliner Bezirks innerhalb von nur vier Jahren (1801-1805) nahezu verdoppelte – von guten 100 auf 200 Einwohner. Schenkt man den offiziellen Quellen Glauben, gab es damals noch keine Pimps, keine Player, keinen Jugendknast und weiß Gott keinen Deutschrap. Nicht hier, und auch nicht in Mitte. Es gab nur eines – den Kiez Moabit. Heute, zwei Jahrhunderte später, sieht das alles anders aus. Denn nachdem die DeutschHop-Pest durch alle Himmelsrichtungen des Landes gefegt ist und nach der anhaltenden Battle-itis der späten Neunziger eigentlich etwas Ruhe eingekehrt war, kommen zum zweihundertsten Jahrestag der mittelschweren Bevölkerungsexplosion wieder neue Projekte zum Vorschein. Eines davon ist Moabit, Verzeihung, Moabeat – so will es wohl die neue deutsche Rechtschreibung. Unter diesem Namen haben sich nämlich vier im Berliner Norden ansässige Herren versammelt: Rapper Malo, die Conen-Brüder David (aka Monk, der produziert und rappt) und Yasha und DJ Illvibe, der sonst mit Seeed Echos abgreift oder mit Lychee Lassi “Insekten-Funk” aus den Turntables zaubert. Ihr dieser Tage erscheinendes Debut “Dringlichkeit Besteht Immer” beweist nicht nur, dass es immer wieder eine Freude ist, die Gravediggaz oder Freestyle Fellowship zu samplen, sondern zeigt auch, dass sich das gute alte Modernisten-Motto (“less is more”) sogar noch besser auf Beats anwenden lässt als auf Hemingways Bücher: “Wir haben uns stark bei den Beats reingehängt. Der Unterschied zu den alten Sachen ist der, dass wir damals erst einmal zeigen wollten, was wir alles können: Ich habe viel gescratcht, die Jungs haben superschnell gerappt, tausend Sachen gemacht, so dass das Ergebnis nachher manchmal anstrengend war.” Während besagtes Resultat früher noch wie ein etwas übereifriger “Bär auf Speed” (so der Titel einer älteren EP) klang, kommen die Tracks ihres Albums furztrocken wie Detroits J Dilla, tief wie die monströsen Pop-Bouncer eines (immer besser werdenden) Timbaland und teilweise sogar dreckig-triefend wie die neusten Grime-Sounds aus UK daher. So erfrischend all das ist, gibt es natürlich eine Sache, die den Deutschrap erst zu dem macht, was er ist: die deutsche Sprache. Früher haben sie die drei rappenden Protagonisten der Stadtteil-Posse gerne zum Kämpfen benutzt, sind verbal in die Schlacht gezogen. Doch dieses Mal haben sie ihre Zungen in die Innenseite der Wange gebohrt und versuchen, sich mittels dieser Ironie von einem selbst auferlegten Härtegebot zu befreien: “Bei anderen Rappern ist es ok, wenn sie ernst sind, aber wir sind das einfach nicht. Früher haben wir uns zum Beispiel eine Attitude ausgedacht, haben uns immer mit Baggern fotografieren lassen. Wir haben uns selber etwas Hartes auferlegt, und alles war voll auf die Fresse, bis wir dann bemerkt haben, dass wir nicht wirklich so sind. Jetzt ist es anders, es gibt kaum noch Battle-Zeug.” Trotz dieses erfreulichen Wandels irritieren die manchmal doch noch “ernst” klingenden “Macker”-Ansichten, die zwischen den verbalen weißen Flaggen hervorsprießen: “egal wie du aussiehst / ich will, dass du dich ausziehst” oder “…hab dickere Klöten”. Solche Sprüche schallten nämlich schon damals durch die Straßen des Bezirks. Was auch die Bevölkerungsexplosion erklären würde.

Moabeat, Dringlichkeit besteht immer, ist auf New Noise / Labels erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.