Das Leben mit dem mobilen Netz könnte so schön sein: morgens auf dem Weg zum Bäcker kurz die Nachrichten auf dem Handy-Display sortieren, in der U-Bahn mit den neusten YouTube-Clips die Fahrt zur Arbeit versüßen und anschließend vorm Konferenzraum dem klugscheißenden Finanzabteilung-Yuppie via mobilem Wikipedia in den Moccacino spucken. Ist das jetzt endlich mal Realität? Oder ist das mobile Web immer ein großer Schwindel?
Text: Michael Marth aus De:Bug 125

Mobil

Mobile Web Revisited

Tolle neue Web-Welt: Den Usern eröffnet das Hosentaschen-Internet völlig neue Wege der mobilen Kommunikation und die Marktforschungsorakel befeuern die feuchten Phantasien der Mobilfunkmanager mit frischer Munition. In Deutschland etwa sind laut Accenture schon sechs von zehn Handys standardmäßig für die mobile Internet-Nutzung eingerichtet, das Beratungsunternehmen Oliver Wyman rechnet gar mit einer Milliarde Handysurfern weltweit bis 2011. Allein: Hierzulande war bisher nur circa jeder Zehnte schon im mobilen Web unterwegs, laut Nielsen Mobile liegen die Deutschen sogar hinter den Thailändern in der mobilen Web-Nutzung. So verschanzt man sich hierzulande lieber in dunklen Kellern, als draußen in der Sonne dem grenzenlosen Kommunikationszeitalter zu frönen – woran liegt’s?

Die Deutschen haben mit dem Unterwegs-Web jedenfalls bisher keine guten Erfahrungen gemacht. Zu groß noch die Angst, dass vor der Tür die ungeliebten Weggefährten i-mode und WAP warten. Die beiden Pioniere des mobilen Webs wandelten Internet-Inhalte in fürs Handy-Display optimierte Versionen um – und zwängten sie in eine schaurige Microsoft-Word-Optik. Heute finden sich kaum mehr WAP-Angebote, i-mode stellte der Anbieter E-Plus Anfang April diesen Jahres komplett ein. So richtig “Internet“ war das auch nicht; dafür ordentlich teuer und gähnend langsam. Heute macht ausgerechnet Apple den Optimisten in dem Punkt einen Strich durch die Rechnung, dass das iPhone-Riesen-Touchdisplay die Website-Betreiber in die Bredouille bringt: Die müssen sich jetzt fragen, ob sie ihre Seite im Stil “echtes Internet“ präsentieren oder zu Gunsten kleinerer Bildschirme auf die “Videotext-Version“ setzen. Während es durch das Tarifdiktat beim Kauf eines Apfel-Telefons auch egal ist, wie viel Daten man sich aufs Handy schaufelt, reut den Durchschnitts-Handy-Besitzer jedes einzelne Kilobyte. Einen Ausweg sieht Dr. Michael Peterson, Principal und Mitglied der Geschäftsleitung beim Beratungsunternehmen Booz & Company: “Die Angebote müssen intelligenter werden: Betreiber werden Audio-, Text- und Videoversionen ihrer Seiten anbieten müssen, damit eine komfortable Abfrage über unterschiedliche Endgeräte und Infrastrukturen möglich ist.”

Das Problem der mobilen Domains
Ob die Lieblingsseite für seine mobile Version nun die Endung “.mobi“ verwendet, am Anfang vielleicht ein “m“ steht oder vor die eigentliche URL doch das Stichwort “mobil“ gesetzt werden muss, führt im Extremfall zu Hornhaut auf der Daumenkuppe, geplatzten Stirnäderchen – und dem finalen Logout. Deswegen bieten die meisten Webseiten erst gar keine mobile Version an, selbst wenn das die Zielgruppe genau zwischen die Augen treffen würde: Bei den deutschen Social Communitys etwa haben sich bisher lediglich die Lokalisten und Xing flexible Fassungen geleistet – von den VZ-Sprösslingen hingegen keine Spur. Parallel zum Domain-Gewirr verheddern sich die Unternehmen auch im Kampf um Softwaretechnologien: Setzt die Lieblingsseite nun auf HTML, Java oder Silverlight? Und vor allem: Kann mein Handy das alles überhaupt? Ob Otto-Normal-User wie Tante Frieda aus Egging sich mit derlei Geek-Details auseinander setzen will, ist fraglich. Also lieber gar nicht erst aufs Welt-Symbol auf dem Display drücken – funktioniert eh nicht, und im Zweifelsfall geht was kaputt. Dagegen weiß man auch in Egging dank des Hacks von Paris Hiltons Handy aus 2005: Ein Mobiltelefon ist gar nicht so sicher, wie man immer denkt. Zwar setzt die Industrie große Hoffnung auf Dienste wie M-Payment – doch Schutz gegen versehentlich offene Bluetooth-Verbindungen oder den neugierigen Blick des Nebenmanns an der Ampel aufs Display kann niemand bieten. Betrugsfälle schrecken die notorisch hysterischen Deutschen immer noch von neuer Technologie ab, während die Sicherheitsexperten von Symantec bis Norton die Mini-Endgeräte noch lange nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit betreuen wie die ausgewachsenen Rechner.

