Das Leben der Frau Schneider, das ist viergeteilt. Platten machen, Platten rausbringen, Platten auflegen und dann noch die eigene Sendung bei Radio Fritz. Geht das? Aber wie. Debug besuchte eine Techno-Aktive und ihren Nachwuchs - ein Treffen mit Anja Schneider und Pan-Pot.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 102

Wenn Anja Schneider Grübchen zieht, einem ins Gesicht lächelt und dann etwas sagt wie “Bei uns ist alles möglich”, dann darf man ihr das ruhig glauben. Alles. Viel. Für den Moment ist das ok, auch wenn der Spruch klingt wie vom Autohaus geborgt. Schließlich hat die Frau aus dem Radio, also Anja, in den letzten zehn Jahren musikalisch eine Menge auf die Beine gestellt. Ihr eigenes Label, Mobilee Records, das gerade zehn Veröffentlichungen alt wird, ist da nur das letzte Glied in einer langen Kette von Jobs und Projekten. Die Geschichte von Anja Schneider beginnt, der Einfachheit halber, irgendwo in der Mitte. 1993. Damals arbeitete sie für DJ-Radio, einen Do-it-Yourself-Sender, aus dem später Kiss FM Berlin hervorging. DJ Tomekk war für das Programm für die polnischen Mitbürger verantwortlich, Paul van Dyk machte zeitweise eine Morgensendung, Ellen Allien “Brain Candy” und Anja Schneider organisierte und koordinierte. Immer schön im Hintergrund. Nach ihrem Wechsel zum Berlin-BrandenburgerJugendsender Radio Fritz, einige Jahre später, kümmerte sie sich dann schließlich dort um Clubmusik. Sie sendete nächtliche Liveübertragungen von Partys, erschuf das “Love Radio” zur Loveparade und begann nach anfänglichen Zweifeln auch ihre eigene Sendung zu moderieren: “Dance under the blue Moon”. Das Konzept war altbewährt. Studiogäste, Live-Sets, Partyprogramm, DJs. Und eben Anja.

SA, 1. April, 23:00: “Liebe Freunde der Nacht, jetzt schnallt euch an.”

