Bis auf die Knochen
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 163


(Android 4.0 mit der Sense-Oberfläche von HTC)

Hesteller von Android-Smartphones nutzen die offene Struktur des Betriebssystems, um die Benutzeroberfläche der Telefone nach gut Dünken zu verändern und mit eigener Software aufzupeppen. Das kann problematisch sein, ist aber gleichzeitig die einzige Chance, um Alleinstellungsmerkmale zu schaffen im hart umkämpften Handy-Markt. Wir haben mit Fabian Nappenbach von HTC über dieses “Skinning” gesprochen und gleich gelernt, dass dieser Begriff eigentlich irreführend ist.

LG tut es. Huawei, Sony und Motorola auch, Samsung sowieso. Die Hersteller von Mobiltelefonen nutzen das Google-Betriebssystem Android als Neustart, als Vehikel, um im boomenden Smartphone-Business Fuß zu fassen, Eindruck zu hinterlassen, gegen die Konkurrenz anzustinken. Die Konkurrenz? Ein zu diesem Zeitpunkt immer noch vor allem auf die Geschäftswelt abzielendes BlackBerry-Ökosystem, Palm und das kategorisch an die Wand gefahrene Windows Mobile von Microsoft. Und natürlich Apple. Das erste iPhone mit dem Paradigmenwechsel in Sachen Bedienung wurde nach der Vorstellung im Januar 2007 zwar offiziell von der Konkurrenz belächelt, intern jedoch begann man fieberhaft an einer Reaktion zu arbeiten. Trend verpasst, son of a bitch. Das Problem: Die klassischen Hardware-Hersteller konnten zwar die Software für klassische Featurephones mit Ach und Krach zusammenschustern, für den nächsten Schritt jedoch, das Smartphone, war man nicht gut genug aufgestellt. Da kam Android wie gerufen: Open Source, also umsonst nutzbar, und mit Google als treibende Kraft gleichzeitig auch poppig, hip und vor allem gefühlt zukunftssicher.

Tiptop, Kinder, lasst uns Telefone bauen!
Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn es so einfach wäre. Denn wenn das User Interface auf Telefonen von Samsung, LG, Sony und Motorola immer das gleiche ist, wie sollen die Hersteller dann die potenziellen Käufer davon überzeugen, ihr Smartphone zu kaufen und nicht das der Konkurrenz? Technische Features kann man Nerds als Argument unter die Nase reiben, für die breite Masse jedoch, und mit der macht ein Hersteller Umsatz, mit der Familie am Samstagnachmittag im Media Markt also, spielen RAM, Megahertz und Megapixel keine Rolle. Also begannen die Firmen damit, Android mit zusätzlicher Software aufzubohren. Alte Icons raus, neue rein. Neue Fonts, Hintergrundbilder, eigene Programme, Hubs, Services, Bearbeitungsmöglichkeiten für Fotos und Videos. Angespornt wurden die Hardware-Schmieden dabei auch durch die Tatsache, dass Android in seinen ersten beiden Versionen sowieso noch alles andere als fertig entwickelt war. Nicht experimentell, nein, aber doch reichlich spröde. Also ein Wohlfühlbad drüber gekippt. Damit auch Familie Müller im Laden aus den Oooohs und Aaaahs nicht mehr rauskommt.
Sie tun es also. Die Skins, die Benutzeroberflächen, die die Hersteller über Android stülpen, sind heute nicht nur omnipräsent, sondern haben den Look & Feel von Googles Betriebssystem so radikal verändert, dass vielen Kunden gar nicht mehr klar ist, was sie da eigentlich kaufen. Ein Telefon von Samsung, klar. Das mit den bunten Icons. Aber was bitte ist Android? Auch wenn Googles Chefdesigner Matias Duarte diese Diversifizierung öffentlich immer wieder begrüßt – richtig wohl dürfte es sich mit diesem Trend nicht fühlen.

