Vergesst die Batterien! Dank der Retrotechnologie des Uhrwerks kann jetzt die mobile Revolution richtig loslegen. Und zwar 6 Minuten lang bei 45 Sekunden aufziehen! Dafür werden die Gorillas dann endlich in Ruhe gelassen. Und das ist doch was, finden wir.
Text: Oliver Koehler aus De:Bug 70

The Wind-Up Handy Chronicle
Motorola entwickelt Handies zum Aufziehen

Die Batterie. Als Herzstück der Mobile Economy werden technologische Fortschritte in der Performance dieser lebenswichtigen Komponente beinahe wie heilige Segen, das Auslaufen des dritten Balkens im Handy-Display als persönlich gemeinter Fluch empfunden. Die Batterie, sie befreit uns, und verwandelt uns in Stromjunkies, die lechzend Wände nach Steckdosen abklappern, um ein paar Volt zu schnorren. Dass sich jetzt aber das 14. Jahrhundert meldet, um uns über das schwerwiegende Dilemma unserer Elektro-Abhängigkeit im 21. Jahrhundert zu verhelfen, daran hätten nur die wenigsten gedacht.
Die Technologie, die den Beginn der befreienden “No Batteries Needed” Ära einleiten soll, ist erstaunlicher Weise kein Kind militärischer Forschung, sondern in den Labors der Mobile Economy gebrütet worden: Seit Mitte letzten Jahres produziert Motorola zusammen mit der scheinbar fried- und friedensliebenden “Freeplay Energy Group” serienmäßig Handylader zum aufziehen. Das “Motorola Freecharge”, sozusagen eine Art Uhrwerk-Akkuladegerät. Zwar funktioniert das Ladegerät, technisch streng genommen, nicht auf der Basis eines Uhrwerks, dafür aber wie ein Uhrwerk-Apparat, da Strom durch Aufziehen eines Generators erzeugt wird. Die Energie gelangt auf zweierlei Art ins Mobiltelefon. Eine NiMH-Batterie im Freecharge Gerät wird beim Aufziehen oder ganz old-skool per Steckdose aufgeladen und versorgt das Handy mit Energie. Alternativ dazu kann man direkt während dem Aufziehen, quasi mit manuellem Strom-Streaming, das Mobiltelefon am laufen halten.
Laut Motorola reichen schon 45 Sekunden Aufziehen, um genügend Energie für 4 bis 6 Minuten Sprech- und etwas schwammige “mehrere Stunden” Standby-Zeit zu erzeugen. Um die Freecharge Batterie vollständig aufzuladen, wären allerdings 35 Minuten nötig. Die erste gute Nachricht ist, dass die NiMH-Batterie, sobald sie mit Energie aufgetankt wurde, nur geringfügig Energie zwischen den Ladegängen verliert.

Libertad! No batería!
Die andere gute Nachricht ist, dass dieses Gerät ethisch gesehen ganz neue Dimensionen im Bereich der Mobil-Moral erschließen könnte. Damit ist nicht nur der feuchte, mobile Kommunikationstraum gemeint, der von Euphorikern aus den hochmodernen Gesellschaften propagiert wird, und demnach die gesamte dritte Welt ans mobile Netz bringen soll. Es mag zwar sein, dass die ca. $100 für ein Mobiltelefon die inzwischen exponentielle Zahl von 28 Millionen Afrikaner nicht vom Kauf eines Handys abgeschreckt haben, und dass vermutlich die $50 für das Freecharge ein paar weitere Millionen ebenfalls nicht abschrecken werden. Dafür hegen aber etliche, weitere Millionen ganz andere, existenzielle Sorgen. Nein, die moralische Dimension, die sich vordergründig auftut, hängt natürlich mit dem Potential eines ökologischen Wandels zusammen.
Wie Umweltschutzorganisationen und die UN herausgefunden haben, seien nämlich die meisten Handy Batterien in Blut getränkt; einerseits in das der Gorillas im Kongo, die unter dem Abbau des Coltan Erzes, das als Supraleiter in Handy Batterien benutzt wird, leiden. Und in das der Opfer des dortigen Bürgerkrieges, der durch den Abbau und Verkauf des Mineralstoffes anscheinend mitfinanziert wird. Wie ein Sprecher der Umweltorganisation “Friends Of The Earth” dem Guardian erklärte, wird mit der Umstellung auf eine Energiequelle, die von Menschenhand erzeugt wird und somit Emissionen reduzieren hilft, der Weg für ein allgemeines Umdenken in Sachen nachhaltige Energie geebnet. Letzten Endes ist es also nicht nur praktisch, sondern eher höchste Zeit, dass sich so etwas wie Freecharge meldete, um uns von den Zwängen der Batterie zu befreien.

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Elektronische Lebensaspekte.