Handyklingeltöne waren gestern. Die neuen Konzepte geben Musik eine mobile und frische Note: Sie wird kontextspezifischer und sensibilisiert sich fürs soziale Umfeld. Einen ersten Eindruck davon vermitteln tunA, Malleable Mobile Music und Schmincky. Die ermöglichen einem etwa, seinen eigenen mobilen Radiosender aufzumachen, seine Walkmanmusik durch Bewegung in der Stadt zu remixen oder beim mobilen Gaming das nächste Level zu erreichen, indem man die Beats mit seinen Freunden synchronisiert.
Text: Frauke Behrendt aus De:Bug 87

Klingeltöne laden war gestern
Mobile Musik

Wer hat nicht schon davon geträumt, seinen eigenen Radiosender aufzumachen und den anderen mal zu zeigen, was gute Musik ist? tunA kombiniert diesen Traum mit dem Konzept des Walkmans: Die Software der Human Connectedness Group um Arianna Bassoli bietet die Möglichkeit, sich mit anderen spontan zu einem Schwarm Musik liebender Menschen zusammenzuschließen, zwischen deren Musikstreams man umherzappen kann. Technisch läuft das Ganze so ab, dass man seinen Handheld (aber bald sicherlich auch sein Handy) als Walkman nutzt. Alle Geräte mit der tunA Software, die sich in der Nähe befinden, schließen sich per Funkverbindung zusammen. In diesem Netzwerk aus Musikhörern kann man dann nicht mehr nur auf seine eigene Playlist zurückgreifen, sondern sich wahlweise auch in die Musik aller anderen Menschen des Netzes schalten. Alle Netzwerkteilnehmer werden auf dem Display des Handhelds durch ein Icon dargestellt. Mit dem Anklicken eines solchen Icons wählt man den Audiostream dieser Person aus. Schön brav industriekonform können also keine Dateien heruntergeladen oder Festplatten durchsucht, sondern nur Audio-Streams angehört werden.

Werde dein eigenes Radio
Dennoch tut sich was: Das Teilen von Musik bekommt hierdurch eine ganz andere Facette als bisher. tunA zeigt, dass in Zukunft gar nicht mehr so sehr das Kaufen und Besitzen von Musik entscheidend ist, sondern die richtige Auswahl und Kombination der Musik, kurz: die Playlist. Gerade wer im urbanen Raum unterwegs ist, sucht ja immer auch nach dem perfekten Soundtrack zur Umgebung. Und die Option, dass das nicht nur die selbst ausgewählte Playlist sein kann, sondern auch die Playlist von anderen, ist ein spannender Ansatzpunkt. Außerdem: Wer hat sich nicht schon gefragt, was der in der U-Bahn gegenüber wohl auf seinen Kopfhörern hat?
Das alles funktioniert natürlich nur, wenn viele Leute die Software am Start haben, also wohl erst, wenn sie nicht nur auf dem Handheld, sondern auch auf dem Handy läuft. Die Herangehensweise an mobile Musik, die Kombination verschiedener technischer Aspekte, vom Walkman, von Filesharing und vom Radios, das alles zeigt aber schon mal an, welches Potential in mobiler Musik (oder businesslike in Englisch: Mobile Music) noch schlummert.

Mobile Music & Games
Ein anderes Beispiel für das Potential mobiler Musik: Bei Schmicky trifft Mobile Music auf Mobile Gaming. Handhelds bilden per Funk ein Netz. Gemeinsam mit den anderen Spielern gilt es dann, musikgesteuert eine Art Tetris zu spielen. Auf jedem Gerät läuft ein Track. Das Ziel des Spiels ist es, den eigenen Track mit den anderen zu synchronisieren. Erst wenn alle Tracks rund laufen und das gemeinsame Jammen funktioniert, erreichen alle das nächste Level. Schmicky ist eine Kreuzung aus Gameboy und dem kollaborativen digitalen Musizierens, wie es bei der net.music entstanden ist. Entwickelt wurde es von Mobile Bristol, die auch viele andere mobile Geschichten machen, die meisten mit Spielcharakter.
Eine weitere neue Entwicklung ist die Kombination mobiler Musik mit exakter Positionierung. Mit GPS-Daten versehene Sounds können in der Stadt als auditives Graffiti hinterlassen werden. Mit Worten bzw. Geschichten gibt es solche Projekte schon. Bei (area)code von Jen Southern können Einwohner ihre persönlichen Geschichten an bestimmte Orte in ihrer Stadt binden. Jeder, der an einem solchen, per Schild markierten Ort vorbeikommt, kann sich die Stories anhören. Dazu muss er nur die angegebene Telefonnummer anrufen. Ausprobieren konnte man das zum Beispiel im Frühjahr auf der Futuresonic in Manchester.

Virtualität trifft Realität
Das Potential, das sich durch die Überlagerung virtueller und realer Räume ergibt, wird bisher fast ausschließlich gamingbasiert genutzt, etwa von der englischen Künstlergruppe Blast Theory. Bei ihrem Spiel “Can you see me now?” verstecken sich Online-Spieler auf einem 3-D Stadtplan. Läufer oder vielmehr Fänger rennen in der wirklichen Stadt herum und versuchen die Position der Onlinespieler aufzuspüren. Dazu sind sie mit vernetzten PDAs und GPS ausgestattet. Sie können sich per Funkgerät abstimmen, um die Avatare zu umzingeln. Die Onlinespieler wiederum kommunizieren per Chat, um vor den Läufern zu fliehen.
Eine Überlagerung von Virtuellem und Realem wie diese ist bislang im Bereich der mobilen Musik noch nicht aufgegriffen worden. Der Prototyp “Malleable Mobile Music” von Atau Tanaka zeigt aber schon mal in eine mögliche Richtung. Während man in der Stadt unterwegs ist und per Kopfhörer Musik hört, remixt man die aktuell gehörte Musik durch seine eigene Bewegung. Abhängig von der Geschwindigkeit, dem Umfeld und der körperlichen Verfassung ändern sich die Parameter der Musiksynthese. Wirklich interessant wird das Ganze aber erst, weil es gemeinsam mit Freunden funktioniert: Man kann sich mit ihnen zum Musizieren verabreden. Dabei ist jeder für sich unterwegs, über die ganze Stadt verteilt. Die speziellen Walkmans und irgendwann sicherlich auch Handys, sind miteinander verbunden, so wird der gemeinsam in Echtzeit generierte und gehörte Song nicht nur vom eigenen urbanen Weg und der eigenen Laune bestimmt, sondern auch von dem der Freunde.
Zu träumen ist bei mobiler Musik zunächst allerdings vor allem davon, dass sie bald auf Handys, statt auf sündhaft teuren Nischenplattformen laufen kann. Damit die neue mobile Musik auf diese Weise alltagstauglich wird.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.