Sinnsitftend
“Ich mag schon den Begriff Skin nicht”, sagt Fabian Nappenbach von HTC. Das G1 war 2008 das erste Smartphone mit Android. Das taiwanesische Unternehmen hatte zunächst Telefone im Auftrag anderer Firmen gebaut und sich dann mit eigenen Geräten auf den Markt gewagt, mit Windows Mobile als OS. Aktuell hat man Smartphones mit Android und Windows Phone im Portfolio, die beiden Handys One X und One S, beide mit Android und der neuen Version der hauseigenen Skin “Sense” ausgestattet, sorgen momentan neben dem Galaxy S3 von Samsung für ordentlich Furore. “Eine Skin ist ja nur eine Haut. Sense geht tiefer, bis auf die Knochen. Das haben wir bei Windows Mobile gelernt, dieses OS war damals zu sehr Windows und viel zu wenig mobile. Es ließ sich nur mit einem kleinen Stift bedienen und übertrug zu viele Bedienungsvorgänge aus der Desktop-Welt auf das Telefon. Das hat nicht funktioniert, das mussten wir ändern.”

Debug: Apropos ändern, was hat HTC damals an Android gestört und damit die Integration eigener Software losgetreten?

Fabian Nappenbach: Stören ist das falsche Wort, wir haben eher Dinge vermisst. Das erste Gerät mit Sense war der HTC Hero, das war 2009. Android fehlten unserer Meinung damals wichtige Funktionalitäten, wie zum Beispiel ein Exchange-Client. Oder noch greifbarere Beispiele: Multitouch, Pinch To Zoom, ein Adressbuch, das mit Facebook verknüpft ist: Das sind Dinge, die Android damals von Haus aus noch nicht konnte. Außerdem wollten wir die Designsprache, die wir für Windows Mobile entwickelt hatten, auf allen Geräten installieren. Die große Uhr zum Beispiel auf dem Homescreen, die hat einen großen Wiedererkennungswert und bringt im Zusammenspiel mit anderen Features einen Mehrwert für unsere Kunden.

Debug: Mittlerweile arbeiten alle Anbieter von Android-Telefonen mit eigener Software und eigener Design-Sprache. Die Situation ist fast skurril, denn es gibt pro Jahr nur ein Gerät, das mit Googles eigener Version von Android ausgeliefert wird. 2010 war dieses Telefon das Nexus One von HTC. Trug die Software-Abteilung damals Trauer, weil man die Welt nicht mit Sense beglücken durfte?

Nappenbach: Wir haben ja viele Teams und das Nexus One hat vor allem unsere Hardware-Abteilung glücklich gemacht. Das erste Android-Telefon mit Snapdragon-Prozessor, mit AMOLED-Display … man kann Geräte natürlich auch über die technischen Features verkaufen. Wir sind ja aktuell beim Windows Phone in der gleichen Situation. Da gibt Microsoft ganz klar vor, was Hersteller dürfen und was nicht. Wir haben diese Gruppe von Usern auch im Blick, die keine Skins will, die nur das pure Android akzeptiert. Zu den Nerds, den Entwicklern haben wir sehr enge Beziehungen und mittlerweile ermöglichen wir es den Usern auch bei den meisten Geräten, Sense zu entfernen. Das ist im Verhältnis zum normalen Smartphone-Nutzer aber eine so kleine Gruppe von Menschen, die nicht über den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens entscheiden kann.


(Android 4.0 direkt aus dem Google-Labor, ohne Skin)

Debug: Android in der aktuellen Version ist also immer noch zu nerdig?

Nappenbach: Es ist viel besser geworden, keine Frage. Man kann alles haben, sich alles selber hinbiegen. Diese Uhr, jenes Widget – man findet ja alles im Play Store. Aber wer hat denn die Ausdauer, wirklich danach zu suchen? Ich persönlich finde die Optik von Ice Cream Sandwich sehr gelungen, aber ich komme auch aus einer anderen Generation und fand damals “Missile Command” super. Für den normalen Nutzer, finde ich, bringt Sense mehr Features gut sichtbar auf den Punkt.

Debug: Features sind das eine, Updates das andere. Wenn Google eine neue Android-Version veröffentlicht, dauert es in der Regel unerträglich lange, bis die dann auch für mit Skins und Software bearbeitete Telefone vorliegt. So muss ein Nutzer nicht nur lange auf neue Features warten, sondern auch auf wichtige Bugfixes oder die Behebung von Sicherheitsproblemen. Warum dauert das so lange?

