Mobiltelefone und Internet: Das wird auch in den kommenden Handiegenerationen ein trauriges, weil nicht funktionierendes Kapitel bleiben. Aber erst Mobiltelefone und Kontrolle: das ist schon jetzt ein trauriges, weil umso besser funktionierendes Kapitel.
Text: Melanie Wieland aus De:Bug 46

Mobil, Informiert und Überwacht
Die Entwicklung der Handytechnologie

Selten ist eine Technik so inflationär über den Menschen gekommen wie das Mobiltelefonieren: Die Handybranche boomt. Zwar wird gemunkelt, die ersten Mobiltelefon-Konzerne hätten ihre Absatzprognosen heruntergeschraubt. Die Branche soll weltweit nur noch mit 400 bis 450 Millionen verkaufter Geräte im Jahr 2001 rechnen, statt mit zunächst erwarteten 525 bis 575 Millionen. Doch auch wenn die Gerätehersteller nicht mehr so viel verkaufen: Es boomt, es boomt. Immerhin 50 Millionen Menschen sollen in Deutschland ein Handy haben, vermeldet die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation.
Kein Tag vergeht, an dem nicht über GPRS, WAP, HSCSD, UMTS und I-Mode zu lesen ist – und was damit alles möglich wird. Ununterbrochen wird die wunderbare, multimediale und mobile Zukunft beschworen: Mit dem Handy an die Börse, zwischendurch schnell den neusten Kinofilm anschauen, nebenbei mit dem Jogging-Partner verabreden und anschließend die Heizung zu Hause runterschalten, während man Opa und Oma schnell noch das Bild der Enkelin mailt, die man mit der eingebauten Kamera grade erwischt hat, als sie dem Busfahrer die Zunge rausstreckte. Es ist schon bemerkenswert, mit welch kindlicher Naivität sich die Menschen über ihr meistgeliebtes technisches Gerät und seine prognostizierte Entwicklung freuen.
Bad
Wäre jemand so freundlich und würde den durchschnittlichen Kunden darüber aufklären, dass mobiles Internet nicht bedeutet, bei yahoo eine Suchanfrage abzusetzen – und die anschließende Trefferliste zu bearbeiten, den Geschäftsbericht der Deutschen Bank online zu lesen oder sich zwischendurch mal bei der schicken Webagentur zu bewerben? Auf einem Display, das derzeit die Größe einer Sonderbriefmarke nicht überschreitet und demnächst einmal so groß sein wird wie ein Paketaufkleber, wird das schwierig sein. Und es hat schon nicht funktioniert, als noch vor kurzem Web-TV in aller Munde war. Dabei haben Fernseher zumindest den Vorteil, über einen großen Monitor zu verfügen. Und schon auf diesen konnte man die üblichen Schriftgrößen nicht mehr lesen.
Natürlich werden neue Dienste, neue Angebote entstehen, die exakt auf die Empfangsgeräte abgestimmt sind. Und natürlich werden sich die zukünftigen Geräte erheblich von heutigen Handies unterscheiden. Doch mit dem, was man im Allgemeinen heute unter “Internet” versteht, wird das nicht allzu viel zu tun haben.