Im Büro von Mobilee-Records, einem hübschen hellen Ding in Berlin-Mitte, dessen Zugangsbereich von Anzug-tragenden Rauchern und hungrigen Professionellen belagert wird, erzählt die Moderatorin von dem Moment, als die Dinge so richtig in Bewegung gerieten: “Das Moderieren meiner eigenen Sendung war wirklich das Beste, was ich bisher gemacht habe. Es gibt nichts Schöneres, als einer breiten Öffentlichkeit deine Lieblingsmusik vorzustellen. Und durch die Sendung hat sich dann schließlich auch sehr viel verselbstständigt. Die Anfragen, ob ich nicht auflegen möchte, häuften sich. Am Anfang habe ich das vehement abgelehnt. Ich hatte sehr viel Respekt davor, weil ich schon so lange mit DJs zusammengearbeitet hatte. Und auch da dachte ich zunächst wieder: Das wirst du erst mal nicht gut machen.” Sich nach vorne zu drängen, ist an sich kein Anja-Schneider-Ding. Öffentlichkeit? Musik? Das können bestimmt die anderen besser. Aber dann doch. Aus der Moderatorin Schneider wurde der DJ Anja. Eigene Partys, fremde Partys, und ein wichtiger Gedanke in der Hirnwindung: Ein Label. “Ich hatte schon immer die Idee, das zu machen. Weil mir durch die Sendung wahnsinnig viele Leute Demos geschickt haben. Musik, die sie selbst gemacht hatten. Teilweise sehr gute Musik, teilweise auch weniger gute. Ich hatte auf einmal einen unheimlichen Zugriff auf neue Musik.” Die Anfangsbedingen hätten tatsächlich besser kaum sein können. Eine Rutschpartie. Anja kennt die richtigen Leute, die Leute kennen sie, mögen sie, schätzen ihre Arbeit. Und der Vertrieb stand auch schon in den Startlöchern. Vor einem Jahr war es dann so weit. Die erste Veröffentlichung auf Mobilee (“Too hot”) kam von Sebo K., einem langjährigen Freund, mit dem Anja zuvor bereits die ersten eigenen Nummern produziert hatte. Auch wenn manche nach dieser ersten Platte vielleicht gefürchtet hatten, Mobilee würde stilistisch jetzt noch einmal dasselbe Feld wie Get Physical und Konsorten beackern (also discoid und leicht oldschool sein), zeigten die folgenden Katalognummern, worin die Stärke des Labels liegt: Die Grenzen sind da, aber sie sind so angenehm breit gezogen, dass von Dub-House bis Minimaltechno alles Platz hat. Auf Sebo K. folgte die erste Veröffentlichung von Pan-Pot, einem Berliner Produzententrio, das mit Sebos farbigen, angefunkten Tracks herzlich wenig gemein hat. Pan-Pots Sound ist ein tiefes Rülpsen und Gurgeln, ein Röcheln, Drücken und Ziehen. Psychotisch, aber sehr aufgeräumt und strukturell arrangiert. Anjas eigene Tracks, die mit Sebo oder Marco Resmann von Pan-Pot produziert wurden, sind dagegen, ja was eigentlich? Melodiös? Verspielt? Tendenziell jedenfalls ziemliche Das-Glas-ist-halb-voll-Musik. Der Chefin selbst weiten sich die mandelfarbenen Augen, wenn sie von ihrem eigenen Künstlerstamm erzählt. Expansion? Ach, das muss erst mal nicht sein. Mobilee versteht sich zu einem guten Teil als reines Aufbaulabel. “Wir sind schon relativ offen, aber die Offenheit ist leider durch unsere Kapazitäten begrenzt. Wir sind nun mal ein kleines Label und können nicht alle zwei Wochen eine neue Platte rausbringen. Das wollen wir auch gar nicht. Ich möchte es eigentlich schon so in dem Kreis halten. Sprich: Sebo wird, wann immer er etwas hat, bei uns releasen. Pan-Pot gehören ganz fest zu uns und wir planen das erste Artist-Album für 2007. Exercise One werden eine zweite Platte machen, obwohl die auch ihr eigenes Label Lan Muszik haben. Dann gibt es noch Nhar, das ist ein Franzose, auf den ich aufmerksam geworden bin durch eine Platte, die er auf Plug gemacht hat. Und dann habe ich noch einen absolut hervorragenden Menschen aus Griechenland gefunden, der nennt sich Gummihz. Das ist ein ganz junger Kerl aus London, der jeden Tag Tracks schickt, die unglaublich sind.
Der Gedanke hinter Mobilee war eben: Ich würde gerne ein Label machen und Musik herausbringen, die mir gefällt, von Leuten, die noch keiner kennt, um es ganz platt zu sagen. In der Zusammenarbeit gibt einem das viel mehr, als wenn man sich einen Superstar einkauft, von dem man weiß, wenn du was mit dem machst, wirst du auch die und die Anzahl Platten verkaufen. Ich bekomme dadurch ja auch sehr viel zurück. Mit den Pan-Pots zum Beispiel ist die Arbeit unglaublich, die kannte wirklich noch niemand und auf einmal geht das total Schlag auf Schlag mit denen. Die Jungs legen jedes Wochenende auf, die werden plötzlich von Leuten wahrgenommen, deren Fans sie immer gewesen sind, und das ist eigentlich schon der Hammer.” Das Glückwunschfax von Laurent Garnier haben sie sich eingerahmt. Pan-Pot nehmen neben Sebo K. mittlerweile eine Art Motorenfunktion für Mobilee ein. Die drei Tontechniker Marco Resmann, Tassilo Ippenberger und Thomas Benedix haben ihr Projekt mit Anjas Hilfe gestartet und sind nun so etwas wie die hauseigene Nachwuchshoffnung. Das ist natürlich übler Fussballjargon, gibt uns in der Sache jedoch Grund, einmal nachzufragen, wie Pan-Pot die Dinge sehen.

Panorama-Potenzimeter, va bene?

Der Weg zu den Pan-Pots führt vom Alexanderplatz durch eine dieser Berliner Gegenden, die auch gut im Zentrum von Grozny liegen könnten (also rein städtebaulich). Hinter einem von kahlen Bäumen durchzogenen Betonwald aus Stab- und Kasten-förmigen Wohneinheiten liegt das Studio von Marco Reesmann alias DJ Phage. Das Gebäude: ein rauer, von Brandmauern umrahmter Bürokomplex, ein Hippie-Kasernenhof mit Ausguck, vereinzelte Stacheldraht-Ornamente sind zu sehen. Das angrenzende Waldstück, erzählt Marco dann drinnen, wurde vor kurzem abgeholzt. Der Lärm nervt, die Bagger baggern dort jetzt für Luxusappartements. Auch das nervt. Aber das ist eine andere Geschichte. Erst mal stückeweise Lieferpizza in den leeren Magen kauen, dann Fragen stellen. Die allgemeine Situation des Planeten, kennen wir uns nicht von irgendwoher? Egal. Wir bleiben beim Thema. Musik: Das Rülpsen und Gurgeln mit dem Druck von unten. Marco, der mit den feinen grauen Strähnchen im Haar, ist musikalisch der erfahrendste bei Pan-Pot. Er ist nebenbei auch die eine Hälfte von Luna City Express. Für die anderen beiden war Pan-Pot das erste Mal. Es begann mit einer Tontechnikerausbildung, aber das erzählen die drei am besten selbst.

