Sag adieu zur Webseite
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 116


Wir sind gewohnt, das Internet über den Browser wahrzunehmen. 800 mal 600 Pixel misst unsere digitale Welt … seit Jahren. Das dürfte mit den mobilen Internet-Geräten und ihren Miniscreens endgültig vorbei sein. Geht alles wieder auf Null?

Vielleicht hat man es so nicht wahrgenommen, vor allem in dem ganzen Aufruhr rings um Webservices und später dann Web2.0, aber das Netzparadigma WWW war immer schon vor allem geprägt von seinem technischen Pendant, dem Computer, mehr aber noch dem funktionalen Nichtskönner schlechthin, dem Screen. Der war über eine Dekade eine seltsam verlässliche Größe. Und nur scheinbar haben sich die Webdesigner die Leiter der immer besseren Auflösungen von 800 mal 600 nach oben gekämpft. Sieht man sich heute einen Querschnitt durch das Netz an, dann gibt es eigentlich immer noch kaum eine Seite, die es wagt, mit ihrem Inhalt die Breite von 800 Pixeln zu überschreiten, obwohl Computerscreens mit dieser Auflösung mittlerweile so verbreitet sind wie Trabantfahrer in Berlin-Mitte.

Die heiligen 800

Wenn auch sonst wenig fixiert scheint, könnte man – ohne sich weit aus dem Fenster zu lehnen – sagen: Die gesamte digitale Moderne hat eine Breite von 800 blöden Pixeln. Dahinter steckt die eigentümliche Idee, dass jeder mitmachen können soll, und der noch eigentümlichere Wahn, dass Menschen zwar gerne nach unten scrollen, aber nicht quer. Weshalb die Metapher der Seite, ein Überbleibsel aus dem analogen Medienraum, selbst nach 15 Jahren rasanter Entwicklung im Netz so standhaft gegen jede Screenlogik das bestimmt, was wir im Internet sehen. Irgendwann mal – so jedenfalls hoffen Webdesigner – könnte das mal zu dem Forschungsobjekt digitaler Frühzeit-Mystik werden.

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Beim ersten Internetrush gab es sogar Versuche, den Screen drehbar zu machen, die technischen Gegebenheiten der Metapher anzupassen. Denn so sehr man auch bemüht ist, Navigation irgendwo auf den Eingangs-Screen zu packen … irgendwie wirkt nahezu jede Seite nach unten hin abgeschnitten, fast wie eine Tageszeitung. In jedem anderen neuen Medium wäre das ein Komplettdesaster, das nur eine Folge kennen würde. Scheitern. Im Internet darf das als Standard zum neuen Über-alles-Medium werden. Man ist versucht, den querliegenden Screen eines Computers, dessen Hauptaufgabe das Internet ist, irgendwo zwischen den Metaphern der Seite und dem Fernsehen eingeschlossen zu sehen. Und genau dort das größte technische Versäumnis der digitalen Revolution zu erkennen.

Doch anstatt nun endlich mal, der Computer verkraftet das längst, verdientermaßen wenigstens auf 1024 Pixel zu gehen (bei der De:Bug- Webseite würden das immerhin 98 Prozent der “User” ohne vertikalen Scrollbalken verkraften), wenn sich schon nicht ganz auf das Ende der Scrollbalken via CSS und Ajax zu verlegen, steht uns mit der mobilen Revolution eine Veränderung des Internet ins Haus, die 800 Pixel schon fast opulent erscheinen lässt.

Die Zukunft ist klein

Denn während das Laptop nach und nach den Desktop ersetzt, wird an den Rändern des Netzes erst langsam das Ausmaß einer nächsten technischen Generation sichtbar, in der selbst ein Screen von 320 mal 480, wie beim iPhone, schon als Revolution gilt. Das nächste Internet könnte den Zwitterwesen gehören. Vom Subnotebook über Tablet-PCs bis zum Ultra-Mobile-PC (oder auch bezaubernd Origami genannt) befinden wir uns zwar so gerade eben noch im Rahmen der heiligen 800. Aber dann: Internet Tablets, Multimedia-Computer (wie Nokia seine Handys nennt), Mediaplayer mit W-Lan, iPhone und sonstige Touchscreen-Handys. Die Auflösung der Grenze zwischen tragbaren Computern und Telefonen mag viele Folgen haben, eine der herausragendsten aber dürfte sein, dass selbst die lieb gewonnene, wenn auch skurrile Internetstandardbreite auf einmal – und das wohl noch für viele Jahre – nicht mehr gilt.

Die Vorfreude auf das mobile Internet war so groß, dass man WAP- und iMode-Seiten erfand. Doch einerseits Internet für das Handy verkaufen wollen, andererseits aber nur eine marginale Auswahl des Netzes bieten zu können, mit Browsern, die bestenfalls Null-Komma-X Prozent des Internet verstehen, wollte einfach nicht funktionieren. Die Folge: Internet auf dem Handy löst hierzulande immer noch Stirnrunzeln aus, gerne auch eine Angst vor dem Preisschock.

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Ding-Dong, das Netz ist ein Programm

Doch jetzt kommt es, das “echte” Netz auf dem Handy und was immer sonst noch so an Internet-Screens im Taschenformat in den Mediamärkten herumlungert. Doch visuell ist es denkbar schlecht auf die Kleinstscreens vorbereitet, die sich, wie eine eigenwillige digitale Freikörperkultur, auf einmal bereitwillig all ihrer Knöpfe entledigen, um sich ganz nackt, nur mit ihrer digitalen Haut, dem Screen, bekleidet im Netz bzw. unter der Wolke zu tummeln. Das Genie des iPhones mag darin liegen, den Medienrummel letztendlich für die Propaganda von Webservices für das Handy auszunutzen. Denn auf einmal sind dort Dinge, die früher einfach nur eine Webseite gewesen sind, auch auf der Oberfläche eine Applikation. Klar, Webapps sind seit Web2.0 mal wieder in aller Munde, aber so lange sie sichtbar in einem Browserfenster stattfinden, wirken sie eben doch vor allem noch als Webseite. Und genau hier wird möglicherweise entschieden, wie das Internet der nächsten Dekade aussehen wird: im Kampf der Webapps mit dem Browserfenster, der sich paradigmatisch am iPhone ablesen lässt.

Obschon die Möglichkeiten von CSS, eigentlich jede Webseite auf jede Screenbreite automatisch herunterbrechen zu können, wirklich keine Zauberei ist, könnte die wahre Revolution des mobilen Netzes vielleicht die sein, dass wir uns doch noch von der Idee des Browserfensters verabschieden und das Netz auf einmal – nur dank einer leichten Pixelverschiebung – nicht mehr ein Haufen Webseiten ist, sondern eine Unmenge spezieller Applikationen einerseits, in denen wir ständig neue Formen des Umgangs mit Navigation und Visualitäten lernen, und eine endlose Flut von RSS-Feeds für den täglichen textuellen Content. Vielleicht sind es eben genau diese Zwitterwesen variabler Screengrößen, die uns letztendlich – ohne dass man es im Nachhinein vermissen würde – den Abschied von der Metapher der Webseite und damit von dem Internet, wie wir es alle bislang zu kennen glaubten, beibringen.

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Elektronische Lebensaspekte.