In Japan ist das Handy der Browser
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 116


Im Technikland Nummer eins geht man eher mit dem Telefon als mit dem Computer ins Internet. Websiten, selbst von großen Firmen, werden eher für Handys als für Browser auf Rechnern entworfen. Und debile Klingeltöne sind tabu. Unser Update aus einem Land, in dem die Mobilflatrate 13 Euro kostet.

Online, online, online

Die Online-Flatrate fürs Handy? Logo, gibt’s In Japan schon eine Weile und kostet 2000 Yen, um die 13 Euro pro Monat. Das macht auch Sinn, weil man sich in Tokio immer wieder verläuft und dann doch lieber auf Google Maps nachschaut – oder man versucht es mit dem kostenlosen NaviTime-Routenplaner, der einem auf der mobilen Webseite den Weg anzeigt. Ja genau, mobile Webseite: Während die Online-Auftritte von Firmen oft noch wie hinterm Mond ausschauen und um mindestens ein paar Jahre hinter europäischen Websiten hinken, gibt es dafür aber meistens von allem eine Webseite fürs Handy, dem Ketai. Das ist wichtig. Wenn es um Service geht, gibt es immer eine auf den mobilen Screen zurechtgestutzte Webseite.

mobile17.jpg

Das mag in Europa vielleicht noch ein bisschen umständlich klingen, in Japan wird das aber ganz selbstverstaendlich auch genutzt. Das liegt aber zum einen am Handy als Allzweckwaffe im Alltag, weil klein und handlich in der (Männer-)Handtasche. Zum anderen an der Haltung der Japaner: Unglaublicherweise ist für die Leute zumindest in Tokio nicht der PC das Tor zum Internet, sondern nach wie vor das Mobilfon, weil man zum einen unterwegs ist und dann auch gleich die Emails beantwortet. Nicht nur online, nein: Jedes Handy hat eine eigene Email-Adresse, die wichtiger ist als die von Gmail. Das liegt aber auch daran, dass das SMSen nur innerhalb eines Provider-Netzes möglich ist, sonst schickt man eine Email. Außerdem interessant ist, dass das Tippen mit T9 mit Kanji als Silbensprache schneller geht als bei uns und Romane, auf dem Telefon verfasst und für 1000 Yen/6 Euro das Stück, darauf gelesen werden. Das ist in Japan schon ziemlich etabliert, genauso wie mobiles TV (sehr praktisch in der S-Bahn).

Aber auch ganz alltägliche Dinge tut man mit dem Handy: bezahlen, zum Beispiel. Man kann das “Konto“ eines Handys aufladen und damit im Combini, dem 24-Stunden-Supermarkt, oder auch den Flaschenautomaten bezahlen. Man begleicht übrigens auch die monatliche Handyrechnung dort, schließlich liest jedes Fon Barcodes und damit auch Webseiten, Preise oder eben Rechnungen. Da man das U- und S-Bahnticket mit der Suica oder PASMO-Chipkarte blecht, geht das logischerweise auch mit dem Fon, wie im Supermarkt. Macht das Sinn? Total, die Dinge müssen immer und überall bequem sein und so was erleichtert die tägliche Bahnfahrt ziemlich.

mobile18.jpg

Ein großer Unterschied zu Handys auf dem deutschen Markt ist aber auch das Aussehen. Warum sehen die Dinger in Japan nur so schick aus? Weil die Leute zum einen immer das absolut neueste Modell haben wollen und sich sonst schnell langweilen. Und aussehen muss es natürlich gut, am besten mit einem “europäischen“ Flair. Deshalb sind Japaner auch bereit, alle sechs Monate ein neues Fon mit dem allerneusten Design zu kaufen. Aber, noch wichtiger, in Japan werden Star-Designer wie Naoto Fukasawa, die sowieso schon alles Mögliche kreieren, vor allem auch an Handys rangelassen. Gut, öfter bleibt es leider nur beim Prototypen, aber immerhin. Das ist in etwa so, als dürften Vogt + Weizenegger für T-Mobile designen.

Prototypen mit echter Zukunft

Gerade wurden zum Beispiel zwei neue Prototypen vorgestellt, die es hoffentlich auch irgendwann tatsächlich geben wird: “actface“ heißt die Edition von Team Lab aus Tokio im Rahmen von Provider KDDIs “au design project“. Bei den zwei Versionen besteht die komplette Oberfläche innen wie außen aus einem animierten Screen, der auch die Tastatur einschließt und aus ihr ein Touchscreen macht (dass Menüs auf allen neueren Handys generell mit Flash animiert sind, brauche ich wohl nicht zu erwähnen). Der eine Team-Lab-Prototyp namens “Play“ hat eine hübsche Pixelwelt auf dem Volldisplay, in der Game-üblich Sachen in die Luft gejagt werden und Pixelwesen hin und her rennen. Je nachdem, wo man auf der Tastatur drückt, verändert sich auch das Interface. Die andere Variante nennt sich “Rhythm“ und widmet sich, wie so oft, den traditionellen japanischen Motiven: Aquarellierte Karpfen schwimmen über das Menü … von innen nach außen, über beide Displays. Die Kanji-Schriftzeichen der Tastatur verschwimmen und schlieren einfach weg. Sieht wunderschön aus – nach dem Stromverbrauch des Akkus mag man da aber lieber nicht fragen.

mobile19.jpg

Miwa Nakano von Team Lab erklärt, wie man das Ganze bedient: “Die einzelnen Menüpunkte des Touchscreens ändern ihr Aussehen mit jeder wechselnden Animation. Genauso kann man ihre Funktionen den eigenen Wünsche anpassen.“ Die Animationen selber sind einmal Screensaver, solange nichts passiert. Dann gibt es verschiedene Animationen, die bei einzelnen Funktionen abgespielt werden, wenn zum Beispiel ein Anruf eingeht. Genauso werden einzelne gezeigt, sobald man das Touchscreen berührt. Das Beste aber: Die Texterkennung samplet einzelne Auszüge aus Emails und arbeitet die in die Animationen ein. “Während die ‘Play’-Version ausschließlich mit Flash gemacht wurde, sind bei ‘Rhythm’ noch Algorithmen dabei, um Bewegungen im Wasser zu simulieren“, sagt Miwa.

Eins noch – so was wie den Crazy Frog gibt es in Japan nie und nimmer. Es gehört zum guten Ton, sein Fon immer lautlos zu stellen. Und wenn schon Klingelton, dann am liebsten ein polyphones Glöckchen. Um den Tag wohlklingender zu gestalten.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.