Thomas: Tassilo und ich waren in derselben Klasse. Es ging gleich am ersten Tag los. Alle haben sich auf dem Schulhof befragt: Und du? Was machst du für Musik? Tassilo: Techno. Ich: Ja, auch! Techno. Minimal? Ja, ich auch! (lachen alle). Das war schon ziemlich cool, wenn man auf der Schule jemanden gefunden hat, der auch Techno macht. Ein Lichtblick, weil ja alles dort mehr Punk und HipHop war.

Marco: Die Techno-Fraktion war eigentlich immer in der Minderheit. In der Schule hast du aus jedem Proberaum Gitarrensound und Schlagzeug gehört. Ich kannte die beiden damals noch nicht, aber es gab einen Raum, wo immer richtig fette Bässe rauskamen.
(lachen)

Tassilo: Wir waren immer die Lautesten!

Marco: Wo die ganzen Dozenten immer meinten, ooh, scheiß Techno. Aber Tassilo und Thomas haben dort echt straight ihren Techno-Sound durchgezogen.

De:Bug: Aber wie kamt ihr dann eigentlich an Anja Schneider?

Tassilo: Wir haben Anja kennen gelernt, weil sie auf einer Party aufgelegt hat, die wir veranstaltet haben. Und da haben wir ihr gesteckt, dass wir auch produzieren.

Thomas: Im Tresor hatten wir sie doch auch schon mal angesprochen …

Tassilo: Du vielleicht, ich nicht.

Thomas: Doch, da waren wir mittwochs zusammen im Tresor. Und da sag ich, cool, kieck mal, da steht Anja (lachen). Wir wollten sie fragen, ob sie eine Party von uns im Radio ansagen kann.

Tassilo: Stimmt. Genau.

Thomas: Und da sind wir hingegangen, so mit ganz großen Ohren. Ey Anja hier, wir sind die und die.

Tassilo: Wie die kleinen Jungs halt.

Tassilo: Danach konnte sie sich dann aber auch an uns erinnern.

De:Bug: Ihr habt ja mittlerweile schon zwei Platten bei Mobilee untergebracht, wodurch zeichnet sich für euch denn das Label aus?

Marco: Unabhängig davon, dass Anja Schneider Anja Schneider ist, ist es bei Mobilee einfach sehr familiär. Man kommuniziert sehr viel, man sieht sich sehr viel, abgesehen davon, dass ich momentan ja auch mit Anja produziere. Ich habe gerade eine Platte mit Daniel Dreier auf Klang gemacht, und das ist zum Vergleich ein Label mit vielen, vielen Künstler und einem sehr großen Netzwerk, wo du natürlich viel leichter untergehen kannst.

Tassilo: Es war auch noch nie so, dass Anja jetzt wirklich mal gesagt hätte, dass ihr was nicht gefällt. Es war immer so, dass sie gesagt hat: Ja geil, will sie haben.

Marco: Für Künstler ist es das Beste, was es gibt, wenn man eine Plattform hat, wo man in gewissen Abständen veröffentlichen kann. Ich finde es nicht cool, wenn Künstler auf tausend verschiedenen Labels veröffentlichen. Das ist für das Label scheiße, das die Aufbauarbeit leistet, und für den Künstler im Endeffekt auch. Und bei Mobilee haben wir eben so eine Plattform gefunden.

Bei so viel geballter Schmeichelei wäre ein bisschen Ablästern vielleicht gar nicht schlecht. So zum Auf-den-Boden-Kommen. Um den Sonnenschein zu verdauen. “Anja Schneider ist Anja Schneider”, das dürfte bis hierhin klargeworden sein. Aber wo ist der Haken an dieser Frau? Was sie für eine sei, die Chefin, will ich wissen, als der Tag sich langsam dem Ende neigt. Fest in die Augen geschaut: Jetzt mal ganz unter uns. “Gute Chefin. Sehr gute Chefin”, kichert Tassilo. Ja, klar. Der meint das ernst.

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Elektronische Lebensaspekte.