Good
Andererseits wird es praktisch sein, wenn man mit dem Mobiltelefon anständige Verbindungen zum Netz herstellen kann. Wer jetzt im Urlaub mit seinem Laptop am Strand seine E-Mails abfragen oder im Netz was zu suchen hat, braucht entweder eine Kabeltrommel für die Modemleitung in Überlänge, oder aber viel Geduld und das nötige Kleingeld. Und schon die ersten GPRS-Handies sind schneller als ihre WAP-Vorgänger. Zu langsam noch, um auch nur entfernt brauchbar zu sein. Aber vielversprechend. Mit UMTS soll es dann so richtig abgehen, wenn man nicht wieder durch mieses Management und fehlende Endgeräte wie bei der Einführung von WAP und GPRS erst einmal Kunden vergrault. In knapp drei Jahren werden wir es wissen. Bis Ende 2003 muss laut Vertrag UMTS für 25 Prozent der Bevölkerung, Ende 2005 sogar für 50 Prozent der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Darauf achtet die RegTP. Und mit der Einhaltung des Zeitlimits ist zu rechnen, die Behörde geht sogar von einer Übererfüllung aus. “Niemand wird uns dann ein GSM für ein UMTS vormachen”, so ein Sprecher der RegTP.
Tracked down
In einigen Jahren muss man also nicht mehr frierend an der Nachtbushaltestelle warten, da man vorher mit dem Mobiltelefon schnell noch den Fahrplan abgesurft hat. Weniger faszinierend ist, dass der Verkehrsbetrieb, den man in Anspruch nehmen will, vielleicht ohnehin schon weiß, an welcher Haltestelle man gerade steht. Schon jetzt ist es nämlich keinerlei Problem, den “Standort” eines Mobiltelefons ziemlich genau zu bestimmen. Abhängig von der jeweiligen Zellengröße weiß der Dienstanbieter, welche Telefonnummer bzw. SIM-Card gerade an welcher Ecke aus der U-Bahn steigt. Allgemeine Angst, Massenpaniken oder zumindest besorgte Datenschutzanfragen scheint diese Tatsache aber nicht auszulösen. Bemerkenswerterweise ist das den Telefonjunkies vollkommen egal. Mehr noch: Unzählige Geschäftsmodelle, mit vielen Investitionsmillionen unterstützt, beruhen gerade auf der Möglichkeit, einen Kunden nicht nur planquadratgenau zu lokalisieren, sondern darüber hinaus auch noch identifizieren zu können. In Kombination mit eingekauften oder selbst erhobenen Datensätzen kann das Süßwarenfachgeschäft Hussel am Hannoveraner Hauptbahnhof mir demnächst beim Umsteigen verkünden, dass sie Salzlakritze im Angebot haben.
Reclaim the net
Ja gut, das Teledienstdatenschutzgesetz (TDDG) verbietet die Erstellung von Benutzerprofilen, aber Wirtschaftssprecher klagen schon jetzt, dass dieses Verbot einen Wettbewerbsnachteil darstelle und somit schnellstmöglichst wieder abgeschafft gehört. Und verboten oder nicht: Benutzerprofile werden erstellt, Daten werden verkauft. Stellt man sich nur geschickt genug an, dann erheben die Benutzer ihre Daten selbst und verraten bei ihrer ersten Registrierung schon alles über private Vorlieben und Interessen. Bedenklich ist diese Praxis allemal. Während einige User noch Unwillen an den Tag legen, fehlerfreie Profile abzugeben, und vereinzelt Stimmen von Datenschützern wahrzunehmen sind, hört man wenige Klagen über die “gläserne Telefoniererei”. Es interessiert offenbar einfach niemanden. Auch die Medien nicht.
Im Gegenteil: Die Netbusiness vom 29. Januar 2001 beschwerte sich geradezu darüber, dass Benutzer bei Websitebetreibern unvollständige oder gar falsche Datensätze hinterlegen, mit erfundenen Namen, gefälschten E-Mail-Adressen und Fantasie-Telefonnummern. Statt dessen wurden “drei Schritte zu verlässlichen Daten” aufgezeigt und gar Tipps gegeben, wie man glaubwürdige Angaben über das Alter und den Verdienst der Kunden herausbekommt. Da kann einem das Herz stehen bleiben.
Über die “elektronischen Fesseln”, die im Mai 2000 in einem Testversuch in Hessen für Strafgefangene auf Bewährung eingeführt wurden, hatte sich noch eine – kurze – gesellschaftliche Diskussion entsponnen. Die Volkszählung von 1987 hatte noch weite Teile der Bevölkerung auf die Barrikaden und in den Boykott getrieben. Unzählige Bürger machten sich damals nach offiziellen Maßstäben strafbar, weil das Ausfüllen der Bögen verweigert oder aber die Identifikationsnummer ausgerissen wurde. Alfred Sirven, der flüchtige Ex-Elf-Aquitaine-Manager, zerkaute bei seiner Festnahme Anfang Februar noch schnell die SIM-Karte seines Telefons, um die auf ihr gespeicherten Daten wie Telefonnummern und zuletzt geführte Gespräche vor dem Zugriff der Ermittler zu schützen. Wohl bekomm’s, kann man da nur sagen. An die Daten kommt man, wenn man nur will, ohnehin, da sie mindestens bis zur nächsten Abrechnung gespeichert bleiben. Über die potentielle, permanente Überwachung durch das eigene Mobiltelefon aber – tja, darüber mag sich einfach niemand aufregen.

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Elektronische Lebensaspekte.