Mobiltelefone sind auf dem Weg zum Mini-Computer. So überflüssige Funktionen wie WAP werden durch individuell abgestimmte Aufrüstungsmöglichkeiten ersetzt werden. Nebenbei bricht dabei das 247. Kapitel des Softwarekrieges los. Microsoft sitzt in den Startlöchern und grinst. Aber es gibt Gegenwind.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 70

Hallo Computer?
Dein Mobiltelefon wird ausbaubar

Wir sind ja gar nicht so. Eigentlich wollen wir ja nur, dass diese kleinen Mobiltelefone leicht verständlich zu bedienen sind, wir wollen mit ihnen telefonieren können und vielleicht auch noch ‘ne SMS schicken. Abgesehen davon müssen sie natürlich gut aussehen. Technisch jedoch sind wir zum Leidwesen der Mobiltelefonindustrie eigentlich vollkommen mit den Basics zufrieden. Ist eben nicht wie bei dem Mooreschen Gesetz, mit dem der ehemalige Intelchip-Boss aufgezeigt hat, dass sich das Können der Prozessoren in unseren Computern exponentiell entwickelt – und wir User damit andauernd gezwungen sind, nach einigen Jahren den lieb gewonnenen Rechner technologisch upzugraden. Ganz klar, bei den Handies treibt uns weniger das technologische Können vorwärts als vielmehr ihr Aussehen – wer will heute schon noch mit einer Oberschenkelknochen-großen Keule telefonieren.

Das Kleine lernt sprechen!
Aber es tut sich was bei unseren kleinen Begleitern. Was ist zwar noch nicht ganz klar, dafür aber wie. Bis jetzt waren Handies ja kleine abgeschlossene Einheiten. Man kaufte sie, und wenn man sie nicht im Funkloch versenkte, konnte man mit anderen kommunizieren. Fertig. Seitdem sie jedoch in den letzten Jahren verstärkt begonnen haben, nicht nur untereinander, sondern auch mit unseren Rechnern über Infrarot-Schnittstellen oder Bluetooth zu reden, steht eine kleine Revolution an. Das Handy wird erwachsen, es kommt in die Adoleszenz, wird zum Minicomputer. Ab sofort haben wir nicht mehr einfach abgeschlossene Einheiten vor uns, mit denen wir verflixt noch mal zurecht zu kommen haben, wir können sie einrichten. Wie? Indem wir über die Schnittstelle zu unserem Rechner Software draufspielen. Und zwar nicht nur irgendwelche doofen Klingeltöne oder Spiele, nein. Mehr und mehr veröffentlichen die Handyhersteller ihre Software-Standards, so dass auch unabhängige Programmierapplikationen entwickelt werden können. Das ist auch dringend notwendig, denn der langweiligen Mobiltelefonindustrie fällt nun wirklich auch gar nichts Kreatives ein, mit dem man auch nur einen durchschnittlich neugierigen Nerd hinter dem Bildschirm vorlocken könnte.

Mainstream
Das Problem – im Gegensatz zur hochgradig experimentellen Technologieforschung der Fünfziger (man höre und staune, stimmt aber), die etwa mit dem ARPANET den Vorläufer des Internet hervorgebracht hat, auch wenn zu Beginn kein Mensch genauer wusste, was man damit anfangen könnte, oder in XeroxPark eine ganze Bande von Jungs nicht besonders ergebnisorientiert, dafür aber absurderweise um so effektiver herumspielen ließ – im Gegensatz dazu sind heute sämtliche Entwicklungen für das Handy extrem gewinnmaximierend ausgerichtet. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, dass jeder Entwickler einer großen Handyschmiede vor ein Schild gesetzt wird, auf dem in dicken Buchstaben “UMTS – Remember 99 Milliarden Euro an Eichel” steht. Schluck. Das heißt, die Entwickler haben nicht spielerisch herumzufusseln, sondern werden darauf getrimmt, Dinge zu entwickeln, die von vielen einzelnen Kaufeinheiten erworben werden wollen müssen. Von vorneherein bastelt man also nur an mainstreamigen Anwendungen. Stadtzeitungsquatsch also (wo läuft hier der nächste Film, wo gibt es das nächste Restaurant und wie stehen die Bundesligaergebnisse) bzw. die unvermeidlich zu unserer Gesellschaft gehörenden Sexangebote des Great-Porno-Empire. Auf dem Handy braucht dieses Zeug aber kein Mensch, nicht einmal ein mainstreamiger. Ist ja auch logisch: Es ist immer schlecht, Dinge anzubieten, die erfolgreich schon in einer anderen Form existieren. Viel Neues ist deshalb also in den letzten Jahren nicht auf dem Handysektor passiert, die Datendienste GPRS, HSCSD und WAP sind mehr oder weniger folgenlos geblieben. Man kann sich Klingeltöne runterladen, Mini-Bilder per MMS verschicken, das sind dabei noch die besseren Ideen – im Gegensatz zu dusseligen WAP-Angeboten, die uns mit überflüssiger News-Versorgung (ziemlich nah am Spam, diese Sache) eh nur das Geld aus der Tasche ziehen. Doch jetzt gibt es Licht am Horizont. Denn jetzt kommen die Schnittstellen.

