Das technische Wettrüsten der Smartphone-Industrie
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 163

Über Top oder Flop in der Handy-Branche entscheidet schon lange nicht mehr, ob man mit dem Teil wirklich komfortabel telefonieren kann. Die technischen Spezifikationen von Smartphones, allen voran der Prozessor und seine Geschwindigkeit, geben den Ton an, auch in der Werbung. Das ist verwirrend und oft genug auch Augenwischerei.

Es gab eine Zeit, da war die erste Frage, die man Besitzern von neuen Computern stellte: Und wie schnell ist der Prozessor? Kein Wunder, ein paar Megahertz entschieden oft genug darüber, ob man sein Lieblingsspiel nun endlich ruckelfreier genießen, oder – die wesentlichere Frage – ob der Sequenzer zehn oder elf PlugIns über neue Tracks stülpen konnte. Lange her. Und obwohl auch bei Laptops und Desktop-Computern immer noch alles ständig schneller wird, haben sich die Wogen geglättet. Die Industrie hat einen technischen Standard erreicht, bei dem es nicht mehr vornehmlich um Geschwindigkeit geht. Eher um Energieeffizienz und Wärmeentwicklung in den Gehäusen, damit die Lüfter nur in Ausnahmefällen anspringen und Rechner, stationär wie mobil, immer kleiner werden können.
Die Smartphone-Branche steht vor einem Dilemma. Denn klein müssen die Geräte ja zwangsläufig sein, leistungsfähig aber bitte auch und – hey! – mein Nokia-Knochen von 2004 musste nur ein Mal pro Woche an die Steckdose, warum zum Teufel ist dieses Smartphone schon am Nachmittag leer? Quadratur des Kreises, revisited. Aber – Achtung, Ironie angeknipst – das Dilemma ist gar keins! Smartphone-Käufer sind durch die Bank positiv denkende Menschen, technikgläubig bis ins Mark, opfern ihr Leben gerne für einen 600 Euro teuren Betatest und sind auch noch ausgesprochen dankbar über kleine Software-Updates, die die gröbsten Schnitzer beheben, zumindest ansatzweise: Ironie wieder aus. Das eigentliche Dilemma des Großteils der Smartphone-Hersteller ist ein ganz anderes. Android ist nicht das beliebteste Betriebssystem für Smartphones, weil es der Konkurrenz überlegen, sondern weil es als open source frei verfügbar ist, also billig. Das ist wichtig in einer Industrie, in der die Margen klein sind und der Lebenszyklus eines Geräts kurz. Doch wenn alle Android-Telefone bauen, womit bewirbt man dann sein eigenes? Was macht es besser, vielleicht sogar einzigartig? Das Kleingedruckte erlebt eine Renaissance, die nerdigen Details rund um Prozessoren, Gigahertz, RAM und ROM werden plötzlich zu den Alleinstellungsmerkmalen, mit denen man versucht, die Telefone zu vermarkten.

Schneller, höher, weiter!
Früher war alles einfach. Da kaufte man einen Windows-PC mit einem Intel-Prozessor oder einen Mac, zuerst mit einem Chip von Motorola, dann von IBM und schließlich auch von Intel. Entscheidend für den Kauf war das Betriebssystem. Bei den Android-Mobiltelefonen ist die Situation deutlich unübersichtlicher. Die Prozessoren heißen Tegra 2, Tegra 3, Exynos, Snapdragon oder OMAP. Sie kommen von Herstellern wie Samsung, Qualcomm, NVIDIA oder Texas Instruments. Intel sucht man hier vergebens, noch jedenfalls.

Zwei Kerne! Vier Kerne! Zwei Kerne mit der Effizienz von vieren! Gaming wie auf der Konsole! Multitasking! 1,2 GHz, 1,4 GHz, 1,5 GHz! Nicht unter dem Pflaster, sondern hinter dem Komma liegt der Strand. Wobei der ganz schön steinig sein kann, denn nicht alle Apps nutzen alle Vorteile des neusten Chips aus, oftmals haben die Entwickler auch gar kein Interesse daran, diese Mehrarbeit zu investieren, denn die nächste Prozessor-Generation ist immer schon so gut wie fertig und erfordert vielleicht schon wieder ein komplettes Umdenken. Auf der Strecke bleibt dabei der Kunde, der sich wundert, warum trotz des vermeidlich besten Prozessors nicht alles so läuft, wie man es sich gewünscht hätte. Am Ende bleibt Frust, Enttäuschung und ein leerer Akku kurz nach dem Mittagessen. Doch die App-Entwickler sind nicht die einzigen, denen das alles zu kompliziert ist, auch die Telefon-Hersteller haben oft ihre Hausaufgaben immer noch nicht gemacht. Soft- und Hardware aufeinander zu optimieren, ist der Schlüssel zum Erfolg. Und der Weg dahin ist lang, selbst wenn man früher schon Telefone gebaut hat: Die waren im Vergleich ungefähr so komplex wie die Aufknuspertaste eines Toasters. Warum, fragt sich dann der Kunde, warum ruckelt der Homescreen denn so auf meinem neuen, teuren Smartphone? Das hat doch einen Quadcore-Prozessor?

Gewinner dieses Kuddelmuddels? Apple (klar) und Microsoft. In Cupertino wurde Soft- und Hardware schon immer zusammen gedacht und perfekt aufeinander abgestimmt. So kann man sich entspannt zurücklehnen, das iPhone verkauft sich bestens und wie schnell der Prozessor (übrigens von Samsung) ist, wird nicht einmal kommuniziert. Hat man gar nicht nötig. Und in Redmond war man immerhin so clever, den Hardware-Partnern von Windows Phone klare Vorgaben zu machen, was die technischen Spezifikationen der Smartphones angeht. So kann ein Windows Phone nicht viel, das dafür aber immerhin überzeugend.

PS: Das erste Smartphone mit Intel-Prozessor wird seit kurzem in Indien verkauft.

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Elektronische Lebensaspekte.