Nappenbach: Es ist Googles Politik, neue Android-Versionen mit einem frischen Smartphone zu launchen. Dann dauert es, bis der Code freigegeben wird. Und erst dann können wir anfangen, zu arbeiten. Unsere eigene Software zu testen, umzuschreiben, zu optimieren, zu testen. Auf den unterschiedlichsten Telefonen, das kommt ja noch dazu. Dann testen die Mobilfunker und dann können wir Updates verteilen. Da gehen schnell ein paar schlaflose Monate rum. Das Prinzip ist survival of the fittest, ganz klar, da pushen sich die Hersteller gegenseitig. Apple zum Beispiel hat es da einfacher, weil alles aus einer Hand kommt und die Tests schon im Vorfeld gemacht werden können. In der Wahrnehmung der Kunden ist das nervig, das kann ich auch verstehen. Es ist aber gleichzeitig nicht das große Problem, als das es immer wieder gerne in den Medien beschrieben wird.

Debug: Mit den aktuellen One-Telefonen hat HTC die Designsprache von Sense zurückgefahren. Auskenner bemerken die Nuancen und das reduzierte Look & Feel von Sense 4, die breite Masse wird sagen: Die Uhr ist kleiner geworden!

Nappenbach: Historisch betrachtet sind wir wieder auf dem Level von Sense 2. Es ist nicht mehr so aufdringlich. Und weil du die Uhr erwähnst: Bei Sense 3, also im letzten Jahr, waren die Entwickler bei uns so angespornt von den neuen Prozessoren, den neuen Grafik-Chips, mit denen man plötzlich unglaublich realistische Animationen realisieren konnte. Gleichzeitig war das generelle Design aber auch in die Jahre gekommen, da musste etwas passieren. Das ist ja auch ein ganz normaler Vorgang. Sense 4 ist sehr detailreich, setzt aber nicht mehr auf den Bombast, auf Dinge, die man dann als Nutzer auch schnell über hat. Und tatsächlich haben wir sogar eigene Apps wieder in den Hintergrund gestellt, mit denen wir früher als Alleinstellungsmerkmal rausgegangen sind. Viele Dinge in Ice Cream Sandwich sind einfach klasse und die nehmen wir gerne auf und nutzen sie, statt die User auf HTC-eigene Lösungen festzulegen.

Debug: Was hat denn dann ein neues HTC-Telefon, was andere nicht haben?

Nappenbach: Die Dropbox-Integration ist ein gutes Beispiel. Da bekommt man 25 GB für zwei Jahre umsonst. Außerdem haben wir Dropbox systemweit in die Telefone integriert, der Service ist also ganz einfach zu bedienen. Und warum Dropbox? Die kennen sich aus mit der Wolke, das funktioniert einfach. Wir als HTC können den Service aber vielleicht schlüssiger und besser auf unsere Geräte bringen als ausschließlich über die App. Wir hätten auch ein paar Server kaufen und “H-Cloud” draufschreiben können, es macht aber viel mehr Sinn, mit den Anbietern zusammenzuarbeiten, die die Leute eh benutzen wollen.

Debug: Andere Hersteller arbeiten mit Hochdruck an eigenen Ökosystemen, die das ganze Wohnzimmer miteinander verzahnen. Fernseher, Blu-ray-Player, Handy, Tablet, alles redet miteinander. HTC baut nur Telefone und hat in Europa lediglich ein Tablet im Angebot …

Nappenbach: Wenn dein Haus gerade abgebrannt ist und du dir alles neu kaufen musst, dann passt das. Dann sind alle Komponenten miteinander kombinierbar. Aber zum Glück steht dein Haus eben noch und ein Fernseher steht über eine lange Zeit in deinem Wohnzimmer, du kaufst dir nicht einen neuen, nur um ihn mit dem Telefon bedienen zu können. Die Idee hinter dem Komplettangebot ist verlockend, die Realität sieht aber anders aus. Wir versuchen eher im Kleinen, Dinge miteinander zu verbinden. Uns ist wichtiger, dass unsere Telefone mit allen Fernsehern funktionieren, das ist unser Ansatz.

Fabian Nappenbach ist seit Oktober 2010 als “Director of Product Marketing” bei HTC.

Illustration: Dan Jazzia

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Elektronische Lebensaspekte.

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