Handy an, Software rein
Schnittstellen sind eine feine Sache. Sie erlauben einem, zusätzliche Applikationen auf Geräte zu laden, es sich also individuell auf den Dingern einzurichten und die notwendigen Daten dafür hin und her zu transferieren. Mit dem Update des Adressbuchs zwischen Mobiltelefon und Computer hat alles begonnen. Dann kam der Terminkalender dazu, das Gefussel mit den Klingeltönen, jetzt werden es mehr und mehr auch vor allem Java-basierte Spiele, mp3 -Songs, kleine Filme und Bilder, die man mit den (noch) schlechten Kameras der ständigen Begleiter aufnimmt und in Anlehnung an SMS MMS getauft hat. Das ist jedoch erst der Anfang. Es hat lange gedauert, aber schließlich scheinen es auch die Handyhersteller hierzulande kapiert zu haben: Wirtschaftlich ist die Möglichkeit des Bespielens der kleinen Geräte eine späte, aber notwendige Strategie. Denn da wir demokratische Gesellschaften zunehmend nicht mehr praktisch normierte große Blöcke bilden, denen man etwas unterjubeln kann, sondern kleine wohl separierte Einheiten, bleibt kein Ausweg, als die Plattform “Mobiltelefon” für individuelle Applikationen zu öffnen. Das ging bereits los, beispielsweise mit iMode und vor allem in Japan, wird jetzt aber noch besser. Für die Bluetooth-fähigen SonyEricssons trägt der offene Standard seit einiger Zeit auch bereits die ersten Früchte. Der schwedische Programmierer Jonas Salling hat mit dem SonyEricsson Clicker eine Software geschrieben, mit der man das Bluetooth-Handy als Fernbedienung für den Apple MacOSX-Computer benutzen kann – iTunes an und aus, lauter und leiser stellen und Präsentationssoftware wie Powerpoint oder Keynote mit dem Handy steuern. Für Windows-Applikationen ist bisher nur bekannt, dass man das Handy mit dem Computer steuern kann, umgedreht das Kleine als Fernbedienung für den großen Computer zu nutzen, auf so eine Anwendung sind wir bisher noch nicht gestoßen. Nicht dumm unterstützt Apple die Software und diesen Vorsprung auch offiziell. Auch in England hat sich jemand da dran gemacht, mit einer Software namens Romeo ein Remote Control für Macs zu basteln. Und das ist doch mal eine hochgradig sinnvolle Angelegenheit.

Software-War
Die Programmierschnittstellen für weitere Applikationen zu öffnen, wird auch aus anderem Grund notwendig sein. Denn wie man es sich schon denken konnte: Wo es um Software geht, ist Microsoft nicht weit. Schon seit einiger Zeit hat der Konzern das Handy als Software-Plattform gespottet und macht sich fleißig an seine Lieblingsbeschäftigung, den Software-War. Konkret geht es Microsoft darum, ihr Smartphone-System als Standard-Betriebssystem für Handys und Organizer durchzudrücken. Das wollen sich die Mobiltelefongiganten natürlich nicht gefallen lassen. So haben schon vor Jahren die finnische Firma Nokia, die amerikanischen Motorola und die japanisch-schwedische Kooperation SonyEricsson zusammen mit Siemens und – jetzt neu! – Samsung etwas namens “Symbian” als gemeinsame Firma gegründet, um sich koordiniert auf gemeinsame Betriebssysteme zu einigen und Microsoft etwas entgegensetzen zu können. Aktuell läuft Slashdots Lieblingstelefon SonyEricsson P800 damit, das Nokia 7650, 3650 und der Communicator, die Spieleplattform Nokia N-Gage und auch – coming soon – das Siemens SX1. Microsoft dagegen denkt sich wie immer, Masse macht’s, und bastelt demnächst mit dem zweitgrößten Mobilfunkunternehmen im bevölkerungsreichen China an einer Handy-Plattform. Auch T-Mobile kooperiert mit der expansionswilligen Firma, während Motorola sich gerade für Linux als Hauptbetriebssystem entschieden hat. Klarerweise kommen die Handyfirmen an Microsoft jedoch nicht vorbei. Je mehr die Handys an den PC gebunden werden – und das wird mehr werden -, um so mehr könnte Microsoft seinen alten Windows-Vorteil ausspielen. Nicht umsonst hat Nokia bei der EU Beschwerde über die Monopolstellung von Microsoft eingereicht. Denn auch sie, die federführend hinter dem Symbiankonsortium stehen und als größter europäischer Handyhersteller das meiste Gewicht haben, kommen an Redmond nicht vorbei. Per Windows-Software Remote S60 lässt sich Nokias Smartphone 7650 und wohl auch das kommende 3650 einfach vom PC aus fernsteuern, so dass man zum Beispiel Kurznachrichten mal eben mittels der PC-Tastatur tippen kann. Der Software-War hat also gerade erst begonnen zu grummeln. Und klar: Wir werden die Mäuse spitzen und berichten.

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Elektronische Lebensaspekte.