Das Handy-Display als Galerie
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 109


Das Display des Handys wird in Japan immer mehr zur kleinen Galerie. Per Abo kann man sich künstlerische Menü-Designs ordern.

Stereotypen sind doof, aber für Japan sollte man zumindest eins erklären: Japaner werden schon mit einem in die Hand implantierten Handy geboren. Warum? Die unterschiedliche Infrastruktur kann eine Antwort sein, das Hyperkonsumverhalten auch eine. Sich ein Festnetz überhaupt erst mal anschließen zu lassen, ist immer noch ziemlich teuer. Während es zum Beispiel in Deutschland die letzten Jahre darum ging, sich für den Rechner ein WLAN einzurichten, hat das in Japan offensichtlich nicht so viele interessiert. Schließlich ist das Handy und nicht der Computer die Alltagswaffe.

Dank der zugegebenermaßen ziemlich umständlichen Umschaltung von einer Katagana- und Hiragana-Tastatur in Kanji trauen sich längst nicht so viele User an einen PC – und benutzen das Handy, um sich den Tag bequem zu machen: Man surft, verschickt die meisten Emails mit dem Handy und bezahlt per Barcode-Einscannen oder auch das U-Bahnticket damit. Das mobile Mailen ist aber auch so wichtig, weil man nicht einfach SMS zwischen verschiedenen Mobilfunk-Providern hin und her schicken kann. Warum es mit dem WLAN nicht so weit her ist, soll aber vor allem an den Behörden liegen. Die haben im Unterschied zum nächsten Nachbarn Korea die letzten Jahre dem Ganzen Steine in den Weg gelegt.

Viel wichtiger ist eben deshalb das Handy für alles – und vor allem wichtig für mobiles Entertainment. Umfragen schieben es auf die Schulmädchen, die ungefähr 127 Euro im Monat für Unterhaltungsgedöns auf dem Handy ausgeben sollen. Was in Deutschland nun der Markt für Klingeltöne ist, ist in Japan das Feld für alle Arten von Animationen, die man mit FlashLite zum Laufen bringen kann: animierte Screensaver, Wallpaper, Anrufanimationen bis zu neu designten Nutzermenüs. Das ist, natürlich, erst mal kommerziell. Es gibt aber auch auf diesem Minimedium eine Nische für kunstige Sachen. Nein, nicht Micromovies. Für die interessiert sich in Japan keiner und wenn schon TV auf dem Handy, dann den nationalen Sender NHK. Es geht um die kleinen Bequemlichkeiten beim täglichen Gebrauch.

Neue Baustelle für Kunst
Mao Sakaguchi hat eigentlich die Tokyoter Klamottenboutique BBS, den japanischen Ableger von HP France in Kooperation mit dem Plattenladen Breakbeat Science aus New York. Er stellt aber, wie in Tokyo oft bei schicken Designershops üblich, regelmäßig Künstler dort aus. Für sein eigenes mobiles Projekt Gendai Geijutu Hakurankai lässt er nun seit einem halben Jahr diese Illustratoren, Character-Zeichner, Sprayer oder Grafiker schicke Animationen fürs Handy machen. Laden kann sich die jeder über ein monatliches Abo für umgerechnet knapp zwei Euro, solange er seinen Vertrag bei einem der drei großen Provider DoCoMo, Softbank oder AU hat. Ist das jetzt so außergewöhnlich? Es ist zumindest eine neue Baustelle für Kunstprojekte und Design: Ein zersägter Panda von Nagi Noda, Illus von Kiyoschi Kuroda oder Kenji Matsuda als Screensaver nehmen das User Interface für sich als Miniausstellungsfläche ein.

Street Artists wie Jynx, Mhak! oder Gewgaw verbinden klassische japanische Ornamente mit Graffiti. Dass vor allem aber auch die drögen Menüs verschönert werden können, zeigen Grafiker wie Baku oder Shunsuke Kanosue: Ein Menü ist nicht einfach ein Menü. Entweder man gibt den Optionen einfach nur ein neues Kleidchen und verpackt sie beispielsweise in kleine Kisten mit herausploppenden Hasen, die sich beim Anwählen öffnen wie bei Baku. Oder man löst gleich die Struktur des Menüaufbaus auf und designt die Nutzerführung freihand wie bei Shunsuke Kanosue: Bei ihm sind die Menüoptionen wahlweise eine Camouflage-Fläche, gezacktes Gras oder Farbkleckse in der Landschaft. Statt der Grafik an der Wand hat man eben Design in Japan vor allem da, wo es den mobilen Alltag verschönert.

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Elektronische Lebensaspekte.