Plattform-Streit auf dem Handy
Text: Max Winde aus De:Bug 116


Firefox vs. Internet Explorer … das ist ein übersichtlicher Zwist. Von einem wie auch immer gearteten Web-Standard für Handys sind wir meilenweit entfernt. Hersteller und auch Provider kochen ihre eigenen Süppchen, modifizieren, sperren, passen an. Das iPhone könnte ein Ausweg sein, allerdings auch nur, weil es ein Gerät ist, auf das sich alle einigen können.

Als Links noch blau und unterstrichen und Spam noch Dosenfleisch waren, gehörte es zum guten Ton der Web-Entwicklung, immer die allerneuesten Funktionen des jeweils gerade angesagtesten Browsers zu nutzen und vor den Nutzern herzurennen. Stolz schrieb man “Best viewed with Netscape 3.1 and 800×600 pixels” auf seine Seite, so weit vorne war man. Die Zeit legte ihren verstaubten Mantel über diese Seiten, der Google-Bot drückt alle Augen zu, wenn er über eine solche stolpert, doch irgendwo treiben sie sicher noch rum, all diese untoten Geocity-Seiten mit ihren damals immer leeren Gästebüchern.

Aber das ist Vergangenheit, oder? Die schöne neue Web2.0-Welt hat sich schließlich auf jedem Browser wohl zu fühlen. Egal ob Firefox, Safari oder Opera: Alles soll überall laufen. Auch der nun wirklich haarsträubend schlechte, aber immer noch weit verbreitete Internet Explorer 6 muss irgendwie mitgeschleift werden. Und selbst die Initiative “Too cool for IE” ist eher Selbsthilfegruppe als ernsthafter Versuch, den veralteten Browser auszusperren.

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Nur für Mitglieder

Doch seit geraumer Zeit scheint die alte Krankheit der Begrenzung auf eine Plattform plötzlich wieder aufzuploppen. Wie die Pilze schießen Websites aus dem Boden, die nur für den elitären Club der iPhone-Besitzer zugelassen sind. Zutritt für andere Browser, auch und besonders die mobilen: verboten! Und dabei bringt doch seit Jahren jedes Handy einen Webbrowser mit. Wird für die nicht optimiert? Und wie optimiert wird. Ein Bekannter arbeitet in einer Firma, die nichts weiter zu tun hat, als Spezialwebseiten für alle erdenklichen Handytypen zu entwickeln. In Schubladen stapeln sich die verschiedenen Handymodelle. Und jedes hat seine ganz eigenen Macken.

Weil es praktisch nicht möglich ist, eine Seite für alle Handys zu entwickeln, kümmern sich hochentwickelte Programme um die automatische Anpassung der Inhalte für die diversen Handytypen. Denn während die Telefone von Hersteller A abstürzen, falls die Bilder der Site in einem bestimmten Format auf dem Server gespeichert sind, kommen die Geräte der Serie vor 2005 von Hersteller B nicht mit mehr als 14 Links auf einer Seite klar. Die Bedienung von Gerät C hingegen ist so vermurkst, dass es keinem Tester gelang, einen bestimmten Link auf der Seite zu erreichen. Der Link war zwar sichtbar, beim Navigieren der Site mit dem Minijoystick des Handys wurde er jedoch immer übersprungen und war nicht auswähl- oder anklickbar.

Hersteller gegen Betreiber gegen Betriebssystem

Als ob es nicht schon aufwändig genug wäre, all diese Spezialversionen einer einzigen Site erzeugen zu müssen, lügen unsere Handys auch noch. Das Telefonmodell eines großen Handyherstellers gibt sich als Nokia-Gerät aus, obwohl es nicht mal in der Nähe Finnlands entwickelt wurde. Und richtig chaotisch wird es, wenn es der Mobilfunkprovider ganz besonders gut meint und von sich aus versucht, die Seiten für das Gerät anzupassen. Dann sieht eine Site auf demselben Handy schon mal für Vodafone-Nutzer komplett anders aus als für T-Mobile-Kunden.

Gegen diesen Technologie-Wirrwarr wirkt das iPhone wie eine Offenbarung. Websites sehen auf dem kleinen Display weitgehend so aus, wie es sich die Entwickler auch für den PC-Monitor gedacht haben, und die Bedienung mit dem Finger funktioniert so hervorragend, dass man Nachteile wie die Abwesenheit von Flash in Kauf nimmt. Und es wundert nicht, dass Web-Entwickler begierig versuchen, die Möglichkeiten dieses neuen Bedienkonzepts auszureizen. Bei Nintendos Wii-Konsole war das übrigens nicht anders, auch für die Wii gibt es dutzende Spezialseiten, die speziell für die geringe Bildschirmauflösung eines Fernsehers und die Steuerung mittels Wiimote optimiert sind.

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Mobile Konfusion

Auf Dauer haben solche Seiten jedoch kaum eine Überlebenschance, denn es gibt wohl niemanden, der ausschließlich mit der Wii oder dem iPhone surft. Und so müssen sich Websites in Zukunft möglichst flexibel an die Gegebenheiten des jeweiligen Endgerätes anpassen – eine Weisheit, die einem irgendwie bekannt vorkommt. An besseren technischen Voraussetzungen dafür wird gearbeitet. So nutzen z.B. Nokia-Geräte der neuen Generationen mit WebKit die gleiche Browser-Engine wie Apples Überfon. Eine Seite, die auf dem iPhone toll aussieht, wird ziemlich sicher auch auf einem N95 gut zu bedienen sein. Und auch die Betaversion von Operas neustem Handybrowser Opera Mini 4 stellt die meisten Webseiten erstaunlich perfekt dar, ganz egal, ob diese fürs iPhone oder den Desktop-PC entwickelt wurden.

Apple und einigen anderen Herstellern ist es gelungen, das “echte” Web auf mobile Browser zu holen – eine Vorraussetzung für den Erfolg der entsprechenden Gerätegeneration. Dass es dennoch eine aktuelle Flut von “iPhone-only”-Websites gibt, kann somit als Spielwiese der Coder, als Übereifer der Entwickler oder auch als kurzeitige Mode angesehen werden, das Credo der Zukunft ist sie sicher nicht. Denn dieses Credo wird weiterhin lauten: “offen für alle” – und diesmal nicht nur stationär sondern auch mobil.

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Elektronische Lebensaspekte.