Immerhin: keine Viren
Eine Verbreitung erschweren womöglich die schlaffen Bandbreiten, die in der Praxis erreicht werden und an Dynamik an eines sowjetischen Treckers erinnern. Die teils quälende Langsamkeit geht dabei gleich auf ein ganzes Ursachenbündel zurück, darunter auch die Netzinfrastruktur: Wenn sich “zu viele” UMTS-Nutzer in der gleichen Zelle tummeln, geht die Anbindung ziemlich schnell in die Knie. Hoffnung bereitet, dass die Hersteller seit dem diesjährigem Branchenmekka in Barcelona (Mobile World Congress) nahezu serienmäßig auf den Beschleuniger “HSDPA“, und – wie plötzlich etwa Sony Ericsson oder Samsung – auch auf Touchscreens und vollständige Tastaturen setzen. Doof nur: Die neuen Modelle erscheinen erst jetzt oder gar Ende 2008 und kranken noch immer am essentiellen Baustein fürs komplexe Mobiles-Web-Mosaik: der Display-Auflösung. Nur wenige Modelle bieten da mehr als 320 x 320 Pixel an – und vermiesen so jeden Internet-Spaß. Das größte Hindernis bisher für’s barrierefreie Surfen sind jedoch immer noch die unübersichtlichen Gebühren: “Mobilfunkfirmen werden ihr Angebot zunehmend von Volumentarifen hin zu echten Flatrates verändern müssen”, mahnt Peterson. Vor allem die Möglichkeiten des interaktiven Webs – gerne “Web 2.0” geschimpft – sieht er als Motor für den Erfolg. Und dazu braucht’s eben eine entsprechende Bandbreite. Die bisherigen Volumentarife, die vor allem für Dienste wie mobile E-Mail-Postfächer gedacht waren, stehen da nur im Weg. Doch Mobilfunk-Experte Markus Weidner von teltarif weiß: „Es hat bereits ein Umdenken stattgefunden – eine echte Flatrate fürs Handy bekommen Sie heute schon für circa 25 Euro.“ Insofern sei die Situation “gar nicht so schlecht“ – etwa ein Jahr müsse man noch abwarten, dann sei der Durchbruch geschafft.

Einen ersten Hinweise darauf gibt – wie könnte man es anders erwarten – das neue UMTS-iPhone: Das steckten sich am ersten Verkaufstag hierzulande gleich 15.000 Jobs-Jünger in die Tasche. Außerdem wartet mit dem Sony Ericsson Xperia (WLAN, HSDPA, 800-x-480-Pixel-Display, QWERTZ-Tastatur) ein weiteres Highlight fürs Unterwegs-Web in den Produktionshallen. Und selbst in den Bereichen Display, Betriebsplattform und Funkstandard scheint sich die Situation zu verbessern: Mit faltbaren Displays – wie etwa von Polymer Vision mit seinem Prototyp “Readius“ – könnten Streichholzschachtel-Bildschirme bald der Vergangenheit angehören. Zudem soll Google mit dem offenen Android den Zugang zum mobilen Web komfortabler als die Kollegen Symbian und Windows Mobile lösen, sowie WiMax die Spaßbremse UMTS endgültig ablösen. Insofern alles paletti in der Unterwegs-Internet-Wüste Deutschland? Keineswegs – bisher liegt ausgerechnet der vermeintlich niedliche Nachbar Österreich noch in Sachen Mobile Web vorn: Zwölf Prozent mehr Einwohner der Alpenrepublik als Deutsche sind unter freiem Himmel im Internet unterwegs – und die High-Tech-affinen Piefkes um ein digitales Cordoba reicher.

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Elektronische Lebensaspekte.