Das Verschicken von kleinen Bilder per MMS hat sich in Japan sofort durchgesetzt. Nicht verwunderlich, denn Bilder haben dort einen besonderen Stellenwert. Sie gelten nicht platonisch verseucht als oller Schein, sondern sind kulturell als Teil der Wirklichkeit bestimmt. Sie begleiten einen - und haben noch dazu den Vorteil, von Zeit zu Zeit besser auszusehen als der Alltag.
Text: Johanna Pagels aus De:Bug 70

Begleitet von Bildern
MMS und das Leben in Japan

Tokyo – Shibuya
Sonntag Nachmittag. Menschenmassen wühlen sich über die Mega-Kreuzung am Hachiko-dog. Der Sound von drei verschiedenen riesigen Plasmabildschirmen, die an den umliegenden Einkaufscentern befestigt sind, schallt auf die Straßen. Dazu mischen sich die unterschiedlichen Werbesongs der Geschäfte – am schlimmsten ist Big Camera: “biiicu bicu bicu bic cameraaa!” Bleibt sofort und für immer im Gehirn hängen. Und natürlich das ewige Gedudel der Cellphones oder Mobiles. Am beliebtesten sind aktuelle japanische Popsongs als Klingeltöne. Von Misia zum Beispiel.
Da plötzlich steht er mitten im Gewusel: Das bescheuerte David-Backham-Imitat, das hier seit Wochen in jeder Talkshow im Fernsehen zu sehen ist. Bodydouble heißt das wohl. Erzählt der doch allen Ernstes im Fernsehen, dass es ein verdammt harter Job ist, sich jeden Tag zu erkundigen, ob der echte David Beckham beim Friseur war oder sich sonstwie äußerlich verändert hat. Den Japanerinnen ist es völlig wurst, ob echt oder nicht – der sieht so aus und ist gerade oberhip, also loskreischen und schnell fotografieren. Sie holen ihre Handys raus und fotografieren ihre Freundinnen abwechselnd mit dem Fake-Beckham. “Bakuhamu-san, bak hamu-san!” Der grinst etwas zu gewollt lässig und versucht sich wahrscheinlich einzureden, dass er auch ein toller Typ ist.

Ein Fernsehwerbespot
Eine junge Frau, Mitte zwanzig, modern und erfolgreich, sitzt in ihrem stilvoll eingerichteten Wohnzimmer lümmelig auf der Designercouch. Sie schaut gelangweilt auf den Fernseher. Gelangweilt? Nein, da ist noch etwas anderes. Eine gewisse Melancholie oder Enttäuschung vielleicht.
Dann klingelt ihr Handy: eine Movie-mail. Ihre drei besten Freunde, junge, spontane und erfolgreiche Typen, stehen irgendwo draußen. Es ist Abend und im Hintergrund sieht man eine große Uhr mit leuchtender Digitalanzeige. In dem Moment springt sie auf 0:00 Uhr und die drei feschen Knaben fangen an “Happy Birthday” zu singen – sehr enthusiastisch. Der am besten aussehendste kommt mit einer Torte Richtung Kamera und pustet die Kerzen aus. Er zwinkert ihr verheißungsvoll zu. Sie lacht und tanzt glücklich durch die Wohnung. Das Feuerwerk im Hintergrund war nicht ganz billig.

Tokyo-Germany in zwei Sekunden
Das Beste ist, Emails von Shunken zu bekommen. “Hi how is it going lately? I?m just studying english, and felt thirsty? I drank JAVA-tea (you can see the photo), and came to life! So what? Just it. It was so marvellous, that I told you ? just because.? Shunken Yokoyama ist ein japanischer Zen-Mönch, der gerade in einem großen Tempel in der Nähe von Tokyo sein Training absolviert. Das ist eine Art Lehre, die Mönche machen müssen, um später einmal selber einen Tempel leiten zu können. Shunken wird den Tempel von seinem Vater übernehmen, der schon seit 400 Jahren in der Familie ist, und immer vom Vater zum Sohn weitergegeben wird.
Shunken ist die wahrhaftige Verkörperung aller japanischen Ideale: Er ist immer hundertprozentig bei der Sache, gibt immer sein Bestes. Er ist großzügig und hilfsbereit, wie es für uns Westler nur schwer vorstellbar ist. Shunken ist 24 Jahre alt, Harley Davidson-Fan, und träumt davon, einmal mit seinem eigenen Motorrad durch die Welt zu fahren. Er mag deutsche Elektro-Musik und spielt gerne Fußball im Tempelhof, wenn keiner guckt – “This is highly illegal” sagt er dazu und grinst verschmitzt.
Er schickt mir Emails mit seinem Handy und Bilder, die er mit seiner Handycamera gemacht hat: Der Tempel im Schnee, die Flasche Java-Tea, Shunken, wie er verschlafen um 3.00 Uhr morgens Tee trinkt, Shunken, wie er in die Kamera grinst … Und schon kommen ein paar Bits Tokyo in Echtzeit hier her.

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Elektronische Lebensaspekte.